Der angeklagte Stephan B. wird in Handschellen in den Gerichtssaal geführt.  | Bildquelle: dpa

Ermittlungen auf Gaming-Plattformen "Definitiv Nachholbedarf"

Stand: 20.12.2020 18:03 Uhr

Für Sicherheitsbehörden sind Extremisten wie der Attentäter von Halle nur schwer greifbar. Auch weil die Internetplattformen, auf denen sich Stephan B. bewegte, für viele Ermittler unbekanntes Terrain sind.

Von Florian Flade, WDR

Die verstörenden Bilder waren Stephan B. offenbar sehr wichtig. Comic-artige Zeichnungen von jungen Frauen in Nazi-Uniform mit Hakenkreuz-Binde, daneben Leichenberge, Verbrennungsöfen und brennende Israel-Flaggen. Zahlreiche solcher Darstellungen fanden die Ermittler auf den Computern des Attentäters von Halle. Es seien vor allem "antisemitische, rassistische, fremdenfeindliche, frauenfeindliche und gewaltverherrlichende Inhalte", notierten die BKA-Beamten.

Große Herausforderungen

Am Montag soll am Oberlandesgericht Naumburg das Urteil gegen Stephan B. fallen. Der 28-Jährige hatte am 9. Oktober 2019, dem jüdischen Feiertag Jom-Kippur, einen Anschlag auf die Synagoge von Halle verübt. Mit Waffen, die er nach Anleitungen aus dem Internet selbst zusammengebaut haben soll. Die verschlossene Eingangstür der Synagoge hielt stand, B. kam nicht herein. Stattdessen erschoss er eine Passantin und später einen jungen Mann in einem Döner-Imbiss. Seine Tat filmte er und streamte sie live ins Internet.

Stephan B., das zeigte der Prozess anschaulich, gehört offenbar einem neuen Tätertypus an, der Sicherheitsbehörden vor große Herausforderungen stellt. Weitestgehend sozial isoliert, soll sich der junge Mann, vor allem im Internet radikalisiert haben. Auf sogenannten Imageboards wie 4Chan, Nanochan oder Meguca, auf denen oft unbemerkt auch Hass und Hetze verbreitet werden. Hier ist offenbar mancherorts eine Internet-Subkultur entstanden, in der Rechtsterroristen wie der Attentäter von Christchurch oder der Norweger Anders Breivik als "Helden" oder gar "Heilige" verehrt werden. Und in denen auch schon mal zu ähnlichen Taten aufgerufen wird.

Unbekanntes Terrain

Für die Ermittler des BKA waren die Internetforen und Gaming-Plattformen, auf denen sich Stephan B. oft viele Stunden jeden Tag virtuell bewegte, offensichtlich unbekanntes Terrain. Im Prozess gegen ihn mussten sie zugeben, dass sie kein wirkliches Fachwissen über diese Onlineplattformen und das Vokabular der Subkulturen besitzen. "Ich bin keine Gamerin", so die nüchterne Selbstdarstellung einer BKA-Beamtin.

Selbstverständlich betrachte man bei Ermittlungen gegen Rechtsextremisten deren Internetaktivitäten - auch, wenn sie sich auf solchen Seiten bewegen, heißt es dazu aus dem BKA. Es erfolge jedoch kein "anlassunabhängiges Monitoring von Imageboards", so eine Sprecherin. Denn die Gaming-Szene allgemein sei nicht als rechtsextrem zu bewerten. Und die Beobachtung von Internet-Subkulturen falle grundsätzlich in die Zuständigkeit des Verfassungsschutzes.

Beim Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) sind die Imageboards inzwischen verstärkt in den Fokus gerückt. "Gaming- und Videoplattformen ebenso wie andere alternative Plattformen (beispielsweise Imageboards)", so heißt es erstmals im aktuellen Verfassungsschutzbericht, "dürften für die rechtsextremistische Szene immer bedeutsamer werden." Der Fachbereich "Explorative Internetaufklärung" beschäftigt sich beim Verfassungsschutz derzeit mit der Frage, in welchen Ecken des Netzes sich Extremisten vernetzen und wie sie dort besser beobachtet werden können. 

Bessere Früherkennung

Auch in einigen Landesbehörden will man sich effektiver aufstellen. Im Berliner Verfassungsschutz gibt es inzwischen eine Projektgruppe, bestehend aus Auswertern und IT-Experten, die Imageboards und ähnliche Kommunikationsplattformen in den Blick nehmen sollen. "Damit soll auch die Früherkennung auf eine neue Stufe gehoben werden", sagt Michael Fischer, Leiter des Berliner Verfassungsschutzes.

Es bestehe "definitiv Nachholbedarf" in Sachen Online-Radikalisierung, heißt es in den Sicherheitsbehörden. Man habe teilweise unterschätzt, welche reale Gefahr von den Anhängern jener Szenen ausgeht, die sich in den Untiefen des Internets gebildet haben. Aber man sei nach dem Anschlag von Halle auch wachsamer geworden.

Blaupause Halle

Anfang Dezember verurteilte das Landgericht Nürnberg den 23-jährigen Fabian D. aus Cham in der Oberpfalz zu zwei Jahren Freiheitsstrafe. Er soll ein Anhänger des Neonazi-Netzwerks "Feuerkrieg Division" sein und unter dem Pseudonym "Heydrich" in rechten Chatforen aktiv gewesen sein. Die Richter waren überzeugt davon, dass er sich ein Sturmgewehr zusammenbauen und damit eine Synagoge oder Moschee stürmen wollte. Der Anschlag von Halle soll seine "Blaupause" gewesen sein.

Ein anderer junger Mann steht derzeit in Hildesheim vor Gericht. Felix R. soll in einem anonymen Chat angekündigt haben, einen Anschlag auf eine Moschee verüben zu wollen. Mindestens 20 Menschen wolle er töten und damit zu einer "Legende" werden, soll er da geschrieben haben. Der Chatpartner alarmierte daraufhin die Polizei.

In der Wohnung des 22-Jährigen fanden die Ermittler zwei Armbrüste und mehrere Messer. "Ich hatte nie vor, einen Anschlag zu begehen", sagte der Hildesheimer am vergangenen Freitag vor Gericht, in den Onlineforen habe er einfach mitgeschrieben. "Übers Internet sagt man manchmal Dinge, die man sonst nicht sagt."

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