Grundschule | Bildquelle: dpa

Kritik des Lehrerverbandes Mehr Quereinsteiger, Nachteile für Schüler?

Stand: 30.12.2019 18:32 Uhr

Nach zweiwöchigem Crashkurs Schüler unterrichten? Der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes sieht darin kein Allheilmittel gegen Lehrermangel. Er fordert mehr Qualifizierung und langfristige Stellenplanungen.

Von Katharina Freundorfer, tagesschau.de

"Ein Verbrechen an den Kindern" - die Aussage des Präsidenten des Deutschen Lehrerverbandes, Heinz-Peter Meidinger, zu Quereinsteigern in den Lehrerberuf an Grundschulen hat bei ihm für ein volles E-Mail-Postfach und viele telefonische Rückmeldungen geführt. Dabei schätze er, der selbst Schulleiter ist, diese Kollegen sehr, betonte Meidinger im Interview mit tagesschau.de. Wenn diese Erfahrungen aus bisherigen Berufen einbringen, sei dies für die Schüler eine Bereicherung.

Vielmehr will er einen Appell in Richtung der Bundesländer loswerden, die Schülern durch zu wenig qualifizierte Lehrkräfte Chancen nähmen. Wenn so viele Quereinsteiger eingestellt würden, "dann ist das kein Randproblem mehr. Dann betrifft es das Herz der Bildung", so Meidinger. Und weiter: Sollten diese Lehrer dauerhaft nicht weiter nachqualifiziert werden, sei dies eigentlich das Verbrechen an den Schülern, präzisiert er seine Aussage.

Durch die Kultusministerkonferenz wurden Standards festgelegt, die die Ausbildung von Lehrern festschreibt: Lehramtsstudium, 18- bis 24-monatiges Referendariat, berufsbegleitende Fortbildungen. Aber: "Je größer der Lehrermangel, desto größer die Absenkung der Standards", beklagt Meidinger. Einige Bundesländer seien nicht gut auf den Lehrermangel vorbereitet. Deshalb stellte der Lehrerverband in Grundschulen jüngst einen sehr großzügigen Umgang mit den Regularien fest.

Vorstellungsgespräch, Crashkurs, Unterricht

Gerade in den Bundesländern, in denen ohnehin großer Lehrermangel herrsche - wie in Berlin oder Sachsen - werden verstärkt jene Quereinsteiger mithilfe von ein- bis zweiwöchigen Crashkursen eingesetzt. "In Berlin sind zwei Drittel der neuen Lehrkräfte Quereinsteiger", so der Präsident des Lehrerverbands. In Sachsen werden Meidinger zufolge mehr als die Hälfte der Grundschullehrer über diese Art der Ausbildung qualifiziert.

Das führe dazu, dass in Berlin Absolventen mit einem Abschluss in Ägyptologie oder Medienkommunikation auch als Grundschullehrer infrage kommen. "Wer sich nach einem Vorstellungsgespräch als geeigneter Kandidat herausstellt, darf den Crashkurs absolvieren und danach direkt an der Schule unterrichten."

Heinz-Peter Meidinger, Präsident des Deutschen Lehrerverbandes
galerie

Heinz-Peter Meidinger, Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, fordert mehr Qualifizierung und langfristige Stellenplanungen.

Grundlagen der Schule kennenlernen

Pädagogische und didaktische Inhalte kämen in den Kursen jedoch zu kurz. Den angehenden Lehrern werden laut Meidinger in den Schulungen eher Grundlagen der Schule vergegenwärtigt: Dazu zählen ein "Fettnäpfchen-Radar" - also wie Anfängerfehler vermieden werden - Schulrechtliches wie die Aufsichtspflicht, technische Einführungen in die Geräte einer Schule bis hin zu Tests und deren Benotung. "Wie guter Unterricht auszusehen hat, wie Lernschwierigkeiten bei Schülern behoben werden, fehlt anfangs", schildert Meidinger im tagesschau.de-Interview.

