Emil Haab

Homosexuellen-Verfolgung "Von Anfang an ohne jede Chance"

Stand: 25.07.2020 12:14 Uhr

In Berlin wird heute an die Verfolgung von Homosexuellen in der NS-Diktatur erinnert. Unzählige Männer wurden damals drangsaliert und getötet. Eine Reportage über den Buchhändler Emil Haab aus der Pfalz.

Von Axel John, SWR

Burkhard Jellonnek hält das Grauen in seinen Händen. An seinem Schreibtisch im saarländischen Köllerbach studiert der Historiker Akten aus der NS-Zeit. Ein Schwerpunkt seiner Forschung ist die Verfolgung von Homosexuellen durch Nationalsozialisten.

Experten schätzen, dass in dieser Zeit etwa 100.000 Menschen aufgrund ihrer sexuellen Orientierung drangsaliert wurden. Etwa 50.000 wurden verurteilt, bis zu 10.000 Menschen ermordet.

Buchhändler unter Spionageverdacht

Historiker Burkhard Jellonnek | Bildquelle: SWR
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Der Historiker Jellonnek erforscht Haabs Schicksal seit vielen Jahren.

Einer von ihnen war Emil Haab aus Neustadt an der Weinstraße. Jellonnek erforscht den Fall seit fast vier Jahrzehnten. In seiner Dissertation aus dem Jahr 1988 schrieb er über ihn: "Die Gestapo warf Herrn Haab damals - wie es offiziell hieß - 'Unzucht mit anderen Männern' vor. Er war ein gebildeter Mann, Buchhändler, sprach englisch, französisch und italienisch. Es fiel ihm offenbar leicht, auf Menschen zuzugehen. Ihn interessierten Männer."

Ins Visier der Gestapo geriet Haab zunächst, weil man ihn für einen Spion hielt. Haab hatte zahlreiche Kontakte zu französischen Soldaten an der Grenze. Dort war er offenbar auf der Suche nach Liebhabern. Bei einer Hausdurchsuchung entdeckte die Geheimpolizei dann zahlreiche Fotos von Männern. Außerdem hatte Haab Ende der 1920er-Jahre für die Homosexuellen-Zeitung "Der Eigene" einen Artikel verfasst. Der Gestapo reichte das.

Homosexuelle wurden als "Staatsfeinde" gebrandmarkt

Haab kam 1938 in Untersuchungshaft - es war der Anfang eines jahrelangen Martyriums. "Emil Haab war von Anfang an ohne jede Chance", erklärt Jellonnek. "SS-Chef Heinrich Himmler hatte die Marschroute im Umgang mit Homosexuellen vorgegeben. Sie seien Staatsfeinde, würden das gesellschaftliche System gefährden und die Jugend verderben. In der NS-Diktatur wurde dieses Bild über die Presse an die Bevölkerung weitergegeben. Das führte immer wieder zur Hatz gegen Homosexuelle. Teils wurden sie in Selbstjustiz durch die Straßen getrieben. So war damals die Zeit."

In der Untersuchungshaft misshandelt

Haab saß mehr als zwei Jahre in Untersuchungshaft. In den Kriegswirren kommen die Zeugenbefragungen, unter anderem von Wehrmachtssoldaten, die an der Front sind, kaum voran. Haab wird immer wieder misshandelt. Jellonnek liest eine Haftbeschwerde Haabs vor - damals ein außergewöhnlicher Vorgang: "Ein Wärter schlug mich und sagte: Dein Arsch liegt sowieso bald im Sand."

Haab verliert nach und nach seinen Lebensmut und versucht, sich zu erhängen. Ein Wärter verhindert den Suizid.

Ende 1940 wird Haab entlassen. Die Gestapo kann weiter keine "Beweise" vorlegen. Aber der Buchhändler ist nur wenige Tage auf freiem Fuß. Im Reichssicherheitshauptamt in Berlin hört SS-Obergruppenführer Reinhard Heydrich vom Fall Haab aus der Pfalz - und ordnet sofortige "Schutzhaft" an. Für den Buchhändler ist diese Entscheidung das Todesurteil.

