Corona-Lockdown Auf ins Risiko

Stand: 22.02.2021 10:30 Uhr

Zehn weitere Bundesländer öffnen Grundschulen und Kitas - angesichts der unklaren Infektionslage ein Schritt mit Risiko. Die Rückkehr zu etwas mehr Normalität - kann sie gelingen? Was ist mit Impfungen und Schnelltests?

Niedersachsen und Sachsen haben es bereits gemacht, nun ziehen weitere zehn Bundesländer nach: Sie öffnen Grundschulen und Kitas und starten wieder mit Präsenzunterricht. Zumeist im Wechselmodell mit halben Klassen, die abwechselnd zur Schule kommen. Mancherorts auch im Vollbetrieb mit festen Gruppen, die sich möglichst nicht begegnen sollen. In den Kitas werden wieder mehr oder alle Kinder betreut. Die Einzelheiten regelt - wie so häufig in Deutschland während der Corona-Krise - jedes Bundesland für sich.

Millionen zusätzliche Kontakte täglich

Angesichts der zuletzt wieder steigenden Infektionszahlen und Inzidenzwerte, Warnungen vor einer dritten Welle aufgrund der mutierten Virusvarianten, schleppender Impfungen und (noch) nicht vorhandener flächendeckender Schnelltests, erscheinen die Schulöffnungen durchaus als risikoreicher Schritt. Schließlich wird es auf einen Schlag zu Millionen zusätzlicher Kontakte täglich kommen.

"Es ist gut, dass viele Schulen in Deutschland jetzt schrittweise wieder mit dem Präsenzunterricht beginnen", sagt Bundesbildungsministerin Anja Karliczek vor allem mit Blick auf die sozialen und gesellschaftlichen Folgen der monatelangen Schulschließungen. Zugleich warnte sie: Angesichts der Infektionslage müssten die Schulen "alle zur Verfügung stehenden Mittel zur Prävention einer Virenübertragung ergreifen", um den Schulbetrieb auch in den nächsten Wochen aufrecht erhalten zu können. Sie sei aber sicher, "dass die Länder dies bei ihren Öffnungsentscheidungen berücksichtigen."

Was ist mit Impfungen?

Es sind aber nicht allein die Länder, die für mehr Corona-Schutz in den Schulen sorgen können. Auch der Bund kann eine Menge tun: zum Beispiel, Lehrkräfte und Erzieher früher als geplant impfen. Dazu muss die Impfreihenfolge entsprechend geändert werden. Die Gesundheitsminister von Bund und Ländern wollen bei einer Schaltkonferenz am Nachmittag darüber beraten - und eine geänderte Verordnung vermutlich auch beschließen. Bis sie dann in Kraft tritt, dauert es rund eine Woche.

In den Bundesländern wäre es dann Anfang März für Lehrer und Erzieher möglich, sich in den Impfzentren impfen zu lassen. Bundesfamilienministerin Franziska Giffey sprach sich im gemeinsamen Morgenmagazin von ARD und ZDF für mobile Impfteams aus, die an die Schulen und Kitas kommen könnten. Gesundheitsminister Jens Spahn stellte aber im Bericht aus Berlin auch klar, dass zuvor die Risikogruppen wie über 80-Jährige oder chronisch Kranke durchgeimpft sein müssten.

Baden-Württemberg wartet nicht länger

Lehrerverbände kritisieren die zeitliche Verzögerung. Sie hätten es begrüßt, wenn zuerst geimpft und danach die Schulen geöffnet werden würden. In Baden-Württemberg, wo in drei Wochen gewählt wird, will man denn auch keine Zeit verlieren. Sozialminister Manfred Lucha (Grüne) kündigte dort für sein Land an, dass ab diesem Montag Erzieherinnen und Erzieher, Lehrer und Lehrerinnen sowie Ärzte und Ärztinnen "und alle aus dem medizinischen Bereich" geimpft werden sollten. Vornehmlich mit dem Wirkstoff von AstraZeneca. Schleswig-Holstein kündigte dies ebenfalls für die kommenden Wochen an. Die Ständige Impfkommission empfiehlt die bevorzugte Impfung für Schul- und Kitapersonal übrigens nicht ausdrücklich, sondern bleibt bei der ursprünglichen Reihenfolge.

