Steinmeier mit Hanau-Hinterbliebenen | Bildquelle: AP

Hanau-Gedenken in Bellevue "Wir dürfen nicht vergessen"

Stand: 23.09.2020 18:55 Uhr

Rund sieben Monate nach dem rassistischen Anschlag von Hanau hat Bundespräsident Steinmeier Angehörige empfangen. Bei den Gesprächen ging es um Erinnerungen, Zugehörigkeit und konkrete Probleme.

Von Franka Welz, ARD-Hauptstadtstudio

Acht der neun betroffenen Familien waren nach Berlin gekommen: "Ich weiß, manchen von Ihnen ist die Reise nicht leicht gefallen. Dass Sie dennoch gekommen sind, ehrt uns", sagte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in seiner Rede im Schloss Bellevue. Er versicherte den Angehörigen: "Wir vergessen nicht. Wir dürfen nicht vergessen, und wir werden nicht vergesse."

"Den Schmerz können wir Ihnen nicht nehmen, auch wenn wir nichts lieber tun würden als das. Aber Sie sollen wissen: Wir stehen an Ihrer Seite. Dieses Land - Ihr Land - steht an Ihrer Seite. Die Herzen unseres Landes sind Ihnen zugewandt."

"Sie alle gehörten zu diesem Land"

Die Terrortat von Hanau habe neun einzigartige Menschen getroffen, sagte Steinmeier "Neun Menschen, die keine Fremden waren, sondern Teil dieser Gesellschaft. Sie alle gehörten zu diesem Land. Neun Menschen sind tot, weil ein rassistischer und rechtsextremistischer Attentäter in ihnen Ausländer sah."

Aber der rassistische Terror von Hanau sei nicht aus heiterem Himmel gekommen, so Steinmeier weiter. Die Wurzeln des Rechtsextremismus reichten tief in die Gesellschaft hinein. Ein ernstes und drängendes Problem, das auch in Zeiten von Corona nie aus den Augen verloren werden dürfe. Es sei die Pflicht des Staates und seiner Sicherheitskräfte, jeden Menschen zu schützen, "unabhängig von seiner Herkunft, seinem Glauben, seiner Hautfarbe".

Rechtsterroristische Attentate wie die Anschläge von Hanau, Halle oder das Oktoberfest-Attentat vor 40 Jahren in München mahnten den Staat, noch mehr zu tun, damit niemand im Land sich ungeschützt fühlen müsse. Aber auch jeder Einzelne sei gefordert im Kampf gegen Hass und Gewalt.

Saida Hashemi, Schwester von einem Opfer des Hanauer Anschlags, hält eine Rede. | Bildquelle: dpa
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Saida Hashemi, Schwester von einem Opfer des Hanauer Anschlags, hält eine Rede.

Einzelgespräche mit jeder Familie

Im Namen der Familien sprach Saida Hashemi. Die 25-jährige Hanauerin hatte ihren jüngeren Bruder Said Nesar bei dem Anschlag verloren und zeigte sich bei aller Trauer versöhnlich: "Ich sehe der Zukunft positiv entgegen. Unsere Aufgabe ist nun, alles dafür zu tun, dass sowohl wir wie auch zukünftige Generationen sorgenfrei und ohne Angst leben können. Dafür ist es wichtig, unserem Staat Vertrauen entgegen zu bringen. Ich vertraue auf unseren Staat und ich vertraue den Bürgerinnen und Bürgern, die in diesem Staat leben", sagte sie.

Im Anschluss zog sich Steinmeier mit den Angehörigen zum Gespräch zurück. Jede Familiengruppe konnte einzeln mit dem Bundespräsidenten, Bundesinnenminister Horst Seehofer und dem Opferbeauftragten der Bundesregierung, Edgar Franke, sprechen. Das Bundespräsidialamt hatte diese Form gewählt, um möglichst gut auf die jeweiligen Bedürfnisse und Situation jeder Familie eingehen zu können.

Said Etris Hashemi hat den Anschlag, bei dem sein jüngerer Bruder Said Nesar starb, schwer verletzt überlebt. Ihm war wichtig, gehört zu werden. Seit Monaten forderten sie eine lückenlose Aufklärung. Nun müssten Konsequenzen gezogen werden und es für Täter schwieriger werden, überhaupt an Waffen und solche Werkzeuge heranzukommen.

Leben mit Blick auf den Tatort

Neben politischen Forderungen ging es in den Gesprächen aber auch um ganz praktische Fragen wie finanzielle Probleme der betroffenen Familien. "Der wichtigste Punkt war, dass wir dringend eine Wohnung brauchen", berichtet Çetin Gültekin, der ebenfalls einen Bruder verloren hat. In sieben Monaten habe die Stadt Hanau ihnen noch keine Wohnung vermittelt. In der alten halte es die Mutter nicht mehr aus. "Sie schläft seit sieben Monaten auf der Couch. Und auf den Balkon kann sie auch nicht, weil wenn wir auf den Balkon gehen bei uns zu Hause, sehen wir direkt in die 'Arena Bar' rein."

Dort wurde Gültekins Bruder Gökhan getötet. Auch andere betroffene Familien wohnen in unmittelbarer Nähe der Tatorte - haben also die Ursache ihres Traumas ständig vor Augen. Bei allem Schmerz, bei allen Problemen, den Mitgliedern der betroffenen Familien war anzusehen, dass es ihnen gutgetan hat, gehört und ernst genommen worden zu sein. Immerhin ein kleiner Trost.

Steinmeier empfängt Angehörige der Opfer von Hanau
Franka Welz, ARD Berlin
23.09.2020 18:11 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Inforadio am 23. September 2020 um 10:23 Uhr.

Korrespondentin

Franka Welz HR  | Bildquelle: Jens Jeske/www.jens-jeske.de Logo HR

Franka Welz, HR

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