Kommentar

Grüne und die K-Frage Baerbock fängt gerade erst an

Stand: 16.11.2019 18:20 Uhr

Bei allen Erfolgen: Die Grünen tun gut daran, die K-Frage hinauszuzögern. Und wenn das nicht gelingt? Nicht nur ihr Rekordergebnis spricht für die Parteichefin als Kanzlerkandidatin.

Ein Kommentar von Sabine Henkel, ARD-Hauptstadtstudio

Was ist nur aus diesen Grünen geworden? Sie wählen ihre Parteivorsitzenden mit über 90 Prozent und stehen nach ihren Reden sinnbildlich auf den Tischen. Ach was, sie schweben auf Wolke Grün - kein Gegenwind, kein Gewitter, nicht Mal ein Lüftchen. Farbbeutel-Werfen ist längst keine Parteitagsdisziplin mehr. Für Debattenbewegung sorgt höchstens noch das Jonglieren mit Globuli-Kügelchen. Langweilig? Keineswegs. Es ist verantwortungsbewusst und zielorientiert.

Hadern, Zaudern, Zanken - das war gestern. Heute heißt es Marsch, Marsch geradeaus. Geradewegs ins Kanzleramt, zumindest aber auf die Regierungsbank. Wunschdenken, ja, das ist es, aber es ist ausgesprochen - mehr als deutlich. Aus Hoffnungen Wirklichkeit machen, sagt Robert Habeck. Was so viel heißt wie: Zustimmungswerte um die 20 Prozent für eine konsequente Klimapolitik in grüne Gesetze bringen.

Doch Vorsicht: Auch Umfragewerte haben ein Verfallsdatum. Und ein Parteitagsjubelfest ist noch lange keine Wahlparty. Nachzufragen bei Martin Schulz. Wer das nochmal war? Genau: der zu früh gefeierte und dann tief gestürzte SPD-Kanzlerkandidat.

Baerbock oder Habeck?

Die Grünen sind gut beraten, die K-Frage so lange wie möglich hinauszuzögern. Und dann: Habeck oder Baerbock? Er bekam 90, sie 97 Prozent. In der Partei hat sie offenbar mehr Rückhalt. Es ist ungerecht, dass nur er in den Medien als künftiger Kanzlerkandidat gehandelt wird. Baerbock führt die Partei ja nicht schlechter als er. Sie ist themensicher und inhaltsstark.

Ja, sie ist erst 38, aber was heißt das schon? Der französische Präsident wurde mit 39 gewählt und ist gerade mal 41, der Ex-Kanzler in Österreich ist sogar erst 33. Stimmlage und Sprechgeschwindigkeit sind keine Qualifikationsmerkmale. Aber so ist das: Bei Frauen liegt die Latte eben immer höher als bei Männern.

Nicht aber bei den Grünen. Sie lassen den Frauen gern den Vortritt. Nicht aus Höflichkeit, sondern aus Gründen der Gleichberechtigung und Frauenförderung. Am Ende wird es darum gehen, wer mehr Wähler und Wählerinnen überzeugen kann. Gemeint sind nicht die Stammwähler und Klimaretter, denen geht es um die Sache, sondern das Wählerpotenzial in der Mitte, das nicht weiß, wohin die CDU steuert und wie tief die SPD noch sinkt.

Warum sollte es nicht Baerbock sein, die als Kanzlerkandidatin in den Wahlkampf zieht? Die Partei hat sie ja auch überzeugt. 97 Prozent - Baerbock hat noch lange nicht fertig. Sie fängt gerade erst an.

Kommentar: Baerbock auf Wolke grün!
Sabine Henkel, ARD Berlin
16.11.2019 18:17 Uhr

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Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 16. November 2019 um 17:00 Uhr.

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