Jürgen Thoma

Klage eines Betroffenen Der lange Kampf um Gerechtigkeit

Stand: 26.11.2018 11:09 Uhr

Jürgen Thomas Hüftprothese hat seinen Körper vergiftet. Hunderte Patienten erlitten ähnliche Qualen, doch eine Entschädigung zu bekommen, ist extrem schwer. Thoma klagt seit acht Jahren gegen den Hersteller.

Von Elena Kuch, NDR

Mehrere Kilometer läuft Jürgen Thoma täglich durch die Hallen einer Groß-Winzerei nahe Freiburg. Vorbei an Tanks mit mehreren Tausend Litern Wein, über Schläuche und über Böden, die vom Wein rutschig sind. Wer genau hinsieht, erkennt, dass der technische Leiter sein rechtes Bein leicht hinterher zieht.

Jürgen Thoma
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Thomas künstliche Hüfte musste rausgenommen werden.

Jürgen Thoma hat sich mit einem der größten Hersteller von Hüftprothesen der Welt angelegt - mit der amerikanischen Firma Zimmer Biomet. Er klagt gegen den Konzern. Auch Dutzende andere Patienten, die so wie er Schmerzen und gesundheitliche Schäden wegen ihrer Hüftimplantate erlitten haben, hoffen, dass er Erfolg hat. Nicht viele wagen den Schritt, sich mit einem milliardenschweren Unternehmen wie Zimmer Biomet anzulegen. Als Jürgen Thoma 2010 die Klage einreichte, ahnte er nicht worauf er sich einließ.

Der "Mercedes unter den Hüftprothesen"

Jürgen Thoma hat seine künstliche Hüfte vor 13 Jahren bekommen. Die Ärzte im Loretto-Krankenhaus in Freiburg priesen ihm die neue Durom Großkopfprothese der Firma Zimmer an: "Aktive 800-Meter Läufer hätten die drin und Bergsteiger", erinnert sich Thoma an das Gespräch mit den Ärzten. Er war damals 48 Jahre alt. Der große Hüftkopf sollte mehr Beweglichkeit ermöglichen, hieß es. Eine andere Patientin aus Jürgen Thomas Selbsthilfegruppe, erinnert sich, dass im Krankenhaus von dem "Mercedes unter den Hüften" die Rede war.

Der zuständige Chefarzt der Klinik teilt mit, dass Zimmer Biomet ihm versichert habe, dass die neue Hüftprothese "mindestens so stabil" sei wie ältere Modelle. Er sei deshalb davon ausgegangen, dass das neue Modell ausreichend getestet worden sei.

Als Jürgen Thoma allerdings 2009 bei einer Kontrolluntersuchung wieder im Krankenhaus ist, eröffnen ihm die Ärzte, dass sein Oberschenkelhalsknochen teilweise zerfressen sei. Die Hüftprothese muss ausgetauscht werden.

Gift im Körper

Nach der zweiten Operation und erneuter Reha beginnt Jürgen Thoma sich näher mit der Technik der Zimmer-Hüfte zu beschäftigen - und entschließt sich zu klagen. "Als ich dieses Wort Mikrobewegungen in dem Zusammenhang gehört habe, war mir klar, dass da etwas nicht stimmt", sagt Thoma. Denn der Hüftkopf muss eigentlich fest sitzen, das weiß er als Techniker nun mal.

Gutachter bescheinigen später, dass durch die Mikrobewegungen Metallabrieb entstanden ist, der wie Gift im Körper wirkt. "Das ist wie Mottenfraß und löst den Knochen dann unregelmäßig auf", sagt Wolfram Mittelmeier von der Universitäts-Klinik Rostock, der als einer der Gutachter in dem Prozess bestellt wurde.

Allein in Freiburg haben etwa 750 Patienten die Hüftprothese erhalten. Für sie ist Jürgen Thomas Klage ein Glücksfall. Er ist mit seinen heute 61 Jahren ein relativ junger Hüftpatient und er hat eine Rechtsschutzversicherung. Daher kann er das Risiko eingehen. Sein Fall wird zu einer Musterklage auf die sich viele der anderen Patienten später berufen wollen. Jürgen Thomas Anwalt, Sacha Berst-Frediani, hatte anfangs die Hoffnung, "dass die Firma Zimmer relativ bald zu dem Ergebnis kommen würde, dass an ihrem Produkt ein Fehler ist und deswegen auch bereit wäre, in Gespräche über die Entschädigung einzutreten."

