Atemschutzmaske FFP2  | Bildquelle: dpa

Mangel an Schutzkleidung Masken made in Germany?

Stand: 09.04.2020 01:44 Uhr

Hochwertige Atemmasken sind in der Corona-Krise knapp. Die Bundesregierung kauft im Ausland ein - und will zugleich die Produktion im Land fördern. Dabei gibt es längst heimische Hersteller.

Von Eva Steinlein, tagesschau.de

Masken können ein wichtiges Instrument zur Eindämmung der Corona-Pandemie sein, da sind Experten inzwischen weitgehend einig - doch sie sind knapp. Dabei mangelt es nicht an Ideen, um die Krise kurzfristig zu überbrücken: Etwa hat die TU Dresden einen Textilmasken-Prototyp mit dem 3D-Drucker gestrickt. Der zertifizierte Textilpfleger Danny Hofmann wäscht in seinem Betrieb im Kreis Kleve kostenfrei Einmal-Schutzmasken, die das Robert-Koch-Institut (RKI) angesichts ihrer Knappheit zur Mehrfachverwendung empfohlen hat. Zudem wurden Zertifizierungsstandards für Masken zeitweise gelockert, damit Kliniken und Forschungseinrichtungen ihre Altbestände benutzen dürfen.

Auch immer mehr Textilunternehmen produzieren jetzt Gesichtsmasken aus Stoff - von Münchner Trachten-Ausstattern bis zum Zulieferer von Autositz-Bezügen. Immerhin haben sie angesichts unterbrochener Lieferketten und bundesweit geschlossener Modehäusern wenig Alternativen: Zwei Drittel aller Firmen, die der Textil-Fachverband IVGT vertritt, berichten von merklichen Umsatzeinbrüchen seit Jahresanfang.

Was bei ihnen nun anstatt der Sommerkollektion genäht wird, entspricht aber lediglich einem einfachen Mund-Nasen-Schutz. Auch wenn der Gesamtverband der deutschen Textil- und Modeindustrie einen eigenen Leitfaden mit Qualitätsstandards für die Fertigung von Stoffmasken herausgegeben hat, ist ihr medizinischer Nutzen gering: Sie schützen nicht vor einer Coronavirus-Ansteckung.

Experten der Bundesärztekammer und des RKI empfehlen solche "Textilbarrieren" nur mit Blick auf eine verlangsamte Ausbreitung des Virus, da Träger ihre möglicherweise infektiösen Tröpfchen beim Husten, Niesen und Sprechen nicht so weit in ihrer Umgebung verbreiten und dem Medizinsektor nicht die dringend benötigten hochwertigen "Filtering Face Pieces" (FFP) wegkaufen. Solche Masken der Schutzstufe 2 sind auch für Menschen mit engem Kontakt zu Covid-19-Verdachtsfällen geeignet, FFP3-Masken sollen auch krebserregende und radioaktive Partikeln filtern - das Atmen fällt darin so schwer, dass sie nur für kurze Zeit getragen werden können.

Produzenten von FFP-Masken “ausgelastet”

Die Frage, wie groß die Herstellungskapazitäten für solche hochwertigen Masken in Deutschland sind, ist deutlich schwieriger zu beantworten. "Die etablierten Hersteller haben die Produktion so weit wie möglich hochgefahren", meint Manfred Beeres vom Bundesverband Medizintechnologie (BVMed) und verweist auf die US-Firma 3M, die irische Firma Medtronic und den Lübecker Produzenten Dräger, die allesamt in Deutschland Standorte haben. Dräger produziert nach eigener Angabe seine Masken in Schweden und Südafrika und ist derzeit "voll ausgelastet".

"Selbst wenn wir deutsche Hersteller haben, findet die Produktion selbst meist in Asien statt", sagt Marcus Kuhlmann, der Sprecher des Medizintechnik-Branchenverbands Spectaris, und nennt als weiteres Beispiel die Firma B. Braun Melsungen, zu deren Sortiment Vlies-Mundschutze gehören. Als sich das Coronavirus in China besonders stark ausbreitete, verhängte die Regierung der Volksrepublik einen Ausfuhr-Stopp für Schutzkleidung - für chinesische wie ausländische Firmen gleichermaßen.

Pharma-Großhändler in Deutschland meldeten schon im Februar massive Lieferengpässe bei allen Arten von Atemschutzmasken, medizintechnische Unternehmen klagten Mitte März laut BVMed über Probleme mit ihren Zuliefererbetrieben - Wochen vor dem akuten Ausbruch der Corona-Krise in Deutschland. Zum 4. März hat zwar auch Deutschland ein Exportverbot für Schutzkleidung verhängt, aber vereinzelt medienwirksam Bestände gespendet. "In den ersten Monaten ist viel Schutzausrüstung nach China gegangen. Da hätte man vielleicht weitsichtiger sein müssen", meint Kuhlmann angesichts der jetzigen Knappheit.

Branche fordert Abnahmegarantien

"Weiterhin lieferfähig" im Umfang von mehreren zehntausend FFP-Masken pro Woche ist hingegen die Firma Moldex aus Baden-Württemberg. Sie produziert am Standort Walddorfhäslach alle Bestandteile "vom Strickband bis zum Filter" - und ist daher nach eigenen Angaben unabhängig von Lieferketten-Rohmaterial aus Asien. Derzeit sind Sonderschichten und Überstunden der mehr als 160 Mitarbeiter an der Tagesordnung.

Nachhaltig ist so ein Betrieb auf ständigen Hochtouren allerdings nicht, das ist auch der Bundesregierung bewusst. Laut Bundeswirtschaftsministerium ist das Ziel, "neben der kurzfristigen Versorgung mit Schutzausrüstung auch mittel- und langfristig eine Säule der Eigenfertigung in Deutschland und Europa aufzubauen, um Abhängigkeiten in diesem sensiblen Bereich zu verringern."

Ein neuer Industriezweig "Schutzkleidung und FFP-Masken - made in Germany"? Beers vom BVMed sieht das durchaus als realistisch an: "Wenn der Aufbau politisch gewollt wird und es garantierte Abnahmemengen zu fairen Preisen von der öffentlichen Hand gibt, ist der Aufbau von Produktionskapazitäten ab Herbst 2020 möglich", meint er, schränkt allerdings ein: Ohne eine staatliche Abnahmegarantie "zu fairen Preisen" könnten sich die Produzenten nicht dauerhaft halten, "da die niedrigen Arbeitskosten der asiatischen Märkte in Europa nicht erreicht werden können."

Das Bundeswirtschaftsministerium signalisiert in diesem Punkt Entgegenkommen: "Wichtig ist, dass Unternehmen bei Produktionsumstellungen finanziell ausreichende Planungssicherheit haben. Hierzu wird an Lösungen gearbeitet, damit wir entsprechende Investitionen auch finanziell unterstützen können", heißt es auf Anfrage von tagesschau.de.

"Wir hoffen auf China"

Der Medizintechnik-Branchenverband BVMed hält das Vorgehen der Bundesregierung für sinnvoll, kurzfristig auf einen "Open-House-Vertrag" für die Belieferung zu setzen und längerfristig Rahmenverträge an Schutzkleidung-Produzenten in Deutschland zu vergeben. Er fordert indes, Lehren aus der Krise zu ziehen: Die Bundesregierung solle gemeinsam mit Firmen globale Lieferketten analysieren, Abhängigkeiten feststellen, Produkte definieren, die im Krisenfall ausreichend verfügbar sein müssen - und von diesen einen ausreichenden Vorrat anzulegen.

Auch Marcus Kuhlmann vom Branchenverband Spectaris begrüßt die Maßgabe, längerfristig einen eigene Produktion für Masken aufzubauen, selbst wenn dann die Preise steigen. Er ist sicher: "Wenn wir diese Krise überstanden haben, wird sich diesbezüglich einiges ändern."

Wie der akute Masken-Engpass allerdings flächendeckend beigelegt werden kann, da macht er sich keine Illusionen: "Wir hoffen auf China; dass Lieferketten nach Europa wieder aufgestockt werden und der Bedarf somit aus China gedeckt werden kann."

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk Kultur am 26. März 2020 um 06:10 Uhr in der Sendung "Studio 9" sowie am 09. April 2020 die tagesschau um 14:00 Uhr.

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