Brustimplantate | Bildquelle: dpa

Unerwünschte Nebenwirkungen Risiko Brustimplantate

Stand: 27.11.2018 12:00 Uhr

Lange Zeit wurden Brustimplantate aus Silikon für harmlos gehalten. Doch immer mehr Frauen klagen über unerwünschte Nebenwirkungen und die Hersteller haben jahrelang Verdachtsfälle den Behörden verschwiegen.

Von Markus Grill, NDR

Nach vier Geburten und dem Stillen von vier Kindern war Marita P. mit ihren Brüsten nicht mehr zufrieden. Die Frau aus Stuttgart entschloss sich zu einer Schönheits-OP und ließ sich am 3. August 2009 in einer angesehenen Klinik zwei Silikonimplantate einsetzen. In dem OP-Bericht nach dem Eingriff ist keine Rede von Komplikationen. Doch die begannen bereits kurz darauf.

"Habe seit heute Nacht starke Schmerzen in rechter Brust", notierte sie sich damals. "Stechen, so als ob einer mit einem Messer zusticht". Nur zehn Monate nach ihrer ersten Operation lag Frau P. erneut im OP, weil das Implantat verrutscht war. Zwei Wochen nach der Korrektur notierte sie: "Schon wieder starke Schmerzen, das darf nicht wahr sein."

Ihre Hausärztin hielt 2012 in einem Attest fest, dass auch die Nach-Operationen zu keiner Verbesserung geführt hätten und die Patientin seit der Brustvergrößerung "in der Beweglichkeit des rechten Arms stark eingeschränkt" sei. Bis heute nimmt die inzwischen 55-jährige Frau täglich mehrmals Schmerzmittel in hohen Dosen.

Milliardengeschäft Brust-OP

Schönheitsoperationen boomen weltweit und die Vergrößerung der Brust ist nach wie vor der beliebteste Eingriff überhaupt. Im Jahr 2016 wurde nach Berechnungen des US-Marktforschungsinstituts "Grand View Research" weltweit mit Brustvergrößerungen eine Milliarde Euro umgesetzt, im Jahr 2025 sollen es 1,75 Milliarden Euro sein. Nach Berechnungen der International Society of Aesthetic Plastic Surgery lassen sich mehr als 1,6 Millionen Frauen im Jahr die Brüste wiederherstellen oder vergrößern, davon 345.000 in den USA, 67.000 in Brasilien und 54.000 in Italien.

Zahl der Operationen unbekannt

In Deutschland ist die Zahl schwer zu schätzen, weil die Eingriffe nirgends gemeldet werden müssen. Nach Angaben der Deutschen Gesellschaft der Plastischen, Rekonstruktiven und Ästhetischen Chirurgen (DGPRÄC) verkaufen die Medizinprodukte-Firmen hierzulande rund 60.000 Brustimplantate im Jahr. Die meisten davon werden bei Schönheits-OPs eingesetzt, ein kleinerer Teil dient dem Wiederaufbau der Brust nach einer Brustkrebs-Operation.

Langzeitstudien nicht abgeschlossen

Doch wie sicher sind die Implantate überhaupt? Die laxen Regeln für Medizinprodukte in Europa bringen es mit sich, dass die Firmen nicht nachweisen müssen, wie riskant die Implantate sind, sondern nur, dass sie technisch funktionieren. Es gibt keine kontrollierten Studien, die mögliche Risiken und Langzeitfolgen zeigen.

Das ist umso erstaunlicher, weil die US-Gesundheitsbehörde FDA die Silikonimplantate von 1992 bis 2006 schon mal verboten hat, weil sie sie für nicht sicher genug hielt. Danach kamen sie wieder auf den Markt. Allerdings verlangte die FDA, dass die beiden größten Hersteller Langzeitstudien machten, doch keine der beiden Firmen schloss die Studien ab.

"Grundsätzlich ist es so, dass wir keine verlässlichen Daten haben", sagt Uwe von Fritschen, Chefarzt Plastische Chirurgie am Helios-Klinikum Emil von Behring in Berlin-Zehlendorf. Und die Aufsichtsbehörden überblicken das Ausmaß der Gefahr oft selbst nicht. In den USA hatten die Firmen Risse und andere bedenkliche Vorkommnisse jahrelang als geringfügig deklariert und jeweils nur vierteljährliche Zusammenfassungen der ihnen bekannt gewordenen Probleme bei der FDA abgeliefert.

Hohe Dunkelziffer bei Problemen in Deutschland

Die fehlenden Meldungen entdeckte der US-Anwalt Chris Shakib, der mehrere hundert Frauen mit beschädigten Brustimplantaten vor Gericht vertrat. Seither werden zumindest in den USA die Meldungen wieder ernster genommen: Während bis 2016 durchschnittlich weniger als 200 "unerwünschte Ereignisse" bei Brustimplantaten der FDA gemeldet wurden, waren es 2017 schon 4567 und im ersten Halbjahr 2018 bereits 8242.

