Dreikampf ums Kanzleramt Drei wollen rein - was spricht für wen?

Stand: 23.04.2021 04:39 Uhr

Armin Laschet, Annalena Baerbock, Olaf Scholz - diese drei wollen im Herbst ins Kanzleramt einziehen. Was spricht für wen? Und was sind ihre Schwächen? Ein Überblick.

Geduld gehört zu den Stärken von Olaf Scholz. Die brauchte er auch, schließlich hatte ausgerechnet die SPD schon vor Monaten ihre Top-Personalie geklärt. Seit August wartete Kanzlerkandidat Scholz auf seine Mitbewerber oder Mitbewerberinnen der anderen Parteien. Seit dieser Woche nun ist er nicht mehr allein, alle K-Fragen sind beantwortet: Annalena Baerbock tritt für die Grünen an, die Union hat sich nach einigem Hin und Her für Armin Laschet entschieden. FDP, Linkspartei und AfD wollen keine Kanzlerkandidaten aufstellen, sie gehen mit Spitzenkandidaten in die Bundestagswahl.

Es läuft also auf einen Dreikampf um das Kanzleramt hinaus. Welche Stärken bringen die drei mit, welche Schwächen haben sie? Was trennt sie inhaltlich? Ein Überblick.

Was gegen Laschet spricht

Die Umfragen, die Umfragen und die Umfragen. Dazu kommt: Laschet wurde in diesem Machtkampf nicht nur von Söder regelrecht vorgeführt. Ein "König ohne Reich" schrieben Medien sinngemäß über Laschet, als dessen Gefolgschaft in Scharen zu Söder überlief. Die Junge Union, der Motor eines jeden Straßenwahlkampfs, hatte ihm zuletzt nahezu einheitlich das Vertrauen entzogen. Und die Herzen der Ostverbände wird er wohl auch in diesem halben Jahr kaum mehr gewinnen können.

Laschet dürfte zudem nur schwer das Image des Gremien-Kandidaten loswerden. Er mag sich selbst als bodenständigen Politiker darstellen, der nah bei den Menschen ist, doch richtig abkaufen wollen ihm das offenbar derzeit nur wenige. Die Erzählung des Machtkampfs zwischen einem durchsetzungsstarken und zielorientieren Söder und einem zaudernden ungewollten Laschet könnte bei den Wählern nachhaltig verfangen sein - das verheißt nichts Gutes für den Wahlkampf.

Laschets Politik wird oft als tastender Politstil umschrieben. Doch dieses Vorantasten, wird ihm immer öfter als Schwäche und Zaudern ausgelegt. Genau das hat ihm in Corona-Zeiten immer wieder Kritik eingetragen. Laschets Regierungserfahrung ist damit zugleich Hypothek. Seine Corona-Bilanz fällt bei vielen negativ aus. Was in Erinnerung bleibt: sein bizarres Werben für die Öffnung von Möbelhäusern, sein Lavieren,  sein unbeholfener Vorschlag eines Brückenlockdowns - und die öffentliche Rüge der Kanzlerin.

Was für Laschet spricht

Die öffentliche Demontage, die vehemente Kritik der Basis - kein Kanzlerkandidat oder -kandidatin geht dermaßen geschwächt in den Wahlkampf wie Armin Laschet. Doch zur Wahrheit gehört auch: Laschet ist am Ende als Sieger aus dem Unions-Machtkampf hervorgegangen und hat damit gezeigt, dass er mehr als nur das viel zitierte "politische Stehaufmännchen" ist. Laschet kann offenbar Strippen ziehen, nicht nur um des Friedens, des Integrierens willen, sondern auch um seine Gefolgschaft zu mobilisieren, wenn es um alles geht.

Dazu kommen die bekannten Stärken, die als Kanzler noch mehr gefragt sein dürften: Laschet kann vereinen, vermitteln und Brücken bauen. Er dürfte zumindest die Voraussetzungen mitbringen, dass er zwischen den Merkel-Enttäuschten, die sich eine neue konservative Politik erhoffen, und den Merkel-Anhängern, die eine Fortführung der bisherigen Politik erwarten, einen Ausgleich herstellen kann. Ob ihm das auch wirklich gelingt, bleibt eine offene Frage.

Dass er vermitteln kann, hat Laschet als NRW-Ministerpräsident gezeigt. Damit geht auch ein weiterer Vorzug einher: die Regierungserfahrung. Laschet hat eine Wahl in einem traditionellen SPD-Land gewonnen. Er hat als Ministerpräsident den Kohleausstieg verhandelt und er hat Erfahrungen auf internationalem Parkett gesammelt - wenn auch vor allem als  Europapolitiker. Eine europäische Haltung muss Laschet nicht erst entwickeln. Und in einer FDP-Koalition mit knapper Mehrheit zeigt er in NRW, dass Regieren auch ohne öffentliche Zerwürfnisse möglich ist.

Was gegen Baerbock spricht

Laschet hat sie, Scholz hat sie. Baerbock fehlt sie: Regierungserfahrung. Das dürfte der ersten grünen Kanzlerkandidatin im Wahlkampf immer wieder vorgehalten werden. Will man die Geschicke einer der größten Volkswirtschaften der Welt wirklich einer Politikerin anvertrauen, die noch nie eine Behörde, ein Ministerium oder ein Bundesland geführt hat? Und das in einer Zeit, in der es vermutlich vor allem um die Bewältigung der Corona-Folgen geht? Baerbock wäre ein Experiment.

Inhaltlich gilt Baerbock als trittsicher, dennoch unterlaufen ihr Fehler. Peinliche Versprecher, die in rauen Wahlkampfzeiten sicherlich genüsslich ausgeschlachtet werden dürften. In einem Interview sprach sie von "Kobold" in Batterien, sie meinte aber Kobalt. Baerbock wird im Wahlkampf Fehler machen, schon aus Unerfahrenheit.

Und dann ist da noch Robert Habeck: Auch er wäre gern erster grüner Kanzlerkandidat geworden. Dass er es nicht geworden ist, sei für ihn eine persönliche Niederlage, sagte er der "Zeit". Zweifel an seiner Loyalität zu Baerbock gibt es bislang nicht (anders als bei Söder und Laschet), doch was passiert, wenn es für Baerbock und die Grünen im Wahlkampf nicht gut läuft?

Was für Baerbock spricht

Kein Porträt, kein Interview, keine Talkshownachfrage, die ohne den Zweifel auskommt: Wie soll das bloß gehen - ohne jegliche Regierungserfahrung? Doch gerade weil Baerbock bisher kein Ministerium, keine Landesregierung führen musste, kann sie - zumindest bei Anhängern - ihre Politik des Aufbruchs glaubhaft vertreten. Ihre Karriere verlief tatsächlich rasant: Innerhalb weniger Jahre gelang ihr der Aufstieg von der Praktikantin im EU-Parlament bis zur Kanzlerinnenanwärterin. Als Bundesvorsitzende hat sie es bisher geschafft, ideologische Lager zu vereinen. In der Flüchtlingspolitik vertritt sie einen humanitären Ansatz, um zugleich die Abschiebung straffälliger Asylbewerber zur fordern.

Gezeigt hat Baerbock dabei auch, dass sie sich schneller und wohl auch detailversessener mit Themen auseinandersetzen kann und will, als manch anderer im Politbetrieb. In der Antragskommission der Grünen hat sie vermutlich härtere Verhandlungen geführt als Scholz zuletzt über die Schuldenbremse. Und dann ist da noch die Klimakrise. Für viele Wähler bleibt Klimaschutz ein zentrales Zukunftsthema. Und für die Grünen - trotz allem - ist es nun mal Teil ihrer politischen DNA - mehr Aufwind geht eigentlich nicht.

Was gegen Scholz spricht

"Sie kennen mich": Den legendären Satz von Merkel aus dem Wahlkampf 2013 sollte Scholz besser nicht kopieren. Ja, man kennt Scholz: als Scholzomat, Technokrat, zuweilen arrogant, kühl, emotionslos, roboterhaft monoton. Spätestens seit dem (verlorenen) Rennen um den SPD-Vorsitz versucht er zwar, dieses Image von damals abzuschütteln, aber immer gelingen mag ihm das nicht. Scholz ist kein Menschenfänger, keiner, der die Herzen der Leute erwärmt, kein mitreißender Redner. Auf Wahlkampfbühnen mit heiserer Stimme die Menschen rhetorisch fesseln - das kann man sich bei Scholz nur schwer vorstellen. Aber das fällt ja Corona-bedingt vermutlich sowieso aus. Scholz kann mit Fakten punkten, nicht mit Emotionen.

Die Person Scholz steht nicht für Aufbruch oder für einen Neuanfang nach 16 Jahren Merkel. Der SPD-Kanzlerkandidat verkörpert eher ein "Weiter so", zumindest was den Regierungsstil betrifft. Und dann ist da noch die Sache mit dem Wahlprogramm, das zum Kandidaten passen sollte. Ansonsten hapert es mit der Glaubwürdigkeit, eine der wichtigsten Währungen bei Wahlen.

