Eine Fußgängerampel in Wien zeigt statt der üblichen Figur einen Händchen haltendes Männerpaar. | Bildquelle: dpa

Studie zur Homosexualität Die Toleranz ist begrenzt

Stand: 12.01.2017 01:33 Uhr

Eine aktuelle Studie der Antidiskriminierungsstelle des Bundes zeigt, dass die Deutschen Homosexuellen erst einmal aufgeschlossen gegenüber stehen. Doch wer sich die Details der Befragung anschaut, muss feststellen: Die Toleranz ist begrenzt.

Von Jens Eberl, WDR

Wenn sie Hand in Hand durch die Stadt gehen, dann begleitet Jan Polzer und Fabian Spies immer dieses mulmige Gefühl. Dass sie angeglotzt werden, daran haben sie sich schon länger gewöhnt. Doch inzwischen ist das Klima rauer geworden.

Immer öfter müssen sie sich blöde Sprüche anhören, werden als "Schwuchtel" beschimpft. "Schwul hat sich inzwischen wieder als Schimpfwort etabliert", sagt Fabian Spies. Einmal an Karneval sei eine Gruppe junger Männer sogar handgreiflich geworden. "Als ich aus der Bank kam, haben sie mich angefasst und hin- und hergeschubst."

Zwischen AfD und jungen Migranten

Es sei deutlich zu spüren, dass die Aggressionen zugenommen hätten, seitdem die Populisten in Deutschland auf dem Vormarsch seien, sagt Jan Polzer. Das Makabre: Als Homosexuelle stünden sie zwischen den Fronten zweier Lager, die sonst so gar nichts gemein haben: Auf der einen Seite die AfD-Anhänger, auf der anderen Seite junge Migranten oder Asylsuchende, die aus Kulturkreisen stammten, in denen Homosexualität überhaupt nicht akzeptiert werde.

"'Scheißlesben' höre ich immer wieder"

Jan Polzer und Fabian Spies sind kein seltener Einzelfall, sagt Shefika Mai von der Landeskoordination Anti-Gewalt-Arbeit für Lesben und Schwule in NRW. "Es gibt eigentlich keine Homosexuellen, die nicht irgendwann diskriminiert werden. Ich selbst habe das mit meiner Partnerin auch schon mehrfach erlebt. Wenn wir Hand in Hand laufen, wird vor uns ausgespuckt, 'Scheißlesben' höre ich immer wieder."

Große Zustimmung zur Ehe für Alle

Die Leiterin der Antidiskriminierungsstelle des Bundes, Christine Lüders | Bildquelle: dpa
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Die Antidiskriminierungs-Beauftragte Lüders kritisiert die deutsche Rechtslage.

Die Antidiskriminierungsstelle des Bundes veröffentlicht heute eine repräsentative Umfrage, wie die Deutschen gegenüber Lesben, Schwulen und Bisexuellen eingestellt sind. Das Ergebnis hört sich erst einmal sehr positiv an: Die große Mehrheit spricht sich für eine rechtliche Gleichstellung von Homosexuellen aus. Demnach stimmen 83 Prozent der Aussage zu "Ehen zwischen zwei Frauen bzw. zwei Männern sollten erlaubt sein".

Dies gilt aber in Deutschland nicht in vollem Umfang. Die Leiterin der Antidiskriminierungsstelle, Christine Lüders, kritisiert, dass es in Deutschland anders als in 14 Staaten Europas noch immer keine Ehe für Alle gebe.

"Der Gesetzgeber darf nicht länger hinauszögern, was eine Mehrheit längst für selbstverständlich hält. Wir brauchen eine Öffnung der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare und die vollständige rechtliche Gleichstellung, auch bei der Adoption." Sonderregelungen wie die in Deutschland geltende, oft Homo-Ehe genannte eingetragene Lebenspartnerschaft, würden von den meisten Menschen zu Recht als benachteiligend empfunden, so Lüders.

Je näher, desto skeptischer

Wer die Studie etwas genauer ansieht, der erkennt, dass ablehnende Einstellungen in der Bevölkerung durchaus noch weit verbreitet sind. So bezeichneten es 38 Prozent der Befragten als "sehr" oder "eher unangenehm", wenn zwei Männer in der Öffentlichkeit ihre Zuneigung zeigten. Immerhin 18 Prozent halten Homosexualität sogar für "unnatürlich".

Je mehr das Thema Homo- und Bisexualität ihren privaten Lebensbereich berührt, desto skeptischer äußern sich die Befragten: Relativ wenige empfänden es als "sehr" oder "eher" unangenehm, wenn Arbeitskollegen homosexuell sind (11,8 Prozent bei einer lesbischen Kollegin, 12,6 Prozent bei einem schwulen Kollegen). Hingegen sagen 39,8 Prozent der Befragten, es wäre ihnen "sehr" oder "eher unangenehm" zu erfahren, dass die eigene Tochter lesbisch ist; 40,8 Prozent, wenn der eigene Sohn schwul ist.

"Meine Mutter wollte mich zum Arzt schicken"

Jan Polzer (li) und Fabian Spies
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Kennen das mulmige Gefühl, wenn sie Hand in Hand gehen: Jan Polzer (li) und Fabian Spies.

Der Familie von Jan Polzer war es offensichtlich sehr unangenehm. "Meine Mutter wollte mich zum Arzt schicken, fragte mich, was mit mir nicht in Ordnung sei und wer hier auf mich eingeredet habe, dass so etwas passieren konnte." Noch heute käme sie nicht damit zurecht, dass er sein Leben mit Fabian verbringen möchte. Heftige Auseinandersetzungen hatte er mit seiner größeren Schwester. Die sagte ihm ins Gesicht, wie ekelhaft sie das fände, wenn sich zwei Männer küssen. "Das war wirklich hart", sagt Polzer traurig.

Die größte Diskriminierung: nicht heiraten können

Jan Polzer und Fabian Spies würden gerne heiraten, auch um den Menschen deutlich zu machen, dass sie füreinander bestimmt sind. Bislang haben sie es aber bleiben lassen. "Solange gleichgeschlechtliche Ehen nicht heterosexuellen Partnerschaften gleichgestellt werden, sehen wir keinen Sinn darin. Das ist unsere Form von Protest." Anfeindungen, Pöbeleien, das sei das eine. Doch dass sie nicht heiraten können, wie andere Paare, darin sehen die beiden ihre größte Diskriminierung.

Über dieses Thema berichtete das ARD-Morgenmagazin am 12. Januar 2017 um 05:40 Uhr sowie die tagesschau am 12. Januar 2017 um 12:00 Uhr.

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