Grünen-Politikerin Baerbock Eine, die aus dem Nichts kam

Stand: 19.04.2021 11:11 Uhr

Annalena Baerbocks Aufstieg war rasant. Dass die Grünen heute so harmonisch agieren, ist auch ihr Verdienst. Doch manchmal fehlt ihr die Lockerheit - und noch etwas fehlt der ersten grünen Kanzlerkandidatin.

Von Sabine Henkel, ARD-Hauptstadtstudio

Selten ist ein Politiker oder eine Politikerin so schnell nach oben gekommen. Annalena Baerbock fing mit 25 Jahren aktiv an, wirbt seit acht Jahren im Bundestag für grüne Ideen und wurde mit 37 Jahren Parteivorsitzende. Ex-Außenminister Joschka Fischer sagte über sie: "Annalena kommt für mich aus dem Nichts."

Aus dem Nichts nach ganz oben, an die Spitze der Grünen - bei ihrer Wahl machte sie unmissverständlich klar, nicht nur die Frau an Robert Habecks Seite sein zu wollen. Habeck hatte sich zu dem Zeitpunkt bereits einen Namen gemacht, sie hingegen war bundespolitisch bis dahin kaum aufgefallen. Das änderte sich schnell. Sie gilt heute als Fachpolitikerin, versiert in vielen Themen, arbeitet konzentriert und fokussiert, beinahe detailversessen.

Keine Inszenierungen

Aus dem Kohleausstiegsgesetz kann sie vermutlich im Schlaf zitieren. Inszenierungen hingegen liegen ihr fern, anders als Habeck. So lässt sie sich nicht gerne fotografieren. Baerbock wirkt authentisch und erfährt auch bei politischen Gegnern Anerkennung.

Etwa bei Thomas de Maizière im Jahr 2017 bei den Jamaika-Verhandlungen, wie er im Podcast der "Zeit" erzählt. "Diese Frau beeindruckt mich. Ich habe Frau Baerbock erlebt bei den Sondierungsverhandlungen und da hat sie einen sehr guten Eindruck gemacht, sehr informiert, zum Punkt."

Jeans, T-Shirt, Lederjacke, an anderen Tagen Kleid und High Heels. Dynamisch, selbstbewusst. Manchmal fehlt es ihr allerdings an Lockerheit, und vor allem fehlt ihr eins: Regierungserfahrung. Die Frau, die nach ganz oben will, hat noch nie regiert. Die politische Konkurrenz versäumt keine Gelegenheit, das zu betonen. An Baerbock prallt das ab, und bei den Grünen spielt das ohnehin keine Rolle.

Teamplayerin Baerbock

Baerbock erfährt in den eigenen Reihen großen Rückhalt - mittlerweile mehr als Habeck. Beide sind Teamplayer, haben die Grünen gemeinsam geeint - während die Union an ihrer Selbstzerstörung arbeitet, pflücken die Grünen sinnbildlich Sonnenblumen.

Baerbock hat entscheidenden Anteil daran, dass die Partei so geschmeidig daherkommt, trotz Doppelbelastung als Politikerin und Mutter. "Ich habe zwei kleine Kinder und ich will nicht aufhören Mutter zu sein, bloß, weil ich Spitzenpolitikerin bin. Und es wird Momente geben, da bin ich nicht da, weil es da wichtiger ist, dass ich bei meinen Kindern bin."

Kinder und Kanzleramt - lässt sich das vereinbaren? Die Regierungschefin in Neuseeland, Jacinda Ardern, macht es vor. Baerbock macht nicht den Eindruck, als würde sie daran zweifeln. Sie sieht es als Aufgabe von Politik an, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu verbessern - auch in der Spitzenpolitik. Eine junge Mutter im Kanzleramt kann außerdem die Familienpolitik und die damit zusammenhängenden gesellschaftlichen Fragen vorantreiben - Role-Model sein.

"Ich halte nichts davon, alles schön zu reden und zu sagen, das kriegt man alles easy hin, so einen Rund-um-die-Uhr-Job und kleine Kinder," erklärt Baerbock. "Und ich habe das Glück, dass mein Mann mir viel abnimmt." Ihre Tochter hat sie mal gefragt, ob eigentlich auch Frauen Elternzeit nehmen können.

Doppelsalto vorwärts ins Kanzleramt?

Baerbock lebt in Potsdam, 40 Kilometer von Berlin entfernt. Mit Habeck, sagt sie, sei sie befreundet und ist überzeugt, dass sie den Wahlkampf nur gemeinsam führen können. Teamplayerin eben, das bringt sie aus dem Sport mit.

Baerbock hat Fußball gespielt und ist Trampolin gesprungen - im Leistungsbereich. Da stand sie sogar kurz vor der deutschen Meisterschaft, bis eine Verletzung sie stoppte. Ihr liebster Sprung ist der Doppelsalto vorwärts mit halber Schraube. Dafür braucht es festen Willen und Mut. Irgendwie typisch für Baerbock.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk Kultur am 19. April 2021 um 05:09 Uhr.

Korrespondentin

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Sabine Henkel, WDR

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