Gedenken an Corona-Tote Ein Miteinander im Leid

Stand: 18.04.2021 04:12 Uhr

Fast 80.000 Menschen sind allein in Deutschland in der Corona-Pandemie gestorben. Viele Angehörige konnten keinen Abschied nehmen. Eine nationale Trauerfeier soll heute Trost spenden.

Von Kai Clement, ARD-Hauptstadtstudio

"Politik vollzieht sich auch in Symbolen", sagt Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble. Ein solches Symbol ist die gemeinsame Trauerfeier mit Hinterbliebenen, das zentrale Gedenken im Konzerthaus am Gendarmenmarkt. Nach der Ansprache von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier als Gastgeber wird Musik aus dem Requiem erklingen. "Selig sind, die da Leid tragen, denn sie sollen getröstet werden." Die Worte aus der Bergpredigt mit der Komposition von Johannes Brahms drücken vielleicht am besten das Ziel des Gedenkens aus.

Es geht um ein gemeinsames Innehalten, ein Miteinander im Leid, um Trost. Bundestagspräsident Schäuble wird coronabedingt einer von nur wenigen Teilnehmern im Konzerthaus sein - neben den anderen Spitzen der fünf Verfassungsorgane, von der Kanzlerin bis zum Präsidenten des Bundesverfassungsgerichts. Schäuble sagt, man habe es auch nach Terroranschlägen gesehen: Ein gemeinsamer symbolischer Akt könne durchaus Trost stiften.

Eine Mutter trauert um ihre Tochter

Schäuble wird eine der Hinterbliebenen durch die Zeremonie begleiten. Michaela Mengel hat ihre erst 23-jährige Tochter durch Corona verloren. Nachts wurde sie ins Krankenhaus in Essen gerufen, erzählte sie Bundespräsident Steinmeier bereits bei einem Treffen im März. Sie habe das Handy angemacht, das Lied "Der letzte Tanz" von Bosse abgespielt - und ihre Tochter gehalten. "Und dann habe ich zugeguckt, wie mein Kind gestorben ist", erinnert sie sich unter Tränen.

Musik, Kerzen, Worte von Hinterbliebenen und die Rede des Bundespräsidenten sind Teil der zentralen Trauerfeier. Sie folgt auf einen ökumenischen Gottesdienst in der Berliner Gedächtniskirche am Vormittag mit dem Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Georg Bätzing, und dem Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland, Heinrich Bedford-Strohm. Der sagt: "Es gibt auch so etwas wie öffentliche Seelsorge." Die Sterbezahlen seien so dramatisch, dass es ein solches Gedenken brauche. Es trauere eine ganze Gesellschaft um viel zu viele Tote.

"Schrecklich dunkle Wochen"

Bundespräsident Steinmeier hat sich des Leidens der Menschen in der Pandemie schon mehrfach angenommen. Im vergangenen November traf er sich mit Covid-Genesenen. Im Januar dann, als die Zahl der Toten in Deutschland einen weiteren Rekord erreichte, startete er die Aktion "Lichtfenster": eine Kerze im Fenster von Schloss Bellevue als Einladung an alle Menschen, es ihm nachzutun.

"Für zu viele Menschen in unserem Land sind diese Corona Wochen schrecklich dunkle Wochen. Viel zu viele müssen um Angehörige trauern. Viel zu viele kämpfen auf den Intensivstationen und in den Pflegeheimen um ihr Überleben. Viel zu viele müssen um geliebte Menschen bangen."

Im März lud Steinmeier Hinterbliebene zum Gespräch ein. Dabei war auch Michaela Mengel, die nun auch am zentralen Gedenken teilnehmen wird, sowie Kirsten Grieshaber. Während ihre Mutter aus dem Krankenhaus entlassen wird, stirbt der 80-jährige Vater nach dreieinhalb Wochen. Sie litt vor allem darunter, dass Corona Nähe, Berührung und Kontakt verhindert.

Für Eugen Brysch von der Deutschen Stiftung Patientenschutz ist das eine Art Corona-Trauma. Erschütternd sei es, dass viele beim Sterben des geliebten Menschen gar nicht dabei sein durften. "In den letzten Stunden nicht da zu sein, das macht das Trauern besonders schwer."

Gemeinsam Trauern kann helfen

Viele Menschen haben viel verloren, sagt Alena Buyx, die Vorsitzende des Ethikrates, dem ARD-Hauptstadtstudio. Sie verweist auf Trauerforschung und psychologische Untersuchungen. Die machten deutlich: Ein gemeinsames und dadurch sichtbares Trauern könne den Betroffenen helfen. Sie jedenfalls glaube, dass das vielen Menschen guttun werde "und dass es auch uns als Gesellschaft guttun kann."

Angesichts des Streits in der Politik und den Kurs in der Corona-Krise sei es zugleich zu begrüßen, dass der Bundespräsident das Gedenken gestalte. So komme es von einer anderen Ebene jenseits des politischen Alltagsgeschäfts. "Alle Appelle zu Geduld und Vernunft und Disziplin werden stumpf in diesen zermürbenden Zeiten", hatte Steinmeier in seiner Osteransprache gesagt und die Fehler rund um Testen, Impfen und Digitalisierung angesprochen. Es brauche Klarheit, Entschiedenheit und pragmatische Regelungen.  

Der richtige Zeitpunkt?

Brysch stellt die Frage, ob jetzt der richtige Zeitpunkt für das Gedenken sei. Schließlich sei Deutschland leider noch weit von einem Ende der Krise entfernt. Aus dem Bundespräsidialamt heißt es dazu, gut ein Jahr nach Beginn der Pandemie habe Steinmeier ein Zeichen setzen wollen. Einen klaren Endpunkt von Corona könne jetzt noch niemand benennen.

Städte und Bundesländer sowie die Kirchen werden sich am Gedenken beteiligen. So will man Kerzen aufstellen und Blumen niederlegen, Kirchenglocken werden läuten. Miteinander innehalten - ganz im Sinne Steinmeiers. "Um gemeinsam zu sagen: Ihr werdet nicht vergessen, und um den Hinterbliebenen eine Stimme zu geben und sagen: Ihr seid nicht allein in ihrem Leid, nicht allein in eurer Trauer."

Gedenken an die Opfer der Coronazeit
Ulrike Bieritz, ARD Berlin
18.04.2021 12:47 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 18. April 2021 um 09:00 Uhr.

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Kai Clement, WDR

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