Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (vorne, r) wird vom italienischen Präsidenten Sergio Mattarella (l) am Königlichen Palast vor dem Mailänder Dom mit militärischen Ehren begrüßt. | Bildquelle: dpa

Steinmeier-Besuch in Italien Harmonie auf Bewährung

Stand: 17.09.2020 19:15 Uhr

Der Besuch von Bundespräsident Steinmeier in Italien kommt zu passender Zeit. Die Beziehung zwischen Deutschland und Italien ist gerade ungewöhnlich harmonisch. Das war in diesem Jahr nicht immer so.

Von Dietmar Telser, tagesschau.de

Die Anordnung aus dem deutschen Wirtschaftsministerium war nur von kurzer Dauer, doch in Italien traf sie eine Nation ins Herz. Ärztinnen und Ärzte kämpften in Norditaliens Kliniken um das Leben ihrer Corona-Patienten. Die Notaufnahmen voll, die Intensivbetten belegt. Es fehlte Anfang März an vielem, vor allem an Schutzkitteln und Masken. Aus Deutschland aber kam zunächst wenig, außer sorgenvolle Blicke, mahnende Worte - und ein Exportstopp für Masken und Schutzkittel.

Die Regelung wurde zwar gut zwei Wochen später wieder zurückgenommen. In Italien hatten sich da bereits die Bilder des Militärkonvois mit Särgen aus Bergamo ins kollektive Bewusstsein gebrannt. Und die ersten Fracht-Maschinen aus China mit medizinischem Gerät waren ausgeladen und verteilt. Weitere Hilfen aus Russland und Kuba sollten folgen.

Wenn in diesen Tagen Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in Italien Corona-Betroffene besucht, dann dürfte das nicht vergessen sein. "Das Gefühl, zu Beginn dieser Krise von Deutschland und Europa allein gelassen zu werden, hat sich tief eingeprägt", sagt Tobias Mörschel, Leiter des Büros der Friedrich-Ebert-Stiftung in Rom. "Deutschland hat es damals verpasst, ein starkes Zeichen der Solidarität zu setzen."

Milliarden aus dem Wiederaufbaufonds

Dabei nimmt die Beziehung zwischen Italien und Deutschland gerade eine Wende, die erstaunlich ist. Gut ein halbes Jahres nach Beginn der Corona-Krise sind die Deutschland-kritischen Töne leiser geworden. Das Parlament debattiert gerade darüber, wie das Geld aus dem Wiederaufbaufonds der EU eingesetzt werden soll. Mehr als 200 Milliarden Euro kann Italien ausgeben, fast die Hälfte davon werden als Zuschüsse ausgezahlt. Zudem bleibt Rom noch die Option, Kredite aus dem Rettungsfonds ESM abzurufen, was allerdings in der Koalition umstritten bleibt.

Der Geldsegen dürfte auch Grund für den neuen Schwung in den italienisch-deutschen Beziehungen sein. "Italien hat wahrgenommen, wie massiv sich Deutschland an der Seite Frankreichs für den Recovery-Fonds eingesetzt hat", sagt Mörschel. "Das ist nicht unbemerkt geblieben und hat zu einem Paradigmenwechsel geführt."

Dazu kommt: Auch Deutschland hat aus der Anfangszeit der Krise gelernt. Corona-Patienten aus Italien wurden bald in deutsche Krankenhäuser ausgeflogen und behandelt, Millionen Atemschutzmasken und Schutzanzüge geliefert - auch wenn die Bilder davon spät und in Italien nur wenig wahrgenommen worden. Das alles hat den antieuropäischen Ressentiments und damit auch der Kritik an Deutschland die Kraft genommen.

"Von Dysfunktionalität geprägt"

Das Verhältnis der beiden Ländern ist seit jeher hoch sensibel. Italien fühle sich als EU-Nettobeitragszahler und immerhin zweitgrößte Industrienation der EU oft nicht genügend ernst genommen, sagt Mörschel. "Die deutsche Perzeption Italiens ist stark einseitig von der Dysfunktionalität geprägt." Anders ausgedrückt: In Deutschland wird vor allem gesehen was in Italien nicht funktioniert. Und Italien reagiert darauf in der Regel verschnupft.

Dabei hat Italiens Regierung für viele Beobachter in der Corona-Krise durchaus erfolgreich gehandelt. "Die Maßnahmen, die Italien als erstes Land Europas durchgesetzt hat, wurden von den meisten Staaten kopiert", sagt Mörschel. Tatsächlich sind laut einer PEW-Umfrage selbst 74 Prozent der Italiener der Meinung, dass sie ihre Regierung gut durch das Land geführt hat. Für ein Land, das traditionell wenig Vertrauen in staatliche Institutionen und Politik hat, ein ungewöhnlich hoher Wert.

Gleichzeitig war die Disziplin der Bevölkerung, sich an die Einschränkungen zu halten, für viele erstaunlich groß. "Wir haben plötzlich bewiesen, dass wir diszipliniert sein können," schreibt der italienische Autor Beppe Severgnini in "Neoitaliani", einer Betrachtung über die Corona-Zeit. "Wir wollen es nur nicht zugeben, da es unseren Ruf ruinieren würde."

Verlässlicher Partner

Die Stärkung der Regierung Conte II hat Italien auch wieder zu einem verlässlicheren Partner in Europa gemacht. Tatsächlich gibt es nach vielen Jahren Aufholbedarf: "Wir haben unglaubliche kulturelle Verflechtungen zwischen Deutschland und Italien", sagt Mörschel, "politisch spiegelt sich die enge Verbindung aber bisher nicht wieder." Gerade vor dem Hintergrund des Ausscheidens Großbritanniens aus der EU sei dies aber wichtig. "Es gilt dieses Momentum zu nutzen."

Und trotzdem könnte die Beziehung schon bald wieder auf die Probe gestellt werden. Das Ausmaß der Wirtschaftskrise dürfte auch in Italien erst nach Auslaufen der Stützungsmaßnahmen wirklich klar werden. Die rechtsradikale Partei Fratelli d'Italia hat sich im Schatten der Lega bereits zu einer Alternative für Matteo-Salvini-Wähler entwickelt. In Umfragen liegt sie inzwischen bei fast 15 Prozent.

Ein Einbruch der regierenden Parteien bei den Regionalwahlen am Wochenende könnte plötzlich wieder eine rechte Allianz an der Regierung zur Option werden lassen. Das würde vermutlich die Beziehung zu Deutschland und der EU erneut auf die Probe stellen. Dann könnten die Bilder aus der Anfangszeit der Corona-Krise schnell wieder ins Gedächtnis gerufen werden.

Bundespräsident Steinmeier zu Besuch in Mailand
Verena Schälter, ARD Rom
17.09.2020 19:45 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 17. September 2020 um 20:00 Uhr.

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