Firmen organisieren Schnelltests "Können nicht auf Spahn warten"

Stand: 06.03.2021 11:39 Uhr

Schnelltests gibt es seit Monaten, doch erst jetzt entwickelt die Bundesregierung ein Konzept dafür. Und auch das kommt nicht gut weg. Viele Firmen nehmen die Sache lieber selbst in die Hand.

Von Kristin Joachim und Hanni Hüsch, ARD-Hauptstadtstudio

Sie sieht ein bisschen aus wie eine Currywurstbude, die mobile Teststation der Berliner Reinigungsfirma GRG. Ein Kasten, rot-weiß, auf zwei Rädern mit Fensterluke. Statt Pommes gibt es hier aber für jeden ein Schälchen mit Corona-Testkit und die Aufforderung, bitte an die Hintertür zu treten und sich das Teststäbchen wahlweise in die Nase oder den Rachen schieben zu lassen.

28.000 Euro - nur für das Testmobil

Die Leute stehen Schlange. Alles bei GRG angestellte Reinigungskräfte, die einen Schnelltests machen lassen wollen. Jeder wird namentlich aufgerufen, nach 15 Minuten gibt es das Ergebnis.

Schon seit November steht das Testmobil von Montag bis Freitag an den verschiedenen Orten der Kunden der Firma, um die GRG-Mitarbeiter präventiv vor Ort zu testen - in regelmäßigem Abstand von zwei Wochen. "Wir haben alles selber beschafft, die Tests, alles selbst finanziert", sagt Geschäftsführer Stephan Schwarz. Das Mobil hat rund 28.000 Euro gekostet.

Der Kunde könnte sonst schnell weg sein

"Es geht uns um die Gesundheit unserer Mitarbeiter. Da können wir nicht warten, bis der Gesundheitsminister aus den Puschen kommt, da müssen wir selber handeln." Schwarz hat aber auch ganz handfeste, unternehmerische Gründe. Wenn in einem Reinigungsteam, das zum Beispiel in einem Pflegeheim eingesetzt ist, ein Corona-Ausbruch passiert, dann muss das ganze Team abgezogen werden. So schnell bekäme er keinen Ersatz, der Kunde wäre weg.

4300 Mitarbeiter hat die GRG. Momentan werden nur jene getestet, die in besonders sensiblen Bereichen arbeiten. Das könnte sich bald ändern. Die Bundesregierung will die Wirtschaft mehr in die Pflicht nehmen. Wenn es nach den Beschlüssen der letzten Corona-Bund-Länder-Runde geht, sollen alle Beschäftigten, die nicht im Homeoffice sind, von ihren Unternehmen mindestens einmal pro Woche einen kostenlosen Schnelltest angeboten bekommen.

Einfach nicht machbar sei das, sagt Schwarz. Einmal aus organisatorischen Gründen: "Unsere Mitarbeiter sind in ganz vielen Objekten deutschlandweit unterwegs. Das zu organisieren, die alle einmal pro Woche zu testen, ist illusorisch."

"Die Unternehmen leiden ohnehin in der Krise"

Auch finanziell dürfte das ordentlich zu Buche schlagen, wenn - so wie jetzt geplant - die Unternehmen die Kosten selbst tragen müssten. Zwischen 25 und 30 Euro beziffert Schwarz den Preis für einen Schnelltest, wenn neben den Materialkosten auch die Kosten für das medizinische Fachpersonal eingerechnet werden, das die Schnelltests durchführen muss.

Dass die Unternehmen das selbst zahlen sollen, findet er nicht fair. "Die Unternehmen leiden ohnehin in der Krise durch Umsatzrückgang, und viele sind in ihrer Existenz bedroht. Und dass sie sich jetzt noch an den Kosten für die Tests beteiligen sollen, kann man den Unternehmen eigentlich nicht zumuten."

Treffen mit der Wirtschaft abgesagt

Das sieht Schwarz nicht als einziger so. Ein geplantes Treffen der Kanzlerin mit den Wirtschaftsverbänden für Freitagnachmittag, bei dem über die Details der Teststrategie gesprochen werden sollte, wurde kurzfristig abgesagt.