Die SPD will eine Abkehr von Hartz IV. Scholz aber ist der Mann, der als Generalsekretär von Gerhard Schröder und später als Arbeitsminister in der Großen Koalition eben diese Gesetze durchgesetzt hat. Als Finanzminister war er lange ein Verfechter der "Schwarzen Null", im Gegensatz zur Parteiführung.

Überhaupt, die Partei. Sie könnte auch zum Problem für Scholz' Kanzlerambitionen werden. Scholz wirkt trotz anders lautender Beteuerungen mehr wie ein GroKo-Politiker als ein "truly Sozialdemokrat". Warum SPD wählen? Das haben die Partei und Scholz noch nicht überzeugend beantwortet. Die Fortsetzung der Merkel-Politik verkörpert Laschet originalgetreuer. Mehr Klimaschutz? Dafür steht Baerbock.

Auch was künftige Koalitionen angeht, haben Kandidat und Partei unterschiedliche Präferenzen: Scholz neigt zur Ampel, also einer Koalition aus SPD, Grünen und FDP. Die SPD-Führung liebäugelt mit Grünen und Linkspartei - so liest sich auch das Wahlprogramm.

Was für Scholz spricht

Die SPD steht gut da. Geschlossen wie lange nicht. Personalfragen geklärt. Das Blöde ist nur: Es scheint kaum jemanden zu interessieren. Weder die frühzeitige Kür ihres Kanzlerkandidaten noch solide Regierungsarbeit noch die jüngsten Personal-Querelen bei der Union haben bislang positive Effekte auf die Umfragewerte der Partei. Sie bleibt bei rund 15 Prozent.

Doch das wird sich ändern, hoffen zumindest die Strategen im Willy-Brandt-Haus und ihr strategisch versierter Kanzlerkandidat. Sobald den Menschen klar werde, dass Merkel wirklich im Herbst abtritt - und damit ein großes Stück Sicherheit und Verlässlichkeit wegbricht, sehnten sich die Menschen nach jemandem, der ebenso wie Merkel sein Regierungshandwerk versteht. Jemand wie Scholz eben, derzeit Vizekanzler, Finanzminister, langjährige Erfahrung in verschiedenen politischen Führungsämtern, Erfinder des "Wumms" gegen Krisen jeglicher Art.

Scholz kann auf großen Rückhalt in seiner - derzeit sehr stillen - Partei setzen, obwohl er für viele Genossen ganz sicher nicht der "Kandidat der Herzen" ist. Aber selbst bei den Jusos hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass die SPD wenn überhaupt nur mit dem ungeliebten spröden Hamburger eine Chance aufs Kanzleramt hat. In demonstrativer Harmonie arbeiten Parteispitze, Fraktion und Kanzlerkandidat zusammen.

Scholz gibt sich als besonnener Krisenmanager, der das Land sicher vor allem durch die wirtschaftlichen Folgen der Pandemie geleitet, er ist inhaltlich bis in kleinste Detail sattelfest. Die Frage, ob Scholz Kanzler könnte, stellt sich im Grunde nicht. Anders als bei Laschet und Baerbock.

Der grundsätzlich sehr selbstbewusste Scholz kann sehr überzeugend auftreten: Sätze wie "Der nächste Kanzler werde ich sein" oder "Ich will gewinnen", klingen aus seinem Mund plötzlich gar nicht so lächerlich. Wenn da nur die Umfragen nicht wären.

Scholz hat eine "sehr pointierte Art" (sagt Markus Söder), was auf politische Gegner durchaus provozierend wirken kann. In der heißen Wahlkampfauseinandersetzung womöglich ein Vorteil für den SPD-Mann, der eine solche Schwäche zum eigenen Vorteil nutzen kann. Söders Ärger über das Scholz'sche "schlumpfige Grinsen" ließ er nicht nur abperlen, sondern er machte sich kurzerhand zum Schlumpf-Fan. Denn: "Die sind klein, listig und gewinnen immer." Scholz hat nämlich auch Humor. Das aber wissen nur wenige.

SPD-Kanzlerkandidat Scholz gratuliert Laschet und Baerbock
Isabel Reifenrath, ARD Berlin
23.04.2021 06:17 Uhr

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Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 19. April 2021 um 11:00 Uhr.

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