Welzow in Brandenburg Hinter der Abrisskante geht's weiter

Stand: 29.03.2021 04:30 Uhr

Eigentlich hätten große Teile Welzows den Baggern weichen müssen. Doch seit dem Kohlekompromiss hat die Stadt plötzlich Perspektiven - und die reichen bis hin zu Löschflugzeugen.

Von Andre Kartschall und Andreas König, RBB

In Welzow endet die Welt 200 Meter hinter dem letzten Haus. Dann kommt die Abbruchkante und dahinter der Braunkohletagebau Welzow-Süd. Eigentlich sollte auch Welzow zum großen Teil "abgebaggert" werden, so war jahrzehntelang der Plan - doch dann kam der Kohlekompromiss.

Nun darf die 3300-Einwohner-Stadt stehen bleiben. Beziehungsweise das, was von ihr noch übrig ist: Überall stehen Häuser leer und verfallen - die unsichere Zukunft hat die Stadt schrumpfen lassen.

"Wir sind erleichtert"

Das Ehepaar Tetsch steht vor seinem Haus und freut sich. "Wir sind natürlich erleichtert, viele sind erleichtert, die hier bleiben können, ihre Häuser, ihre Heimat behalten können", sagt Sybille Tetsch. Ihr Eigenheim hätte weichen müssen - inklusive dem kleinen französischen Restaurant und dem 4000 Quadratmeter großen Garten.

Tetschs waren bewusst in die "Stadt am Tagebau" gezogen - um zu bleiben. Geht es nach ihnen, wird aus dem Örtchen eine grüne Vorzeigestadt mit erneuerbaren Energien. Eigentlich könnte es damit sofort losgehen, finden sie.

Sie selbst investieren schon in die neu gewonnene Zukunft und bauen ihr Restaurant aus. "Wir erwarten sehr viel mehr Gäste jetzt, da auch klar ist, dass wir bleiben", sagt Alexander Tetsch. Spätestens wenn Corona vorbei ist, soll es richtig losgehen. Ein Dorf - zwei Seiten. Tetschs stehen allerdings nur für die eine Seite von Welzow.

Nicht alle sind zufrieden

Es gibt auch Menschen, die mit dem Tagebau immer einverstanden waren - und sich schon auf ein neues Leben vorbereitet hatten. Horst Buder verbrachte sein ganzes Leben in Welzow. Dennoch hatten er und seine Frau Sabine schon akzeptiert, dass ihre Zeit hier vorbeigeht. "Wir haben die Einsicht gehabt, dass wir nun auf dem Gebiet hier wohnen, wo die Kohle gebraucht wird, dass wir da weg müssen. Wir haben das nicht so verbissen gesehen", sagt Sabine Buder.

Für ihren Hof hätten sie eine Entschädigung erhalten. Deshalb kaufte das Ehepaar bereits ein Baugrundstück in der Umgebung. Ein kleines Eigenheim sollte es werden, anstelle des großen Hofs. Nun wurde ihr Zukunftsplan durch den Kohleausstieg hinfällig.

"Für oder gegen die Kohle?" Das war immer die entscheidende Frage. Jahrzehntelang verlief durch Welzow ein Riss, Nachbarn grüßten sich nicht mehr, Familienfeiern endeten im Streit. Nun sollen alle miteinander entscheiden, wie die Zukunft aussehen wird.

Frank Degen | Bildquelle: Andre Kartschall
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Frank Degen setzt auf eine europäische Löschflugzeugstaffel.

Von Welzow aus Waldbrände löschen?

Der Unternehmer Frank Degen hat da eine Idee - und die ist ziemlich groß: Welzow soll Heimat für eine europäische Löschflugzeugstaffel werden, die im Sommer auf dem ganzen Kontinent Waldbrände bekämpft. Was ein bisschen nach Hirngespinst klingt, ist auf den zweiten Blick womöglich Welzows größte Chance.

Geografisch liegt der Ort optimal - mitten in Europa. Und die EU signalisierte bereits, dass sie 90 Prozent der Fördermittel übernehmen würde. Käme die Staffel, würden weitere Ansiedlungen folgen, glaubt Degen: "In der Forschung und Entwicklung, in der Luftfahrt, im Rettungswesen".

Flugplatz Welzow | Bildquelle: Andre Kartschall
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Starten von hier eines Tages Löschflugzeuge?

Hohe bürokratische Hürden

Aus dem Abrisskandidaten Welzow würde ein Vorzeigestandort werden. Doch bislang ist alles nur eine Vision. Denn die bürokratischen Hürden scheinen hoch. Welzows Bürgermeisterin Birgit Zuchold war jahrelang damit beschäftigt, alle Seiten - Tagebaubefürworter und -gegner unter einen Hut zu bringen. Nun steht auch sie vor der Frage: Wie geht es jetzt weiter?

Den Technologiestandort Welzow wird es nicht über Nacht geben, sie rechnet mit fünf bis sechs Jahren, bevor es losgeht - wenn es denn losgeht. "Das hat was mit der Förderpolitik zu tun - und zum anderen sind es die Kommunen, denen schlicht und ergreifend die Startschussfinanzierung fehlt", sagt Zuchold.

Momentan ist kein Geld in der Stadtkasse. Seit die Einnahmen durch die Braunkohleindustrie zurückgehen, muss gespart werden. Die Stadt muss sogar nachträglich Steuern zurückzahlen - und hat für Sonderprojekte nichts mehr übrig. Welzows Vergangenheit als Braunkohlestandort droht die Zukunft zu verbauen.

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 29. März 2021 um 22:15 Uhr.

Korrespondent

Andre Kartschall | Bildquelle: rbb/Gundula Krause Logo RBB

Andre Kartschall, RBB

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