Die Theologin Margot Käßmann spricht beim 10. Bundeskongress Nationale Stadtentwicklungspolitik im Convention Center.  | Bildquelle: dpa

Margot Käßmann Mit 60 ist Schluss - aber nur auf der Kanzel

Stand: 03.06.2018 12:22 Uhr

Margot Käßmann feiert ihren 60. Geburtstag - und geht als Pfarrerin in den Ruhestand. Die evangelische Theologin ist bekannt und beliebt, dabei verlief ihr Weg nicht ohne Widerstände.

Von Jan Ehlert, NDR

Margot Käßmann wirkt entspannt und mit sich selbst im Reinen. 60 Jahre alt zu werden, davor habe sie zwar Respekt, sagt sie, aber sie freue sich riesig: "Wir werden ein großes Familienfest haben im Garten auf Usedom. Ich hab meinen 50. nicht richtig feiern können, meinen 40. nicht, weil ich immer nicht die Zeit dazu hatte, und jetzt hab ich gesagt, den 60., da feiern wir ein richtig schönes Gartenfest."

Endlich mehr Zeit zu haben, das ist es, worauf sich Margot Käßmann am meisten freut. Denn dass ihre vielen Ämter auch viele Verpflichtungen mit sich bringen würden, davor hatte ihr Vorgänger im Amt, der Landesbischof der Hannoverschen Landeskirche, Horst Hirschler, sie gewarnt - bei ihrem Einsegnungsgottesdienst am 4. September 1999.

Doch sich von anderen einschränken lassen, das kam für Käßmann nicht infrage. Zur Musik von Felix Mendelssohn-Bartholdys Doppelquartett "Denn er hat seinen Engeln befohlen" ging sie nach vorn, um in der Martkirche in Hannover ihre erste Predigt als Landesbischöfin zu halten.

"Da hat mich das als Musik auch getragen, weil ich gedacht hab, ja, wenn Gott seinen Engeln befiehlt, dass sie dich behüten, was soll dir schon passieren", erinnert sie sich. "Und ich muss sagen, das war für mich selber natürlich auch sehr, sehr bewegend."

Käßmann war oft die erste

Die junge Pastorin aus Kurhessen-Waldeck war die erste Frau, die in Hannover in dieses Amt gewählt wurde. So wie Käßmann oft in ihrem Leben die erste war: 1983 wurde sie das bis dahin jüngste Mitglied im Zentralausschuss des Ökumenischen Rates der Kirchen, 1994 erste Generalsekretärin des Evangelischen Kirchentages.

Ihre Wahl zur Landesbischöfin war dennoch für viele innerhalb der hannoverschen Landeskirche eine Überraschung, die auch Kritik mit sich brachte. Eine 41-jährige vierfache Mutter als Landesbischöfin - das schien damals nicht für jeden in das Bild der Kirchenhierarchie zu passen.

"Es wurde früher immer gesagt, man muss über 50 sein, um Bischof zu werden, weil man ja hinterher nichts anderes mehr machen kann. Ich hab noch viele andere Sachen gemacht, nachdem ich Bischöfin war", sagt Käßmann dazu. "Insofern ist es gut, dass es nicht nur das Bild des seriösen gesetzten älteren Herrn im Kopf ist, wie ein Bischof aussehen könnte. Und das hat lange gedauert, bis sich das geändert hat."

An dieser Veränderung hat Margot Käßmann einen großen Anteil. Zugewandt, freundlich und mit klar verständlichen Bildern predigte sie die Botschaft der Evangelischen Kirche. Aber sie konnte auch deutlich werden: Wenige Wochen, nachdem sie in Ulm zur Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland gewählt worden war, löste sie mit ihrem Satz "Nichts ist gut in Afghanistan" in ihrer Neujahrspredigt einen Sturm der Entrüstung aus.

Dabei habe sie gar nicht die Bundeswehr kritisiert, sondern die Politik, sagt Käßmann dazu: "Ich hatte den Eindruck, das wird gar nicht genug infrage gestellt, was wir da tun mit unseren Auslandseinsätzen und dass das Krieg ist. Und dass ich damit so einen Nerv treffe, das hatte ich allerdings auch nicht erwartet, das muss ich sagen."

Aber auch aus ihren eigenen leidvollen Erfahrungen machte Käßmann kein Geheimnis. Die Scheidung von ihrem Mann, ihre Krebserkrankung - Käßmann sprach und schrieb darüber. Ihr Buch "In der Mitte des Lebens" wurde ein Bestseller.

Ihr Terminkalender ist voll geblieben

Im Februar 2010 folgte ein weiterer schwerer Moment für Käßmann: Nach einer Autofahrt unter Alkoholeinfluss trat sie von allen kirchlichen Leitungsämtern zurück. Sie habe "einen schweren Fehler gemacht", den sie zutiefst bereue, sagte sie in ihrer Rücktrittserklärung. "Auch wenn ich ihn bereue, kann und will ich nicht darüber hinwegsehen, dass das Amt und meine Autorität als Landesbischöfin sowie als Ratsvorsitzende beschädigt sind."

Ihrer Beliebtheit hat dieser Schritt nicht geschadet. Veranstaltungen mit Margot Käßmann bei Kirchentagen waren immer bis auf den letzten Platz gefüllt. Und durch ihren Einsatz als Botschafterin des Reformationsjubiläums 2017 blieb sie auch öffentlich präsent - und ihr Terminkalender voll.

Nun steht dort vorerst nur noch ein offizieller Termin: Am 30. Juni wird Margot Käßmann mit einem Festgottesdienst in Hannover in den Ruhestand verabschiedet - in der Marktkirche in Hannover. Dort, wo 1999 so vieles in ihrem Leben begonnen hatte.

Margot Käßmann wird 60
Jan Ehlert, NDR
03.06.2018 11:34 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Inforadio am 03. Juni 2018 um 12:09 Uhr.

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