Aus Regierungskreisen heißt es, weil die Bundesregierung mit den Vorschlägen der Wirtschaft zum Testen in den Betrieben unzufrieden ist. Konkret ist damit wohl gemeint, dass die Unternehmen nicht bereit sind, die Kosten für die Tests zu tragen. Aus einer schnellen Einführung kostenloser Schnelltests für alle Beschäftigten wird also erst mal nichts.

Probleme bei Personal und Logistik

Kostenlose Schnelltests für alle, mindestens einmal pro Woche, soll es auch für jeden Bürger ab kommenden Montag geben - in Testzentren, Apotheken oder in Arztpraxen. So schnell bekommen das aber die wenigsten Kommunen hin.

Burkhard Jung, Oberbürgermeister von Leipzig und Präsident des Deutschen Städtetages, sieht die Verantwortung vor allem beim Bund: "Ich bin wirklich darüber enttäuscht, dass es nicht gelungen ist, über die letzten Monate ein vernünftiges Konzept so zu entwickeln, dass wir mit ausreichend Material, ausreichend Personal und ausreichend Logistik ausgestattet sind."

Spahn will "ministerielle Kontaktbörse" sein

An der Menge der Tests liege das nicht, sagte Jens Spahn am Freitag. Zig Millionen Schnelltests seien verfügbar und einfach bestellbar bei den Herstellern. Er stünde gern als "ministerielle Kontaktbörse" bereit, um jedem einen Kontakt zu den Herstellern zu vermitteln. Ein deutlicher Seitenhieb auf die Länder.

Doch selbst mit ausreichend Tests wäre das Nadelöhr das medizinische Personal, was die Tests durchführen müsse, erläuterte der nordrhein-westfälische Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann auf der gemeinsamen Pressekonferenz mit Spahn. Es gehe jetzt nicht um die Verfügbarkeit von Tests, so der CDU-Politiker aus NRW, sondern um die Frage: "Wer macht es?"

Im Discounter statt in der Kita

Auch Selbsttests für zu Hause sind jetzt auf dem Markt. Hersteller hätten signalisiert, 20 Millionen pro Woche herstellen zu können, sagte Spahn. Der Lebensmitteldiscounter Aldi verkauft seit Samstag Selbstests für fünf Euro pro Stück. Diese Selbsttests hätten einige Ministerpräsidentinnen und Ministerpräsidenten allerdings lieber für das Testen an Schulen zur Verfügung gehabt.

Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsidentin Manuela Schwesig wirft der Bundesregierung hier gravierende Defizite vor: "Enttäuschend ist, dass die Bundesregierung keine Vorsorge getroffen hat, dass die Selbsttests jetzt an die Länder gehen können, um zum Beispiel Kitas und Schulen abzusichern", sagte die SPD-Politikerin am Donnerstag. Sie habe kein Verständnis dafür, dass die Selbsttests, die jetzt auf den Markt kämen, "in Discounter gehen, aber nicht geordert worden sind für Kita und Schule".

Auch beim Gebäudereiniger GRG setzt man auf die Selbsttests, wenn das wirklich zu schaffen sein soll, alle Mitarbeiter einmal pro Woche testen zu lassen. "Momentan ist die knappste Ressource das Personal, weil Antigen-Schnelltests nur durch Fachpersonal abgenommen werden können. Da erhoffen wir uns die Selbsttests, dass das besser geht." Bestellt haben sie aber noch keine. Und wer diese dann bezahlt, ist ja auch noch nicht geklärt.

Mehr zu diesem Thema können Sie im "Bericht aus Berlin" sehen - am Sonntag ab 18:05 Uhr im Ersten.

Bund und Länder streiten über Organisation von Corona-Schnelltests
Uwe Jahn, ARD Berlin
06.03.2021 13:24 Uhr

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Über dieses Thema berichtete das Erste im Bericht aus Berlin am 07. März 2021 um 18:05 Uhr.

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Kristin Joachim, RBB

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Hanni Hüsch  | Bildquelle: Jens Jeske/www.jens-jeske.de Logo NDR

Hanni Hüsch, NDR

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