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Netzwerk "Dritte Generation Ost" "Wir sehen Ostdeutschland als Gesellschaftslabor"

Stand: 04.09.2019 04:35 Uhr

1984 in der DDR geboren, lebte Jeanette Gusko ihre Kindheit in zwei Systemen. Sie musste lernen, mit Wandel umzugehen und sagt, wo es hakt im Osten und was sie dagegen unternimmt.

tagesschau24: Frau Gusko, was macht für Sie diese "Dritte Generation Ost" oder anders gesagt die Generation der Wendekinder aus?

Jeannette Gusko: Die "Dritte Generation Ost" sind die Kinder, die zwischen 1975 und 1985 in der einstigen DDR geboren wurden. Sie eint eine Kindheit in zwei Systemen. Und genau diese Transformationserfahrung, also diesen Umgang mit Wandel, haben unsere Altersgenossen in Westdeutschland so nicht erfahren.  

tagesschau24: Abgesehen von dieser Transformationserfahrung: Gibt es an ihnen überhaupt noch irgendwas spezifisch Ostdeutsches?

Gusko: Wir haben unsere Elterngeneration erlebt, die in den 1990er-Jahren sehr verunsichert war - die damit umgehen musste, dass kulturell, sozial und wirtschaftlich sehr viel Veränderung da war. Und immer, wenn wir uns austauschen, sehen wir eben auch biografische Linien, die uns einen. Relevant ist für heute, dass wir Ostdeutschland wirklich als Gesellschaftslabor sehen für eine gesamtdeutsche Zukunft, weil hier in Ostdeutschland sehr viel ausgehandelt wird, was auch für Gesamtdeutschland künftig relevant wird - ob das Fragen der Zukunft, der Mobilität, des Klimawandels sind oder auch der demografische Wandel.

Zur Person

Jeanette Cusco wurde 1984 in Ost-Berlin geboren. Sie arbeitet als Managerin in einem Crowdfunding-Unternehmen und ist Sprecherin des Netzwerks "Dritte Generation Ostdeutschland".

tagesschau24: Nutzt denn diese Generation im Gesellschaftslabor das Potenzial besser als die Vorgängergeneration?

Gusko: Ich denke schon, und gerade 30 Jahre nach der friedlichen Revolution haben wir es auch nötig. Wir brauchen kontinuierlich mehr Repräsentation. Und das stimmt: Kompetenz können wir dann immer auch nur wirklich sehen, wenn sie umgesetzt wird. Die Wendekinder machen schon ganz viel mit tollen Initiativen vor Ort - eben in diesem Gesellschaftslabor, wo sie oft aus einem Mangel auch Fülle herausholen. Wenn es nicht klappt, wenn das Problem nach 30 Jahren weiter besteht, dann müssen wir auch über eine Ost-Quote auf Zeit nachdenken.

tagesschau24:  Es gilt ja auch immer noch als etwas Besonderes, wenn es Ostdeutsche in Führungspositionen schaffen.

Gusko: Ja, das stimmt. Wir hören häufig von Frau Merkel oder von Herrn Gauck. Aber Führung wirkt dadurch, dass Menschen, die in Führungspositionen gestalten können, auch andere nachziehen. Das heißt, es geht nicht um die einzelne Personen, von denen wir dann sagen können: Schau mal, eine oder einer hat es geschafft. Sondern es geht wirklich darum, flächendeckend in der Spitze mitgestalten zu können - und zwar nicht ausschließlich im ostdeutschen Raum, sondern wirklich auch für Gesamtdeutschland. Es ist zum Beispiel so, dass von 100 neuen Abteilungsleitern in allen Bundesministerien nur vier ostdeutsch sind. Es gibt 2019 keinen einzigen ostdeutschen Universitätsrektor mehr. Und wenn wir eben überlegen, wie wir sozialen Frieden, Vertrauen in getroffene politische, wirtschaftliche oder soziale Entscheidungen herstellen wollen, dann ist es auch ganz wichtig, das zusammen zu denken.

tagesschau24:  Auch in Ihrem Netzwerk wird zum Teil beklagt, dass es seit einigen Jahren wieder Rückschritte gibt in der Darstellung der Ostdeutschen. Wenn das so ist: Woran liegt das?

Gusko: Wir reden weiterhin häufig von den Ostdeutschen als Gruppenzugehörigkeit. Da würden wir nicht darauf kommen, wenn wir von Hessen, Saarländern oder Menschen aus Schleswig-Holstein sprechen. Es sind auch immer noch viele Stereotype, die weiter wirken, und am Beispiel der Uni-Rektoren haben wir jetzt eben Rückschritte gesehen. Umso wichtiger ist es zu überlegen, wie wir die Menschen - zum Beispiel die 80 Prozent, die bei den letzten Landtagswahlen demokratisch gewählt haben - noch stärker sichtbar machen können. Mit ihren Geschichten, die Mut machen und die dann auch andere motivieren - vor allem in den jüngeren und nachfolgenden Generationen.

Jeannette Gusko, Mitglied des Netzwerks 3te Generation Ostdeutschland, über die Trandformationserfahrung der "Wendekinder"
tagesschau24 15:00 Uhr, 03.09.2019

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tagesschau24: Wir haben gerade über die Transformationserfahrung gesprochen, aus der Kompetenz und Potenzial entstehen. Aber es sind ja auch Probleme daraus entstanden. Können Sie vor diesem Hintergrund verstehen, dass sich auch junge Ostdeutsche als abgehängt oder Bürger zweiter Klasse betrachten?

Jeannette Gusko: Die Transformation wirkt nach. Ja, es sind 30 Jahre, aber wir haben eben auch bei den Wahlergebnissen gesehen, dass Fragmentierung und Polarisierung bei den jungen Leuten direkt durchschlagen. Warum ist das so? Weil sie in ihrem Umfeld, bei ihren Eltern auch weiterhin Ungerechtigkeit sehen. Ob das wirtschaftlicher Natur ist wie Lohnungleichheit, da ist das Gefälle zwischen Ost und West größer als beispielsweise zwischen den Geschlechtern. Oder ob sie sich darüber Gedanken machen, ob sie eine erfolgreiche Erwerbsbiografie wirklich an dem Ort schaffen, an dem sie geboren sind, der ihre Heimat ist und wo sie sich wohlfühlen, wo sie selbst gestalten möchten. Einige sagen, dass da noch viel zu tun ist.

Das Gespräch führte Gerrit Derkowski.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 03. September 2019 um 15:30 Uhr.

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