Wilkau-Haßlau: Eine Frau protestiert auf dem Marktplatz mit einem Haribo-Lampion gegen das Aus für den Haribo-Standort. | Bildquelle: dpa

tagesthemen mittendrin Der Kampf der "Hariboianer"

Stand: 13.12.2020 02:35 Uhr

Das Haribo-Werk im sächsischen Wilkau-Haßlau soll schließen - für Stadt und Mitarbeiter eine Katastrophe. Mit Protesten versuchen die Menschen, den Gummibärchen-Hersteller zum Umdenken zu bewegen.

Von Claudia Reiser, MDR

Eigentlich wollten die "Hariboianer" in Sachsen in diesem Jahr doppeltes Jubiläum feiern: 100 Jahre Haribo - und 30 Jahre Standort Wilkau-Haßlau. Nun kämpfen sie stattdessen um ihre Zukunft. "Ich war auch stolz, wenn ich über Haribo erzählt habe", sagt etwa Kerstin Gollmann. "Aber jetzt, zu diesem Zeitpunkt, nicht mehr. Weil man uns so schlecht behandelt."

So wie Gollmann geht es hier vielen. Die "Hariboianer", wie sie sich selbst nennen, demonstrieren am zweiten Advent zum wiederholten Mal gegen die Schließung ihres Werks. Enttäuschung, Wut, Verzweiflung - diese Worte sind an diesem Abend in Wilkau-Haßlau ständig zu hören. "Wir können es nicht fassen, dass das wirklich zugemacht wird", sagt eine Mitarbeiterin. "Wie es weitergeht, wissen wir selbst nicht. Und das vor Weihnachten."

Viele Haribo-Familien

Auch Frank Schröder ist unter den Demonstranten. Der 44-jährige Betriebsrat kämpft an vorderster Front gegen die Werkschließung. Das Aus von Haribo würde hier ganzen Familien den Boden unter den Füßen wegreißen, erklärt er, denn im Werk arbeiteten viele Paare oder auch mehrere Generationen. Er zeigt auf eine Personengruppe, mit der er sich gerade unterhalten hat: "Das war eine Teilzeitbeschäftigte, die alleinerziehend ist und hier schwer wieder Arbeit finden würde. Daneben war ihre Mutter und ihr Freund, der auch bei Haribo arbeitet."

Auch Schröder selbst ist Teil einer solchen Haribo-Familie. Er hat seine Freundin im Haribo-Werk kennengelernt. Sohn Ben, acht Jahre alt, gäbe es ohne den Gummiwaren-Produzenten nicht. Für viele hier sei Haribo mehr als nur ein Job, auch das erzählen die Leute an diesem Abend immer wieder. Die Arbeit mache Spaß, im Werk entstanden Freundschaften, es gibt engen Zusammenhalt. Und viele, wie Schröder, haben ihr gesamtes Berufsleben bei Haribo verbracht - teilweise Jahrzehnte. Manche haben schon für Haribo gearbeitet, bevor es den Unternehmensstandort in Wilkau-Haßlau überhaupt gab.

Protestbekundungen, wie "Haribo machte mich mal froh, das ist leider nicht mehr so" liegen am Eingang des Haribo-Werksgeländes in Wilkau-Haßlau. | Bildquelle: dpa
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Protestbekundungen liegen am Eingang des Haribo-Werksgeländes in Wilkau-Haßlau. Beschäftigte und ihre Familien demonstrierten am zweiten Advent zum wiederholten Mal gegen die Schließung.

Werk ist profitabel

Denn die Fabrik hat eine lange Geschichte, schon zu DDR-Zeiten wurde hier für Haribo produziert. Nach der Wende kaufte das Westunternehmen Haribo das Werk in Sachsen dann von der Treuhand - zur Fortführung der Tradition und als Bekenntnis zum Osten. Erst im Oktober hängte Schröder das Plakat zum 30-jährigen Standort-Jubiläum am Werk auf. Keine vier Wochen später kam die Information, dass das Werk schließen müsse. In dreieinhalb Minuten habe die angereiste Geschäftsführung aus dem Westen den verdutzten Mitarbeitern das Aus ihres Werks verkündet. Nachfragen seien nicht möglich gewesen. So erzählen es die "Hariboianer" übereinstimmend.

Im November war das - schließen sollte das Werk schon zum Jahresende. Dabei sei das Werk profitabel, bestätigt Haribo, erwirtschaftet laut Gewerkschaft jährlich Millionengewinne. Doch Haribo verweist auf die Zukunft: "Für das Werk in Wilkau-Haßlau wären unverhältnismäßig hohe Investitionen nötig, um die Produktionsabläufe konsequent auf die zukünftigen Anforderungen auszurichten. Das Werk verfügt allein aufgrund seiner baulichen Substanz nicht über die notwendigen Entwicklungsmöglichkeiten."

In Wilkau-Haßlau finden sich an vielen Ecken Solidaritätsbekundungen. Die Schließung ist für den 10.000-Einwohner-Ort eine Katastrophe. Mit 150 Arbeitsplätzen ist es zum einen der größte Arbeitgeber der Stadt. Zum anderen sei es der größte Gewerbesteuerzahler, erzählt der Bürgermeister von Wilkau-Haßlau, Stefan Feustel. "Haribo hat hier circa ein Drittel des gesamten Gewerbesteueraufkommens für Wilkau-Haßlau erarbeitet." Noch weiß die Stadt nicht, mit welchen Sparmaßnahmen sie diesen Steuerausfall ausgleichen sollte. Eigentlich sei es nicht möglich, meint Feustel.

Sachsens Regierung: "Fatale Entscheidung"

Auch Sachsens Regierung kämpft für den Standort. "Das ist eine fatale Entscheidung von Haribo, das einzige Werk im Osten schließen zu wollen", erklärte Wirtschaftsminister Martin Dulig. "Und das erinnert mich fatal an die 90er-Jahre, wo schon mal im Westen entschieden wurde über den Osten. Jetzt ist es wieder so." Man sei in Zeiten der Verunsicherung. "Umso wichtiger ist es, dass wir Zeichen der Sicherheit geben. Denn ansonsten wird das auch auf dem Wahlzettel sich niederschlagen."

Und der Kampf der "Hariboianer" zeigt tatsächlich Wirkung. Wenige Tage nach den Demonstrationen vom 2. Advent entschließt sich die Geschäftsleitung, in diesem Jahr doch keine Kündigungen mehr auszusprechen - "aufgrund des starken öffentlichen Drucks", wie sie selbst erklärt. Die Haribo-Lichter sollen stattdessen nun erst im kommenden Jahr ausgehen. Ausgehen aber, das sollen sie auch weiterhin.

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 08. Dezember 2020 um 22:45 Uhr.

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