Ihn störe, dass durch die Crashkurse der Eindruck erweckt werde, "dass Lehramt etwas sei, das jeder machen kann." Doch gute Lernerfolge der Schüler basieren auf einer guten Ausbildung der Lehrer, wie unter anderem eine Unterrichtsstudie von dem neuseeländischen Pädagogen John Hattie aus dem Jahr 2013 belegt.

Eine vorbereitende Praxisphase wie in einem Referendariat fehle häufig, so Meidinger. Die Folge: Die Abbrecherquote bei Quereinsteigern sei sehr hoch, wie er als Rückmeldung von Schulen bundesweit erhalte. Verlässliche Zahlen hierzu fehlen jedoch.

Anteil der Quereinsteiger

Bundesweit gibt es keine einheitliche Definition für den Quereinstieg oder Seiteneinstieg in den Lehrerberuf. Auch sonst ist der Umgang in den 16 Ländern damit sehr unterschiedlich: In Sachsen lag 2018 der Anteil der Quereinsteiger bei 50,6 Prozent, höher als in allen anderen Ländern - gefolgt von Berlin mit 40,1 Prozent. In Thüringen, Hamburg, Schleswig-Holstein, Baden-Württemberg, Hessen und Rheinland-Pfalz war der Anteil dagegen im einstelligen Bereich, in Bayern und im Saarland bei null. Thüringens Bildungsminister zum Beispiel geht aber davon aus, dass der Freistaat mehr Seiteneinsteiger brauchen wird.

Berlin wehrt sich gegen Kritik

Die Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie in Berlin wehrt sich gegen die Kritik des Lehrerverbands: Die Abbrecherquote der Quereinsteiger im 18-monatigen Referendariat liege im Schnitt bei vier bis fünf Prozent. Dies sei ähnlich wie bei Referendaren mit einem herkömmlichen Ausbildungsweg, so Pressesprecher Martin Klesmann.

Es gebe auch sehr wohl ein Referendariat, das nach dem Crashkurs absolviert werde. Zudem erhalte jeder Quereinsteiger im ersten Berufsjahr einen Mentor an seine Seite. "Quereinsteiger unterrichten auch maximal 17 Stunden", so Klesmann. Die Unterrichtsstunden seien für die Lehrkräfte als Reaktion auf Praxiserfahrungen reduziert worden. Auch lag die Quote der Quereinsteiger an Grundschulen in Berlin, die das zweite Staatsexamen im Jahr 2018 erfolgreich absolviert haben, bei 99 Prozent. Bei den regulären Referendaren schafften es 100 Prozent.

Berlin habe zudem die Zahl der Studienplätze im Lehramt verdoppelt. Die stark ansteigende Bevölkerungsentwicklung in der Bundeshauptstadt, mit der auch Statistiker nicht gerechnet hätten, solle so dem Lehrermangel künftig entgegenwirken, so die Senatsverwaltung.

Was schlägt der Lehrerverband vor?

Um Lehrermangel langfristig vorzubeugen, solle der ständige Wechsel aus Überfluss und Mangel durchbrochen werden, fordert Meidinger. "Es müsste ein Überbedarf an Lehrern eingestellt werden." So wären in Notzeiten Fachkräfte ohne Qualitätsverlust verfügbar.

Eine weitere Forderung des Lehrerverbands: Die Crashkurse sollen bundesweit zu berufsbegleitenden, trainingsbasierten Referendariatsphasen ausgebaut werden. "Dafür muss Geld in die Hand genommen werden", sagt Meidinger.

Debatte um Lehrer-Quereinsteiger
Kilian Pfeffer, ARD Berlin
31.12.2019 06:38 Uhr

Download der Audiodatei

Wir bieten dieses Audio in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Audiodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 30. Dezember 2019 um 18:00 Uhr.

Darstellung: