Eine Vogelscheuche auf einem Feld in der Nähe von Gorleben | Bildquelle: AFP

Gorleben und die Folgen Die ewige Suche nach einem Atom-Endlager

Stand: 27.09.2020 18:01 Uhr

Im Streit um ein Endlager für hochradioaktiven Atommüll fällt morgen eine Vorentscheidung. Was ist bislang alles schiefgelaufen und was soll jetzt besser laufen? Eine kurze Geschichte der Endlagersuche.

Von Marcel Heberlein, ARD-Hauptstadtstudio

Deutschland hat ein Problem - und das seit 1962. Da ging das erste Atomkraftwerk an den Start. Seitdem gibt es Atommüll - und Proteste sowieso. Jo Leinen war dabei. Schon Mitte der 1970er-Jahre ging er gegen Kernkraftwerke auf die Straße und schrieb gegen sie an. Atomenergie, das war für ihn schon damals "ein Flugzeug, was startet, aber keine Landebahn hat, um wieder runterzukommen".

Wo der ganze stark strahlende Atommüll irgendwann einmal landen soll, verkündete die niedersächsische Landesregierung 1977: im Salzstock von Gorleben. Aus der Sicht von Jo Leinen hatte diese Entscheidung alle Fehler, die eine politische Entscheidung haben kann: "Es gab keine Information der Öffentlichkeit, keine ordentliche Bürgerbeteiligung, es war von oben herab entschieden worden, es kommt an die Grenze zur DDR und damit ist unser Problem gelöst. Und wie man weiß, war das Problem mitnichten gelöst."

Gorleben wird zum Pilgerort

Für die Anti-Atombewegten wird Gorleben zum Pilgerort. Die "Freie Republik Wendland" wird ausgerufen, es gibt Besetzungen und Aktionen, Bauern und Hippies protestieren gemeinsam. Immer mehr Zweifel kommen auf, ob das Salzgestein in Gorleben wirklich als Endlager taugt.

Die Bundesregierung aber will den Standort mit aller Macht durchdrücken. Unter der Erde entsteht ein Erkundungsbergwerk, über der Erde ein Zwischenlager. 1995 rollen die ersten Castortransporte nach Gorleben - der Widerstand ist massiv.

Doch erst die rot-grüne Bundesregierung legt das Projekt im Jahr 2000 auf Eis. Unter Kanzlerin Angela Merkel wird die Erkundung zwar kurz wieder aufgenommen, wenig später aber doch wieder gestoppt - bis heute.

Vertrauen wurde zerstört

Was in Gorleben passiert ist, macht den Weg nach vorn jetzt nicht leichter. Klaus Töpfer, viele Jahre Bundesumweltminister der CDU, räumt Fehler ein: "Was falsch gemacht worden ist: Dass das Vertrauen in politische Entscheidungen massiv zerstört und infrage gestellt worden ist. Und das wiederzugewinnen, soll ja gerade auch durch das neue Standortsuchverfahren gewährleistet werden."

2017 hat der Bundestag beschlossen, dass die Suche komplett neu gestartet wird - Union, SPD und Grüne stimmten gemeinsam dafür. Schon sechs Jahre vorher, nach der Reaktorkatastrophe von Fukushima, war das Aus für alle Atomkraftwerke besiegelt worden.

Atomkraftgegner Leinen sieht eine neue Chance: "In zwei Jahren sollen die letzten Atomkraftwerke vom Netz gehen, es wird also kein weiterer Atommüll produziert. Und da muss ja dann auch jeder, der bei Vernunft ist, einsehen, dass irgendwo irgendwann der Atommüll einen Standort finden muss, wo er sicher untergebracht wird."

Doch bis das irgendwo irgendwann Wirklichkeit wird, hat Deutschland ein Problem.

Gorleben und die Folgen: Die Geschichte der Endlagersuche
Marcel Heberlein, ARD Berlin
27.09.2020 16:13 Uhr

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Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 28. September 2020 um 09:00 Uhr.

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Marcel Heberlein, RB

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