Genaue Todesumstände bleiben unklar

Haab kommt im März 1941 zunächst in das Konzentrationslager Dachau, nach wenigen Wochen wird er in das KZ Ravensbrück gebracht. Das Landgericht in Frankenthal spricht ihn in Abwesenheit der "Unzucht" in 19 Fällen für schuldig.

Anschließend kommt Haab in das sogenannte Emslandlager. Auch dort sind die Insassen ständig in Lebensgefahr. Haab muss Zwangsarbeit leisten. Sein Leiden geht weiter - wie lange, das ist unklar.

"Die letzte Information über Emil Haab stammt aus einer Gestapo-Akte vom 8. Februar 1945. Hier wird sein Tod bestätigt. Wann er genau starb und wie ist unklar. Es gibt noch viele offene Fragen. Auch deshalb ist es so wichtig, dass wir an Menschen wie ihn erinnern", sagt der Historiker Jellonnek, während er Haabs Akte in den Händen hält.

"Hier saß auch Emil Haab ein"

Eberhard Dittus, Vorsitzender der Gedenkstätte für NS-Opfer in Neustadt an der Weinstraße | Bildquelle: SWR
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Eberhard Dittus erinnert an die Schicksale der NS-Opfer.

Rund 100 Kilometer weiter westlich in der Pfalz geht Eberhard Dittus durch Neustadt an der Weinstraße - die Stadt, in der auch Haab einst lebte. Dittus ist Vorsitzender der Gedenkstätte für NS-Opfer in Neustadt. Auch er interessiert sich seit Jahren für das Schicksal von Haab.

Dittus steht vor einem älteren Gebäude in der Konrad-Adenauer-Straße 10. "Dieses Haus war in der NS-Zeit die Gestapo-Zentrale für die Region. Wir wissen aus Aufzeichnungen, dass Passanten hier die Schreie von Gefangenen aus dem Keller hören konnten. Hier saß auch Emil Haab ein."

Das ehemalige Wohnhaus steht noch

Dittus geht weiter in das Zentrum der Kleinstadt. Immer wieder zeigt er auf Stolpersteine im Boden. "Wir haben 2002 die ersten Stolpersteine für die jüdischen Opfer aus Neustadt an der Weinstraße gesetzt."

Inzwischen ist Dittus in der Hauptstraße 110 angekommen. Hier hatte Haab im Erdgeschoss seinen Buchladen, bis 1938 die Gestapo kam. Im oberen Stockwerk des Hauses wohnte er.

"Wir möchten auch an andere Opfergruppen des nationalsozialistischen Terrors erinnern. Im nächsten Frühjahr wollen wir hier einen Stein für Herrn Haab setzen", erzählt Dittus. "Die Zeit des Nationalsozialismus mit vielen Millionen Toten ist kaum fassbar. Aber wenn man Geschichte durch Lebensgeschichten von Menschen erlebt, dann werden aus Zahlen Schicksale - das wollen wir mit unserer Arbeit erreichen."

Das ehemalige Wohnhaus von Emil Haab in Neustadt | Bildquelle: SWR
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Das ehemalige Wohnhaus Haabs in Neustadt an der Weinstraße.

Die Opfer würdigen

Im saarländischen Köllerbach klappt Jellonnek die Akte von Haab zu - für heute. Wie kommt ein Historiker persönlich damit klar, dass ihn in seinem Arbeitsleben jeden Tag der Tod begleitet? "Das bewegt mich schon sehr. Ich habe Tausende Gestapo-Akten gelesen - mit Verhören, Folterungen und Todesurteilen. Aber ich sehe das auch als Chance, den Opfern ihre Würde zurückzugeben", sagt Jellonnek.

Die Aufarbeitung der NS-Verfolgung von Homosexuellen ist noch nicht abgeschlossen. Das Schicksal vieler tausend Menschen gilt als unklar.

Über dieses Thema berichtete rbb Inforadio am 25. Juli 2020 um 06:20 Uhr in den Nachrichten.

Korrespondent

Axel John | Bildquelle: SWR/Alexander Kluge Logo SWR

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