Versorgung von kleinen Patienten

Gemeinnützige Einrichtungen in Not "Durch die Stühle gerutscht"

Stand: 10.04.2020 11:44 Uhr

Finanzhilfen in der Coronakrise gibt es für Unternehmen - aber nicht für gemeinnützige Einrichtungen wie Hospize oder Jugendherbergen. Ihnen droht das Aus, wenn nicht bald Hilfe kommt.

Von Hanni Hüsch, ARD-Hauptstadtstudio

"Die Isolation bringt Familien mit chronisch kranken Kindern doppelt an die Grenze", sagt Petra Moske. Dabei bräuchte es gerade jetzt in der Coronakrise besonders viel  Zuwendung, Hilfe und Nestwärme. "Nestwärme" - so heißt auch der Verein, den sie vor über 20 Jahren mit gegründet hat. 120 Mitarbeiter kümmern sich um schwerstkranke Kinder. "Nestwärme" unterhält auch ein ambulantes Kinderhospiz und eine Inklusionskita. Beide bleiben geschlossen, und Hausbesuche des Pflegepersonals gestalten sich schwierig, weil Schutzkleidung fehlt.

Es drohe der "Supergau"

Digital melden sie sich jetzt bei den Familien, lesen "Gute-Nacht-Geschichten", halten Videosprechstunden ab und organisieren "Live Cooking Sessions" und Praxisübungen zu Resilienz. Sie und ihre Kollegen sind im Dauereinsatz, rund um die Uhr. Gerade jetzt werden sie so dringend gebraucht.

Hospizschwester auf Kinderintensiv Covid-19
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Mitarbeiterinnen kümmern sich um schwerstkranke Kinder. Dem Verein "Nestwärme" droht die Schließung, wenn keine Hilfe von außen kommt.

Leicht sei es für den in der Pflege tätigen Verein schon vor der Coronakrise nicht gewesen, aber jetzt drohe der "Supergau". "Nestwärme" lebt auch von Spenden, aber die drohen auszubleiben, denn Benefizveranstaltungen und Fund-Raising-Events sind abgesagt. Es ist möglich, dass "Nestwärme" schließen muss, wenn keine Hilfe kommt.

"Die Großen haben es wieder einmal gut", sagt Moske, und ein klein bisschen Bitterkeit schwingt mit. Die Großen, das sind die Arbeiterwohlfahrt, die Diakonie, die Caritas - die gut vernetzten Träger der freien Wohlfahrt. Ihnen hat die Bundesregierung einen Schutzschirm aufgespannt. "Die Kleinen fallen durch den Rost", klagt Moske.

Gemeinnützige Einrichtungen: privat finanziert

Andreas Rickert kennt diese Sorgen. 20.000 gemeinnützige Vereine und Sozialunternehmen gibt es in Deutschland, die ausschließlich privat finanziert sind. Sie seien das Rückgrat unserer Zivilgesellschaft, sagt Rickert. Viele klopfen in der Krise bei ihm an. Rickert ist Geschäftsführer des gemeinnützigen Analyse- und Beratungshauses Phineo. Immer wieder kommen die gleichen Sorgen, die gleichen bangen Fragen: Wer kann den Helfern helfen?

"Es werden leider am Ende nicht alle diese Krise überleben, aber unser Ziel sollte es sein, so viele wie möglich über die Krise zu retten", sagt Rickert.

Staat soll auch dem gemeinnützigen Sektor helfen

Eine Petition, die immer mehr Unterstützer findet - zum Beispiel die Tafel und Care Deutschland - soll jetzt an die Bundesregierung gehen. Darin steht die Forderung, die staatlichen Unterstützungsprogramme auf den gesamten gemeinnützigen Sektor auszuweiten. Denn mehr als je zuvor, sagt Rickert, werde es jetzt auf die stabilisierende Rolle der Zivilgesellschaft ankommen.

Die Lage ist angespannt. Auch CreativeChange e.V. hat unterschrieben. Der Offenbacher Verein zur Demokratieförderung organisiert Projekttage an Schulen zu den Themen Antisemitismus, Fremdenfeindlichkeit und Cybermobbing. Die Schulen sind geschlossen, Veranstaltungen sind abgesagt, und schon fehlen 100.000 Euro in der Kasse. Lange halte der Verein das nicht aus, sagt Geschäftsführer Pedram Aghdasi.

Weil keine staatliche Hilfe in Sicht ist, hat er sich an die FC-Bayern-Kicker Goretzka und Kimmich gewandt. Die beiden haben "we kick Corona" gegründet, sie sammeln Spenden für karitative und soziale Projekte ein. Aghdasi wartet und hofft.

Besucher der Herberge
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Auch die Jugendherbergen haben keine Einnahmen, dabei sei ihre Arbeit mit Jugendlichen doch auch systemrelevant, sagt ein Herbergsvater.

Auch Jugendherbergen betroffen

Aber es sind nicht nur die vielen kleinen Vereine, die in Not geraten sind. Er habe schlaflose Nächte, sagt Carlo Donati. Weil es einfach zu ruhig sei. Auch seine Jugendherberge hoch auf dem Feldberg im Schwarzwald musste am 17. März schließen. Es habe sie kalt erwischt, sagt er. Die Mitarbeiter sind in Kurzarbeit. Kein Kinderlachen ist zu hören. Nur Stille. Gespenstische Stille.

So geht es allen 450 Jugendherbergen in Deutschland. Und auch den Landschulheimen. Sie haben keine Einnahmen, Schulklassen haben für das ganze Jahr storniert, die Kosten laufen aber weiter. Es gebe kaum Rücklagen, denn die dürfen gemeinnützige Einrichtungen nicht vorhalten. Bei den staatlichen Rettungsschirmen seien sie zwischen die Stühle gerutscht, sagt der Geschäftsführer des Jugendherbergswerk, Julian Schmitz.

Brandbriefe an alle Ministerpräsidenten

Vor allem die schnellen Hilfen der KfW bleiben ihnen versperrt, denn die können nur von Unternehmen, die wirtschaftliche Gewinne erzielen, in Anspruch genommen werden. Brandbriefe erreichen alle Ministerpräsidenten. Vergesst uns nicht, bevor es zu spät ist, heißt es etwa in dem Schreiben an Nordrhein-Westfalens Landeschef Armin Laschet.

Hoch auf dem Feldberg bei Donati wächst zu Ostern die Hoffnung. Denn es bewegt sich was in Baden-Württemberg. Das zuständige Kultusministerium hat Investitionsmittel umgemünzt und eine Landesbürgschaft in Aussicht gestellt. Wer die jungen Leute fördert, sagt der Herbergsvater aus dem Schwarzwald, sei doch schließlich auch systemrelevant.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 10. April 2020 um 15:00 Uhr.

Korrespondentin

Hanni Hüsch  | Bildquelle: Jens Jeske/www.jens-jeske.de Logo NDR

Hanni Hüsch, NDR

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