#ImplantFiles

An dem Projekt unter dem Titel "The Implant Files" waren mehr als 250 Journalisten von knapp 60 verschiedenen Medien aus 36 Ländern beteiligt. Darunter sind die BBC, "Le Monde", AP sowie unter anderem Medien aus Japan, Südkorea, Pakistan, Indien, Argentinien, Brasilien, Mexiko und vielen europäischen Ländern. Koordiniert wurde die Recherche vom Internationalen Konsortium Investigativer Journalisten (ICIJ).

In Deutschland ist die Zahl der Vorkommnismeldungen beim Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) dagegen weiter unglaubwürdig niedrig: 2016 waren es 118 Meldungen, 2018 waren es bis Anfang November 179. Gleichzeitig kommen jedes Jahr mehr als 10.000 Frauen in Kliniken, weil sie Schwierigkeiten mit ihren Implantaten haben.

Früher war wenig über Silikon bekannt

Peter Vogt hat in den vergangenen 20 Jahren mehrere hundert Brustimplantate eingesetzt. Er ist Direktor der Klinik für Plastische Chirurgie an der MHH Hannover und ehemaliger Präsident des Dachverbands der Plastischen Chirurgen (DGPRÄC). "Vor 20 Jahren hieß es noch, Silikon ist völlig harmlos. Jetzt gibt es aber ausreichend Untersuchungen, die klar machen, dass Silikonimplantate doch problematischer sein können", sagt Vogt.

Christian Baars, NDR, zu minderwertigen Implantaten
tagesschau24 11:00 Uhr, 26.11.2018

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Studien zeigen Nebenwirkungen auf

In diesem Jahr sind zwei große Studien erschienen, die einen Zusammenhang zwischen Brustimplantaten und der Häufung von Autoimmun-Erkrankungen sehen: Bei der Sarkoidose beispielsweise bilden sich kleine Knötchen im Bindegewebe; bei dem Sjögren-Syndrom fallen Speichel- und Tränendrüsen trocken; bei der Sklerodermie verknöchert die Haut lebensgefährlich. Viele Patientinnen klagen bei diesen Krankheiten außerdem über Schmerzen, Depression und Müdigkeit. Eine Facebook-Gruppe für Frauen, die krank wurden nach Brustimplantaten, hat drei Jahre nach ihrer Gründung bereits 52.000 Mitglieder und wächst derzeit schnell an.  

Auch Kritik an Studien

Der Berliner Chirurg Uwe von Fritschen hält ebenso wie die US-amerikanische Gesundheitsbehörde FDA die beiden neuen Studien hingegen für nicht überzeugend. Sie seien methodisch zu schlecht, um daraus Erkenntnisse abzuleiten, sagt von Fritschen. Gleichwohl müsse man zur Kenntnis nehmen, dass es Frauen gebe, die nach Brustimplantaten unter Schmerzen leiden und es häufig nicht klar sei, woher ihre Beschwerden kommen.

Weltweit ließen sich im vergangenen Jahr rund 170.000 Frauen ihre Brustimplantate wieder herausnehmen, auch deshalb, weil viele nur rund zehn bis 15 Jahre halten und dann ausgetauscht werden müssen.

Register verlangt

Der einzige Weg, um die Risiken von Silikon-Implantaten zu klären, sei deshalb ein verpflichtendes Register. Jeder Arzt muss dann den Ein- und Ausbau eines Brustimplantats melden. Fritschen wirbt seit Jahren für so ein Register. Inzwischen zeigt sich auch das Bundesgesundheitsministerium aufgeschlossen. Nach bisherigen Plänen könnte das Brustimplantate-Register 2020 an den Start gehen, sagt von Fritschen.

Hinweise auf Zusammenhang mit Tumorart

In den vergangenen Monaten haben zudem immer mehr Wissenschaftler auf einen möglichen Zusammenhang zwischen Brustimplantaten und einer bestimmten Tumorart, dem anaplastischen Großzell-Lymphom (BIA-ALCL) hingewiesen. Auch wenn nur schätzungsweise eine von 30.000 Frauen mit Implantaten daran erkrankt, lasse sich der Zusammenhang nicht länger ignorieren. "Wir nehmen das sehr ernst, auch wenn wir aufgrund der geringen Fallzahlen noch wenig über die Ursachen und die Therapie wissen", sagt Fritschen.

Marita P. will sich Implantate herausnehmen lassen

Marita P. hat lange gezögert und gehofft, dass die Schmerzen besser werden. Nachdem sie jetzt durch die ständigen Schmerzmittel aber auch noch ein Magengeschwür bekommen hat, ist für sie Schluss. "Im kommenden Jahr lasse ich mir die Implantate heraus machen", sagt sie. "Und dann würde ich sie gern jemandem geben, der untersuchen kann, ob sie wirklich in Ordnung waren. Aber daran hat vermutlich niemand ein Interesse."

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 27. November 2018 um 11:00 Uhr.

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