Grüne Kanzlerkandidatin Baerbocks großer Sprung

Stand: 19.04.2021 14:04 Uhr

Auf die erste grüne Kanzlerkandidatin Baerbock kommen raue Zeiten zu. Fortan steht sie unter verschärfter Beobachtung. Sobald die Union ihre K-Frage ebenfalls geklärt hat, beginnt die inhaltliche Auseinandersetzung.

Eine Analyse von Christian Feld, ARD-Hauptstadtstudio Berlin

Annalena Baerbock hat den Moment oft genug beschrieben: Als Trampolin-Springerin war sie immer wieder in der Situation, einen neuen schwierigen Sprung zum ersten Mal zu versuchen. Drei, zwei, eins - und dann das Risiko, dass es nicht so läuft wie geplant. Baerbock hat dreimal Bronze bei den Deutschen Meisterschaften geholt. Sie war drittbeste Springerin in Deutschland, aber eben nicht auf Platz Eins.

Jetzt setzt sie in ihrer politischen Karriere zum großen Sprung an. Es ist ein Schritt, der durchaus riskant ist. Als "Todeszone der Politik" hatte Joschka Fischer das Kanzleramt einst genannt.

Das grüne Spitzenduo mit Robert Habeck soll weiter bestehen. Doch im Mittelpunkt steht ab jetzt sie. Sie steht unter verschärfter Beobachtung.

Neue grüne Welt

Ohne Zweifel haben Baerbock und Habeck die Partei in eine grüne neue Welt geführt. Basisdemokratie und Flügelstreit gehörten lange Zeit zur DNA der Grünen. Man muss sich nur alte Videos anschauen. Jetzt herrscht eine fast beängstigende Geschlossenheit. Die Grünen wollen an die Macht und wissen, wie gut ihre Chancen stehen. Stand jetzt.

Vor der Entscheidung in der K-Frage sprachen die, die überhaupt mit Medien sprechen, fast synchron und voller Lob über die Spitze und das Verfahren. SMS-Anfragen in die Partei - selbst für den vertraulichen Hintergrund - blieben unbeantwortet oder wurden in Rätseln beantwortet.

Baerbock, ihr Teampartner Habeck und die Grünen müssen jetzt beweisen, dass sie diese Geschlossenheit weiter aufrechterhalten können. Können sie die Disziplin bis zur Bundestagswahl bewahren? Allzu oft hat die Partei in früheren Wahljahren gezeigt, dass falsch gesetzte politische Botschaften schönste Umfragewerte zerstören können.

Auf die inhaltliche Ausrichtung dürfte die Antwort auf die K-Frage keine größere Auswirkung haben. Größere Unterschiede sind bisher nicht bekannt geworden. Den inhaltlichen Kompass hat der Parteivorstand kürzlich präsentiert: den Vorschlag zum Wahlprogramm. Fast 140 Seiten mit vielen Projekten. Konkrete Preisschilder an den ambitionierten Plänen fehlen jedoch noch. Hier wird die politische Konkurrenz in den kommenden Monaten noch sehr viel genauer hinschauen.

Besonders Baerbock muss sich auf sehr viel rauere Zeiten einstellen. Habeck hat als die andere Hälfte des Spitzenduos angekündigt, dass er eine mögliche Regierungsübernahme mit vorbereiten will. In der Öffentlichkeit aber steht sie jetzt vorne im Wind. Baerbock gilt als trittfest, auch in den Tiefen von Sachthemen. Gelegentlich unterlaufen ihr in Interviews Patzer, beispielsweise wenn sie das chemische Element Cobalt Kobold nennt, oder dazu aufruft, Europa zu "verenden". Das seien doch Kleinigkeiten, die menschlich machen, sagen Wohlmeinende. Im Kampf um das mächtigste Amt in Deutschland werden sich die Gegner aber wohl mit Genuss darauf stürzen.

Erneuerung statt Status Quo

Einen Vorwurf wird Baerbock ab jetzt sehr oft hören. Erfahrung an der Spitze einer Regierung oder Behörde hat sie bisher nicht gesammelt. Ein "neues Verständnis politischer Führung" verspricht sie bei der Präsentation. Sie sei noch nie Kanzlerin oder Ministerin gewesen: "Ich trete an für Erneuerung. Für den Status Quo stehen andere." Im unmittelbaren Vergleich zur Kandidatenfindung der Union könnte das zum Pluspunkt werden.

Die 40-Jährige wird im Feld der Kanzlerkandidaten durch ihr Alter und als einzige Frau herausstechen. Welche Kriterien genau Baerbocks und Habecks Entscheidung beeinflusst haben, wollen die beiden auch hinterher vertraulich halten. Nur so viel von ihr in der Pressekonferenz: Natürlich habe auch die Frage der Emanzipation eine "zentrale Rolle" gespielt.

Die K-Frage ist geklärt, das Wahlprogramm auf dem Weg. Gehen die demonstrativen grünen Harmonie-Festspiele weiter? Natürlich sind die aktuellen Umfragen auch weiterhin immer nur Momentaufnahmen. Dennoch scheint eine Regierungsbeteiligung sehr wahrscheinlich, die Übernahme des Kanzleramtes zumindest möglich.

Sobald auch die Union ihre Führungsfrage beantwortet hat, kann die inhaltlich Auseinandersetzung beginnen. Die erste grüne Kanzlerkandidatin wird noch sehr viel intensiver beantworten müssen, wie die grünen Politikpläne umsetzbar und finanzierbar sind. Ab jetzt gelten die Worte von Habeck am Vormittag: "Liebe Annalena, die Bühne gehört dir." Er tritt zurück in den Hintergrund. Sie legt ihm auf dem Weg zum Rednerpult noch einmal die Hand auf den Oberarm. Für die Grünen beginnt eine neue Etappe.

Grüne schicken Annalena Baerbock als Kanzlerkandidatin in Bundestagswahlkampf
Isabel Reifenrath, ARD Berlin
19.04.2021 11:56 Uhr

Download der Audiodatei

Wir bieten dieses Audio in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Audiodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Über dieses Thema berichteten am 19. April 2021 tagesschau24 um 11:00 Uhr und die tagesschau um 14:00 Uhr.

Korrespondent

Christian Feld Logo WDR

Christian Feld, WDR

@ChrFeld bei Twitter
Darstellung: