Bundeswehr in Afghanistan In Hab-Acht-Stellung am Hindukusch

Stand: 12.02.2021 05:05 Uhr

Eigentlich wollte die Bundeswehr bis zum 30. April aus Afghanistan abziehen. Doch das wird zunehmend unwahrscheinlich. Drei Optionen liegen auf dem Tisch.

Von Michael Götschenberg und Kai Küstner, ARD-Hauptstadtstudio

Egal ob Freund oder Feind, egal ob afghanische Regierung, die Bundeswehr-Führung oder die Taliban - sie alle befinden sich derzeit in Hab-Acht-Stellung und warten gebannt auf eine Entscheidung der USA. Die neue Regierung von Präsident Joe Biden in Washington muss erklären, ob die US-Truppen über den 30. April hinaus am Hindukusch bleiben werden oder nicht.

In einem Abkommen zwischen den USA und den radikal-islamistischen Taliban war dieses Abzugsdatum für die internationalen Truppen insgesamt vereinbart worden - geknüpft an bestimmte Bedingungen. Ob die USA sich daran halten, davon hängt ab, ob die NATO-Staaten und damit auch die Bundeswehr ihren Einsatz verlängern.

Drei Optionen sind möglich

Derzeit liegen drei Optionen auf dem Tisch: ein Abzug der internationalen Truppen wie geplant bis Ende April, eine Verlängerung des Einsatzes oder eine Verlängerung mit Zustimmung der Taliban. Das Bleibe-Szenario gilt dabei nach Informationen des ARD-Hauptstadtstudios mittlerweile als das wahrscheinlichste. Dass sich die Taliban damit einverstanden erklären könnten, scheint hingegen sehr unwahrscheinlich.

Taliban drohen mit Krieg

Das würde bedeuten, dass ein Verbleiben der Truppen erhebliche Risiken mit sich bringen würde: Die Taliban haben bereits mit einem "kompromisslosen Krieg" ("all-out-war") gedroht, sollten sich die ausländischen Truppen gegen ihren Willen nach Ende April hinaus noch im Land befinden. "Eine Verlängerung der Präsenz der NATO über den April hinaus kann zu einer höheren Gefährdung unserer Soldatinnen und Soldaten führen", bestätigt ein Sprecher des Bundesverteidigungsministeriums dem ARD-Hauptstadtstudio.

In Sicherheitskreisen heißt es, dies könne auch dazu führen, dass man kampfstarke Verstärkung ins deutsche Lager nach Masar-i-Sharif bringen müsse. Aktuell befinden sich etwa 1200 Bundeswehrsoldaten in Afghanistan.

NATO ist alarmiert

Auch bei der NATO sieht man die Risiken. Nach Informationen des ARD-Hauptstadtstudios soll sich der Nordatlantikrat, die Runde aller 30 NATO-Botschafter, Anfang kommender Woche mit der Frage beschäftigen, welche Maßnahmen für die Sicherheit der rund 2500 US-Soldaten und der internationalen Truppen insgesamt getroffen werden müssen.

Und auch im Deutschen Bundestag ist man gewarnt: "Die Bundeswehr muss angesichts der Lage damit rechnen, dass es sehr gefährlich werden könnte", sagt die FDP-Verteidigungspolitikerin Marie-Agnes Strack-Zimmermann.

Abzug an Bedingungen geknüpft

Die Taliban berufen sich auf das Abkommen mit den USA von Ende Februar 2020. Allerdings ist der darin vereinbarte Abzug der westlichen Truppen zum 30. April an Bedingungen geknüpft: an die Aufnahme von Friedensverhandlungen, an eine Feuerpause und daran, dass die Taliban nicht mit Terrorgruppen wie Al Kaida oder dem IS kooperieren.

Zwar sitzen die Taliban und die afghanische Regierung mittlerweile am Verhandlungstisch, die anderen Bedingungen sehen die meisten politisch Verantwortlichen im Westen jedoch nicht als erfüllt an - auch wenn die Taliban ausländische Truppen zuletzt nicht mehr angegriffen haben. Würde man jedoch alle Soldaten abziehen, so die Befürchtung, wäre der Druck auf die Islamisten, sich am Verhandlungstisch zu bewegen, gleich null. Die Gespräche mit der afghanischen Regierung sind ohnehin ins Stocken geraten.

"Die Ministerin hat ein reales Problem"

Eins jedenfalls scheint klar: Nächste Woche dürfte von Seiten der Allianz noch keine Entscheidung fallen, wie es weitergehen sollte: "Uns ist jetzt gesagt worden, dass beim NATO-Verteidigungsministertreffen kommende Woche nicht mit einem Abzugsdatum zu rechnen ist. Das ist vor allem für die betroffenen Soldatinnen und Soldaten schwer", sagt der Grünen-Abgeordnete Tobias Lindner.

Einfach ist die Lage auch für Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer nicht: Sie muss nämlich demnächst einen Text für eine mögliche Verlängerung des Afghanistan-Bundestags-Mandats vorlegen, das zum 31. März ausläuft. Ohne bislang genau zu wissen, in welche Richtung es von Seiten der USA gehen soll: "Die Ministerin hat ein reales Problem", meint der Linken-Abgeordnete Tobias Pflüger.

Also doch Abzug?

Eine ganz andere Frage ist, was passiert, wenn man doch noch an dem Szenario des Abzugs zum 30. April festhielte. Experten befürchten, Afghanistan könnte dann schnell wieder in Bürgerkrieg und Chaos versinken. Kein Wunder also, dass ein einflussreiches US-Beratergremium wie die "Afghanistan Study Group" empfiehlt, den Abzug nicht an Zeitpunkte, sondern an Bedingungen zu knüpfen.

Die Bundeswehr hat zwar schon von ihrem Stützpunkt Masar-i-Sharif jede Menge Container nach Hause transportiert. Die Zeit für einen geregelten Komplettabzug wird jedoch allmählich knapp: "Ich möchte gewährleisten, dass wir alles sicher und in Ruhe zurückführen können", fordert die verteidigungspolitische Sprecherin der SPD, Siemtje Möller.

Eines jedenfalls wollte man bei der Bundeswehr und bei der NATO stets vermeiden: den Eindruck eines überhasteten, chaotischen Hals-über-Kopf-Abzugs vom Hindukusch. Das würde der Allianz schaden - und den Taliban womöglich freie Bahn lassen.

Afghanistan - Sorge um Sicherheit der Bundeswehr
Kai Küstner, ARD Berlin
12.02.2021 06:48 Uhr

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Über dieses Thema berichtete B5 aktuell am 12. Februar 2021 um 06:35 Uhr.

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