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Interview zu OECD-Studie Geld allein reicht nicht

Stand: 27.08.2007 08:26 Uhr

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Zu große Klassen, zu wenige Lehrer: Viele Schule fühlen sich von der Politik vernachlässigt

Einmal mehr hat die OECD dem deutschen Bildungssystem schlechte Noten ausgestellt. Deutschland, so die Studie, steckt zu wenig Geld in die Schulen. Die Schuldirektorin Doris Ahlgrim meint aber im Gespräch mit tagesschau.de: Die Debatte über das Schulsystem darf nicht auf Finanzfragen verengt werden.

tagesschau.de: Haben Sie den Eindruck, dass die finanzielle Ausstattung Ihrer Schule ausreicht?

Doris Ahlgrim: Wir kommen zurecht. Selbstverständlich hätten wir Wünsche, die noch befriedigt werden können. Ich meine aber, dass die Qualität von Schule nicht nur von der finanziellen Ausstattung abhängt. Es ist wichtiger zu untersuchen, wofür man Geld zur Verfügung stellt und ausgibt.

tagesschau.de: Die Schulen klagen seit langem über Lehrermangel, die Lehrer über Arbeitsüberlastung.

Ahlgrim: Der Erziehungsauftrag der Schule ist heute sehr weit gefasst. Wenn Kinder individuell gefördert werden sollen, ist diese Förderung abhängig von ihrer Lebenssituation. Die muss man kennen, um auf sie eingehen können. Das setzt voraus, dass man mit den Eltern redet und die Kinder gut kennen lernt. Dafür brauche ich Zeit, auch, um Förderstrategien zu entwickeln. Nach meiner Meinung ist aber die Unterrichtsbelastung von vollbeschäftigten Lehrern zu hoch, um diese Aufgabe ernsthaft zu erfüllen.

tagesschau.de: Wie hoch ist die Belastung?

Ahlgrim: Grundschullehrer müssen in Hessen - altersabhängig – 29 oder 30 Stunden Unterricht geben. Jede Stunde am Vormittag ist also mit Unterricht besetzt. Da bleibt wenig Zeit, auf Dinge einzugehen, die sich im Unterricht ereignen. Die Lehrer in der Sekundarstufe I müssen 27 oder 28 Stunden Unterricht geben. Hinzu kommen Vorbereitung, Nachbereitung, Korrekturen, Sprechstunden, Konferenzen und andere Beratungen im Kollegium.

tagesschau.de: Gespräche außerhalb des Unterrichts kommen da zu kurz?

Ahlgrim: Denken sie an die Probleme von pubertierenden Jugendlichen. Da will man auch Gesprächspartner sein, auf Entwicklungen Einfluss nehmen. Dazu brauche ich Zeit und Ruhe. Mit der hohen Belastung kann ich diesem hohen Anspruch nicht gerecht werden.

tagesschau.de: Die OECD hat festgestellt, dass Lehrer in Deutschland verhältnismäßig hoch bezahlt werden – rechtfertigt das nicht Mehrarbeit?

Ahlgrim: Diese Diskussion wird seit Jahrzehnten geführt. Natürlich verdienen Lehrer hierzulande vergleichsweise gut. Aber das tun Politiker und andere auch – wir haben nun einmal ein insgesamt hohes Lohnniveau. Im übrigen werden Lehrer ja unterschiedlich bezahlt. Grundschullehrer zum Beispiel verdienen schlechter als Lehrer der Sekundarstufe I und II. Dafür gibt es aber angesichts ihrer Aufgaben keinen Grund.

tagesschau.de: Wenn mehr Lehrer eingestellt würden, hätten alle mehr Zeit für die Betreuung von Schülern.

Ahlgrim: Man sollte in gut ausgebildetes Personal investieren – das zahlt sich im Umgang mit Schülern und Jugendlichen sicher aus. Wobei Schulen nicht nur mehr Lehrer brauchen. Wir brauchen Sozialpädagogen, die schulische Sozialarbeit leisten können. Wir brauchen Sonderpädagogen, die beraten und fördern. Eine Erziehungs- und Lernsituation, die auf den Einzelnen abhebt, braucht vielfältigen Sachverstand.

tagesschau.de: Genügt es, sich nur über Geld zu unterhalten, oder muss man nicht verstärkt über pädagogische Konzepte diskutierten?

Ahlgrim: Wenn man sich über ein umfassendes pädagogisches Konzept einig wäre, würde man die Schule bezahlen können, weil man sie bezahlen will. Die erste Frage muss doch sein: Was brauchen Kinder und Jugendliche in der Schule unter den gegenwärtigen gesellschaftlichen Bedingungen? Davon sollte dann die finanzielle Ausstattung abhängen. Aber mit einer solchen Herangehensweise tut man sich in Deutschland schwer. Wir haben hier einen anderen Blick auf die Jugendlichen als etwa in Skandinavien, wo man mehr den ganzen Menschen und die Entwicklung seiner Persönlichkeit im Blick hat. Mir scheint, dass man hier immer nur auf den Kopf eines Menschen sieht, und das ist zu kurz gegriffen. Die bildungspolitische Diskussion ist bis zum Anschlag mit Ideologie befrachtet.

tagesschau.de: Welche Art von Ideologie meinen Sie?

Ahlgrim: Bei uns wird nicht über ein längeres gemeinsames Lernen diskutiert. Man tut so, als sei das dreigliedrige Schulsystem naturgegeben. Wer daran rüttelt, macht sich verdächtig, die sozialistische Einheitsschule á la DDR zu wollen. Ich frage mich, ob man die Dreigliedrigkeit nicht auf den Prüfstand stellen sollte. Alternative Konzepte gibt es genug.

tagesschau.de: Die Befürworter des klassischen Systems behaupten, Länder mit einem dreigliedrigen Schulaufbau seien in der Pisa-Studie erfolgreicher gewesen.

Ahlgrim: Die Pisa-Studie zeigt aber auch, dass bei uns die Zuweisung zu einer Schulform sehr stark vom sozialen Status der Eltern abhängt. Deshalb muss man überlegen, ob man Kinder schon nach der vierten Klasse unterschiedlichen Schulformen zuweist, oder ob nicht ein längeres gemeinsames Lernen sinnvoller wäre. Nach der achten Klasse können Kinder viel stärker selbst bestimmen, was sie machen wollen. Nach der vierten Klasse entscheiden die Eltern allein.

Doris Ahlgrim ist Direktorin der Karl-Weigand-Schule in Florstadt. Der Ort liegt im Wetteraukreis nahe Frankfurt. Die Schule hat neben der Grundschule eine Haupt- und Realschule mit Förderstufe. Insgesamt wird sie von 600 Schülern besucht. Das Gespräch führte Eckart Aretz, tagesschau.de

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