Zentrale von Medtronic

#ImplantFiles Medtronic - Weltkonzern auf Abwegen

Stand: 28.11.2018 06:00 Uhr

Der größte Medizintechnik-Hersteller der Welt heißt Medtronic. Seine Wissenschaftler haben auch in pseudowissenschaftlichen Zeitschriften publiziert und sind auf dubiosen Konferenzen aufgetreten.

Von Peter Hornung, NDR

Ende März 2017, eine Konferenz in der spanischen Hauptstadt Madrid: Ein Wissenschaftler der spanischen Tochterfirma von Medtronic spricht über ein neues Medizinprodukt des Unternehmens. Es geht um die Beseitigung von Blutgerinnseln, ein neuartiges Drahtgeflecht, das in Gefäße eingeführt wird - und mit dem die Krankenkassen angeblich viel Geld sparen sollen.

Veranstalter der Konferenz war ein Ableger der Firma OMICS in der indischen Großstadt Hyderabad. Die Recherchen zeigen: Der Name des Medizintechnik-Riesen Medtronic taucht bei OMICS regelmäßig auf. Dabei geht es auch um von Medtronic bezahlte Forschung oder gar um Arbeiten von Medtronic-Mitarbeitern. Auch waren Medtronic-Forscher mehrmals bei OMICS-Konferenzen, zuletzt in diesem Jahr.

Konferenzen halten Standards nicht ein

Doch OMICS ist kein gewöhnliches Unternehmen. Es ist ein Konzern, gegen den in den USA seit Jahren ermittelt wird. Die Vorwürfe: Betrug und Täuschung. Seit 2016 führt die US-Verbraucherschutzbehörde FTC ein Verfahren vor einem Bundesgericht im Staat Nevada gegen OMICS selbst, mehrere seiner Tochterfirmen und gegen OMICS-Chef Srinababu Gedela persönlich. Im Verfahren wurde festgestellt: OMICS-Konferenzen sind oft mehr Schein als Sein. Bei Publikationen würden grundlegende wissenschaftliche Regeln nicht eingehalten. Sprich: Kein Wissenschaftler überprüfe sie auf ihren Gehalt.

"Weg des geringsten Widerstands"

Professor Gerd Antes vom Cochrane-Netzwerk beschäftigt sich seit Jahren mit dem Phänomen. Auch renommierte Unternehmen, sagt er, seien sich oft für keine "Schandtat" zu schade, wenn es darum gehe, die eigene Publicity oder auch die wissenschaftliche Glaubwürdigkeit zumindest scheinbar zu erhöhen. "Und dafür sind diese Zeitschriften im Graubereich sehr bequem, preiswert und schnell. Und so geht man da einfach den Weg des geringsten Widerstandes."

Einige Opfer, andere nutzen Täuschung bewusst

Dass eine Firma wie Medtronic dubiose Wissenschaftsverlage - auch Raubverleger genannt - nutzt, sei folglich angreifbar. Erstaunlich ist es jedoch nicht. Im vergangenen Juli hatten Reporter von NDR, WDR und des "SZ-Magazins" unter dem Stichwort "Fake Science" aufgedeckt, wie viele Forscher von diesem weltweiten Wissenschaftsskandal betroffen sind. 5000 sind es alleine in Deutschland, 400.000 weltweit. Viele sind Opfer betrügerischer Praktiken geworden. Nicht wenige aber - auch Pharmaunternehmen - nutzen die Dienste solcher dubiosen Verlage und Konferenzveranstalter gerne.

Peer Review missachtet

Was grundlegend anders ist als bei normalen Anbietern: Alles kann veröffentlicht werden - gegen Zahlung von ein paar hundert Dollar. Geld nehmen zwar auch seriöse Verlage. Doch bei den Raubverlegern gibt es keine ausreichende wissenschaftliche Kontrolle der Inhalte, den sogenannten Peer Review, und deshalb finden sich auch Quacksalber und Verschwörungstheoretiker in diesen Zeitschriften und oder auf den Konferenzen. Selbst normalerweise seriöse Autoren fänden für sich selbst eine Rechtfertigung für ihre Veröffentlichung bei Raubverlegern, sagt Gerd Antes. Dort publiziert zu haben, heiße ja nicht, dass die Publikation schlecht sei. "Das stimmt. Nur: Warum muss man sich dem normalen Publikationsprozess entziehen, wenn man das Gefühl hat, die eigene Publikation ist gut?"

#ImplantFiles

An dem Projekt unter dem Titel "The Implant Files" waren mehr als 250 Journalisten von knapp 60 verschiedenen Medien aus 36 Ländern beteiligt. Darunter sind die BBC, "Le Monde", AP sowie unter anderem Medien aus Japan, Südkorea, Pakistan, Indien, Argentinien, Brasilien, Mexiko und vielen europäischen Ländern. Koordiniert wurde die Recherche vom Internationalen Konsortium Investigativer Journalisten (ICIJ).

Medtronic antwortet nicht

Medtronic selbst hat Fragen zu diesem Thema nicht beantwortet. Cochrane-Experte Antes hat darauf seine eigene Antwort: "Es gibt offensichtlich einen großen Bedarf, sich Erfolge bequemer zu verschaffen, als es auf dem normalen, sehr mühsamen Weg möglich ist. Die Bereitschaft, das auch schamlos zu machen, scheint auch größer zu sein, als man naiverweise glaubt."

OMICS wies Vorwürfe zurück, dass Forschungsarbeiten ohne wissenschaftliche Prüfung veröffentlicht worden seien. Die meiste Verantwortung trügen ohnehin diejenigen, die publizierten. OMICS selbst stelle nur die Plattform zur Verfügung.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 26. November 2018 um 18:40 Uhr.

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