Röntgenbild von der Hüfte von Jürgen Thoma
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Das Hüftgelenk gab Metall in Thomas Körper ab.

Das Gegenteil ist der Fall. Es beginnt geradezu eine Gutachterschlacht. Zimmer stellt immer wieder Befangenheitsanträge gegen die Gutachter, versucht damit wohl auch Zeit zu schinden und die Beteiligten mürbe zu machen. Jürgen Thoma vermutet, dass die Firma auf Zeit gespielt hat: "Die warten, dass die Leute wegsterben. Die biologische Lösung war von denen von Anfang an meines Erachtens eine Strategie."

Gutachter: Prothese unzureichend getestet

Eine große Schwierigkeit für Thoma und seinen Anwalt ist, überhaupt einen Gutachter zu finden. Es gebe nicht viele, die sich damit befassen können, sagt Anwalt Berst-Frediani und "einen wirklich unabhängigen Gutachter gibt es so gut wie nicht". Letztlich übernehmen der Ingenieur Daniel Klüß und der Orthopäde Wolfram Mittelmeier aus Rostock die Aufgabe. Fast sechs Jahren lang beschäftigen sie sich mit den Fällen. Sie reisen immer wieder die weite Strecke nach Freiburg. Sie untersuchen auch Hüftprothesen anderer Hersteller, bei denen sie ähnliche Probleme feststellen.

Sascha Berst-Frediani
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Thomas Anwalt Berst-Frediani hatte Schwierigkeiten, einen unabhängigen Prüfer zu finden.

Aus dem Gutachten geht hervor, dass Prothesen mit dem neuartigen großen Kopf in dieser Konstellation gar nicht hätten funktionieren können, da die Verbindung zum Schaft durch die großen Köpfe zu sehr belastet wird. Dadurch entstehen die Mikrobewegungen, die den gefährlichen Metallabrieb erzeugen. Die Gutachter kommen zu dem Schluss, dass die Firma Zimmer das hätte erkennen müssen, wenn sie das neue Hüftmodell ausreichend getestet hätte, zumal die Probleme bei der Verbindung von Schaft und Kopf in der Wissenschaft bereits bekannt waren.

Hersteller sagt, Hüfte war nicht fehlerhaft

Jürgen Thoma versteht auch nach acht Jahren der Auseinandersetzung vor Gericht nicht, wie es sein kann, dass eine Prothese kaum getestet auf den Markt kommt. "Wenn Sie in der Mechanik, gerade auch in meinem Beruf mit Maschinen zu tun haben, wo genau diese Verbindungen verbaut sind, dann hat das so viele Tests hinter sich, dass diese Verbindungen in der Regel nie versagen und Jahre, Jahrzehnte halten," sagt er.

Zimmer Biomet hat die Hüfte ab 2012 nicht mehr weiter verkauft. Einen Rückruf gab es nie. Äußern will sich die Firma zu dem Fall wegen des laufenden Verfahrens nicht näher. Sie teilt nur mit, sie gehe weiter davon aus, dass die Prothese nicht fehlerhaft sei.

Thoma bekommt Recht - in erster Instanz

Als der Richter im Landgericht Freiburg am 15. Oktober ein Urteil spricht, ist der Saal rappelvoll. Dutzende andere Patienten sind gekommen. Einige müssen stehen, weil kein Sitzplatz mehr frei ist, andere, weil sie wegen der Probleme mit der Hüfte nicht mehr längere Zeit sitzen können. Der Richter folgt in seiner Urteilsbegründung vor allem den Rostocker Gutachtern. Die Hüfte sei unzureichend getestet worden, das Risiko bekannt, außerdem wären klinische Studien "geboten" gewesen.

25.000 Euro Schmerzensgeld bekommt Jürgen Thoma nach acht Jahren Klage zugesprochen. Die meisten Patienten empfinden dies als sehr gering. Jürgen Thoma jedoch ist positiv gestimmt. "Die Begründung ging mir runter wie Öl." Fünf Wochen später legt Zimmer jedoch Berufung ein. Eine endgültige Entscheidung kann sich noch Jahre hinziehen. 

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 25. November 2018 um 22:45 Uhr.

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