Und was ist mit Schnelltests?

Eine weitere Möglichkeit, den Schul- und Kitabetrieb sicherer zu machen, sind regelmäßige Schnelltests. In Potsdam etwa läuft seit einigen Wochen ein entsprechendes Projekt in Kitas, auch einige Bundesländer bieten bereits Schnelltests an Schulen an. Andere Länder sind da aber längst weiter als Deutschland. Schnelltests bieten nicht die gleiche Sicherheit wie PCR-Tests, sind aber nach Ansicht von Experten ein wichtiger Baustein raus aus dem Lockdown. Lange Zeit hakte es jedoch daran, dass es für eine flächendeckende Versorgung nicht genug zugelassene Tests gab - das ändert sich nun.

Spahn kündigte an, dass ab 1. März alle Bürger kostenlos von geschultem Personal auf das Coronavirus getestet werden können. Das soll in Testzentren, Praxen oder Apotheken möglich sein. Details zur Umsetzung sind aber bisher nicht bekannt. Eine entsprechende Anpassung der Corona-Testverordnung muss noch beschlossen werden. Noch weiter dürfte der Weg sein, bis Selbsttests flächendeckend verfügbar sind.

Die Bundesschülerkonferenz ist da sehr klar: Wichtig seien jetzt Investitionen in eine funktionierende Teststruktur. "Wir brauchen an den Schulen tägliche zertifizierte Selbsttests und Schnelltests für alle, die ein Schulgebäude betreten", sagte deren Generalsekretär Dario Schramm den Funke-Zeitungen.

Und auch hier wie bei den Impfungen gilt: Warum dauert das so lange?

Wie geht es jetzt weiter?

Beobachten, abwarten - und hoffen: Das dürfte die Devise bis zur nächsten Bund-Länder-Schalte am 3. März sein. Die Länderchefs und Kanzlerin Angela Merkel hatten bei ihrer letzten Beratung am 10. Februar vereinbart, dass bis dahin eine Strategie für weitere Lockerungen erarbeitet werden soll. Stichwort: Stufenplan. Ob es dazu kommt, hängt entscheidend von der Entwicklung des Infektionsgeschehens ab. Corona-Ausbrüche wie zuletzt in Flensburg zeigen, wie unvorhersehbar und rasend schnell, sich die Situation regional ändern kann.

Die Politik befindet sich einmal mehr im Dilemma: Einerseits ist da der Ruf nach Lockerungen und einem schrittweisen Ende des Lockdowns, andererseits stiegen zuletzt die Infektionszahlen wieder an. Und die Impfungen gehen weiter nur schleppend voran. Anders als etwa in Israel, wo es jetzt Lockerungen gibt, aber nur für nachweislich Geimpfte.

Kanzlerin Merkel plädierte für Lockerungen in mehreren Etappen. Sie nannte demnach erstens den Bereich der persönlichen Kontakte, zweitens den Bereich von Schulen und Berufsschulen sowie drittens den Bereich von Sport, Restaurants und Kultur.

Berlins Bürgermeister Michael Müller kündigte für die neue Woche einen Vorschlag für weitere Lockerungen an: Wenn Bundesländer "stabil über mehrere Wochen" unter den Inzidenzen 35 oder 50 blieben, "können weitere Schritte in der Kultur und der Gastronomie folgen".

Davon sind viele Regionen in Deutschland aber derzeit weit entfernt. Entsprechend wird zunehmend am Kriterium Inzidenzwert gerüttelt. Eine Debatte, die bis zum 3. März weiter an Fahrt aufnehmen dürfte.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 22. Februar 2021 um 12:00 Uhr.

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