Beschädigte Kinderpuppen  | Bildquelle: dpa

Sexueller Kindesmissbrauch Reden im geschützten Raum

Stand: 31.01.2017 17:10 Uhr

Kaum einer kennt sie, dabei gibt es die Unabhängige Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs seit einem Jahr. Sie will auf das Tabuthema "Kindesmissbrauch in den Familien" aufmerksam machen. Mehr als 700 Betroffene haben sich bislang gemeldet.

Von Tanja Oppelt, ARD-Hauptstadtstudio

Seit einem Jahr sammelt die Unabhängige Kommission die Geschichten von Betroffenen. Es geht darum, eine Ahnung davon zu bekommen, welche Dimension sexueller Missbrauch in unserer Gesellschaft hat. 700 Menschen haben sich in den vergangenen zwölf Monaten bei der Kommission gemeldet und erzählt, was sie erlebt haben. Der überwiegende Teil hat sexuellen Missbrauch in der eigenen Familie erfahren.

In fast allen Fällen liegt der Missbrauch lange zurück. Denn die Ängste seien bei allen gleich, sagt Kommissionsmitglied Barbara Kavemann von der Katholischen Hochschule für Sozialwesen in Berlin: "Es ist auch heute noch ungemein schwer für ein Kind, einen Familienangehörigen zu beschuldigen, das getan zu haben. Und die Konsequenzen sind oft ähnlich. Sie werden bezichtigt, die Familie zerstören zu wollen und viele verlieren ihre Familie auch."

Darüber reden hilft Betroffenen

Tamara Luding aus Hof ist neun Jahre lang von ihrem Stiefbruder sexuell missbraucht worden. Sie hat schon mit zwölf Jahren die Erfahrung gemacht, dass Reden hilft. "Zwei Freundinnen habe ich erzählt, was mir passiert und sie haben mir geglaubt", so Luding. "Sie haben mich nicht aus dem Freundeskreis ausgeschlossen, sie haben mich nicht bloßgestellt, nicht für verrückt erklärt und auch keine komischen Sprüche gemacht."

Kurz darauf weiht Tamara Luding eine weitere Freundin ein, die in der Nachbarschaft wohnt und eine wichtige Stütze wird. "Ab diesem Moment war klar, dass ich nicht mehr allein daheim sein muss. Immer wenn ich mit meinem Bruder allein war, hab ich sie angerufen und sie kam einfach rüber. Dadurch wurde viel Missbrauch verhindert", sagt sie. "Ich hab also innerhalb einer Woche gemerkt, das sprechen hilft. Man glaubt mir, es tut gut und im besten Fall bekomme ich auch noch Unterstützung, und der Missbrauch kann zumindest zeitweise verhindert werden."

Missbrauch anzusprechen fällt oft schwer

Innerhalb der Familie ist es aber oft schwer, Missbrauch anzusprechen und aufzuklären. Auch Ludings Stiefbruder wurde erst angezeigt und verurteilt, als sie erwachsen war.

Die Kommission will einen geschützten Raum für Gespräche schaffen. Luding berät inzwischen selbst Betroffene und appelliert an sie, sich zu öffnen. Nur so könnten Schulen, Jugendämter und Beratungsstellen bessere Hilfen anbieten: "Wir wissen nämlich, wie Missbrauch entsteht. Wir wissen, warum wir schweigen. Wir wissen, was uns dazu bringt zu sprechen und was wir dann brauchen. Dieses Wissen braucht die Kommission, damit sie es in Politik und Gesellschaft tragen kann."

Die Kommission fordert unter anderem, dass das Opferentschädigungsgesetz so geändert wird, dass auch Opfer sexuellen Missbrauchs davon profitieren können. Der unabhängige Beauftragte für Fragen sexuellen Kindesmissbrauchs Johannes-Wilhelm Rörig nennt es "ein Trauerspiel", dass das Thema auch in dieser Legislaturperiode nicht auf der Agenda gestanden hätte.

Die Arbeit der Kommission ist zunächst für zwei weitere Jahre gesichert. Das werde aber nicht reichen, um das Thema "sexueller Missbrauch in Deutschland" aufzuarbeiten. Darin sind sich die Kommissionsmitglieder jetzt schon einig.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 31. Januar 2017 u.a. um 16:00 und 17:00 Uhr.

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