Beihilfe zum Mord Anklage gegen Ex-KZ-Sekretärin

Stand: 05.02.2021 15:19 Uhr

Gegen eine 95-jährige ehemalige KZ-Sekretärin ist Anklage wegen Beihilfe zum Mord in mehr als 10.000 Fällen erhoben worden. Die Staatsanwaltschaft wirft der Frau vor, mit ihrer Tätigkeit die Tötungsmaschinerie unterstützt zu haben.

Von Julian Feldmann, NDR

Die Staatsanwaltschaft Itzehoe hat Anklage gegen die 95-jährige Irmgard F. wegen Beihilfe zum Mord in mehr als 10.000 Fällen im Konzentrationslager Stutthof in der Nähe von Danzig zwischen 1943 und 1945 erhoben. Nach Ansicht der Strafverfolger hat die Frau durch ihre Tätigkeit als Sekretärin und Stenotypistin des Lagerkommandanten das Morden im KZ unterstützt. In weiteren Fällen, in denen KZ-Häftlinge das Lager überlebten, wirft die Staatsanwaltschaft der Rentnerin Beihilfe zum versuchten Mord vor.

Die Beschuldigte Irmgard F. lebt nach NDR-Informationen seit einigen Jahren in einem Pflegeheim im Kreis Pinneberg. Das Ermittlungsverfahren gegen sie läuft bereits seit 2016. Zuletzt hatte die Staatsanwaltschaft einen Gutachter damit beauftragt, die Rolle von Sekretärinnen im KZ Stutthof zu untersuchen.

Staatsanwältin sieht strafbare Handlungen

Nun kam die zuständige Staatsanwältin zu dem Schluss, dass sich F. mit ihrer Tätigkeit dort strafbar gemacht habe. Die damalige Sekretärin hätte den "Verantwortlichen des Lagers bei der systematischen Tötung von jüdischen Gefangenen, polnischen Partisanen und sowjetrussischen Kriegsgefangenen Hilfe geleistet", heißt es in einer Pressemitteilung zur Anklageerhebung.

Irmgard F., circa 1944 | Bildquelle: privat
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Als junge Frau arbeitete Irmgard F. im KZ Stutthof als Sekretärin.

Weil F. während des Tatzeitraums erst 18 bis 20 Jahre alt war, gilt sie in dem Verfahren als Heranwachsende. Deshalb hat die Staatsanwaltschaft Anklage vor der Jugendkammer des Landgerichts Itzehoe erhoben. Gegenüber einem NDR-Reporter hatte F. Ende 2019 bestätigt, für den KZ-Kommandanten Paul Werner Hoppe tätig gewesen zu sein. Von Morden im KZ hätte sie erst nach Kriegsende erfahren.

Das Landgericht Itzehoe muss nun prüfen, ob es die Anklage gegen F. zulässt. Für eine Stellungnahme war F. bisher nicht zu erreichen.

Mehrere späte Verurteilungen

In den vergangenen Jahren hatten Ermittler bundesweit mehrere ehemalige Wachmänner von Konzentrationslagern wegen Beihilfe zum Mord angeklagt. 2020 war der ehemalige KZ-Wachmann Bruno D. vom Landgericht Hamburg zu einer zweijährigen Bewährungsstrafe verurteilt worden. Er war nachweislich im KZ Stutthof als SS-Aufseher tätig und leistete dort nach Ansicht des Gerichts Beihilfe zum Mord an 5232 Menschen. Mit F. könnte sich nun erstmals in der jüngeren Geschichte eine Sekretärin wegen Beihilfe zum Mord in einem Konzentrationslager verantworten müssen.

Über dieses Thema berichtete NDR 1 am 05. Februar 2021 um 14:00 Uhr.

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