Bundeswehrsoldaten

Diskriminierung in der Bundeswehr Entschädigung für homosexuelle Soldaten

Stand: 17.09.2020 23:21 Uhr

Verteidigungsministerin Kramp-Karrenbauer will schwule Bundeswehrsoldaten entschädigen, die zwischen 1955 und 2000 systematisch diskriminiert wurden. Sie bat die Betroffenen um Entschuldigung.

Von Kai Clement, ARD-Hauptstadtstudio

"Die Haltung der Bundeswehr zur Homosexualität war falsch. Sie war damals schon falsch und hinkte der Gesellschaft hinterher" - Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer fand deutliche Worte. Beschämend und unerhört sei es, dass die Truppe seit ihrer Gründung über Jahrzehnte hinweg Homosexuelle systematisch diskriminiert habe.

So wie Dierk Koch. Er wurde 1964 aus der Truppe entlassen - unehrenhaft. "Können Sie sich eigentlich vorstellen, wie mir da zumute war?", fragt er. "An diesem Tag, um 12 Uhr mittags, war ich obdachlos, mittellos und degradiert von der Bundeswehr."

Verteidigungsministerin bittet um Entschuldigung

Erst im Jahr 2000 beendete der damalige Verteidigungsminister Rudolf Scharping die Praxis - und auch das nur auf Druck von außen, so Kramp-Karrenbauer, wegen einer Verfassungsbeschwerde nämlich. Die strafrechtliche Verfolgung Homosexueller sei da schon 30 Jahre Vergangenheit gewesen: "Ich bedaure diese Praxis sehr. Und bei denen, die darunter zu leiden hatten, bitte ich um Entschuldigung."

Kramp-Karrenbauer stellte eine über 360 Seiten starke Studie vor. Das Ergebnis: Für die Bundeswehr sei Homosexualität ein schwerer Makel gewesen, ein Sicherheitsrisiko. "Ich kann mir kaum vorstellen, was für eine kontinuierliche Anspannung, was für eine Angst, aber auch Demütigung das war." Die Ministerin will Betroffene nun rehabilitieren. Zudem plant sie eine - allerdings eher symbolische - Entschädigungszahlung.

Kramp-Karrenbauer | Bildquelle: dpa
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Kramp-Karrenbauer entschuldigten sich bei den Betroffenen.

Kritik am Zeitpunkt

All das sei aus Sicht der Grünen gut und richtig, so deren Sprecher für Queerpolitik, Sven Lehmann. Es komme aber spät: "Viele der ehemaligen Soldaten sind bereits in einem sehr hohen Alter. Und wenn die jetzt noch etwas haben sollen von Entschädigung und auch von möglichen Renten, dann muss es jetzt ein schnelles und unbürokratisches Verfahren für dieses Gesetz geben."

Kramp-Karrenbauer kündigte an, das Gesetz werde in Kürze in die Ressortabstimmung gehen. Die Bundeswehr von heute sei eine andere, auch wenn es immer noch Diskriminierung gebe.

Homosexualität verheimlicht - aus Angst

Sven Bäring stimmt dem zu. Er erzählt von einem exzellenten Beschwerdesystem. Und dennoch bekam er, der erst Jahrzehnte nach Dierk Koch zur Bundeswehr ging, Folgendes zu hören: "'Weißt du, du wurdest mir angekündigt. Mit dem Hinweis: Ich habe zwei schlechte Nachrichten für dich: Du bekommst einen Stubennachbarn und schwul ist der auch noch.' Ich bin 2013 zur Bundeswehr und hab das niemandem gesagt. Ich erinnere mich noch ziemlich genau, wie meine Mutter zu mir sagte, ich darf niemandem davon in der Bundeswehr davon erzählen - sie hatte Angst um mich."

Heute ist Bäring Vorsitzender des Vereins "QueerBw" für Homosexuelle in der Bundeswehr. Wenn er Berichte von Zeitzeugen wie Marinesoldat Dierk Koch höre, dann jage ihm das einen Schauer über den Rücken, sagt er.

Immerhin erlebte Koch damals einen verständnisvollen Vater, als er - unehrenhaft entlassen - plötzlich zu Hause vor der Tür stand: "Er hat mich ganz milde angeguckt", berichtet Koch. "Dann hat er mir einen freundschaftlichen Klaps auf den Hinterkopf gegeben und gesagt: 'Dann müssen wir mal sehen, dass wir für dich morgen einen Job finden. Und übrigens, der Mutti müssen wir nichts davon sagen.' In diesem Moment habe ich meinen Vater unendlich geliebt."

Homosexualität und Bundeswehr
Kai Clement, ARD Berlin
17.09.2020 22:25 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 17. September 2020 um 23:00 Uhr.

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