Merkel mit Maske | Bildquelle: dpa

Erste Merkel-Reise seit Corona Raus aus Berlin - mit Maske

Stand: 08.07.2020 06:55 Uhr

Erst die Corona-Krise habe Merkel zur überzeugten Europäerin gemacht, sagen Kritiker. Die erste Auslandsreise der Kanzlerin seit Ausbruch der Pandemie führt sie nun nach Brüssel - dort warten schwierige Gespräche.

Von Kai Küstner, ARD-Hauptstadtstudio

Es stimmt zwar: Brüssel ist nicht Mallorca. Aber die Kanzlerin begibt sich nicht zum Vergnügen auf ihre erste Auslandsreise seit Monaten. Sie hat einiges mit der EU vor. "Gemeinsam Europa wieder stark machen", will Merkel - getreu dem Motto der deutschen EU-Ratspräsidentschaft. Aber das vom Schreibtisch im Kanzleramt aus zu erledigen und Europas Muskelaufbau per Livestream zu betreiben, ist schwierig.

Nervenaufreibende Verhandlungen um 750-Milliarden-Euro-Corona-Rettungspakete und den neuen EU-Haushalt sind per Videoschalte kaum vorstellbar. Erfahrene EU-Verhandler wissen, dass dafür oft lange Nächte mit immer neuen Vier- oder Sechs-Augen-Gesprächen nötig sind. Und die führt man am besten mit Corona-Abstand, aber von Angesicht zu Angesicht.

Selbst der Ministerpräsident Niedersachsens, Stephan Weil (SPD), gab im Bundesrat zu: "Viele hier würden mit Ihnen nicht tauschen wollen in dieser Situation."

"Eine Pandemie kennt keine Feiertage"

Und so heißt es für Merkel jetzt wieder: raus aus Berlin - rein ins EU-Leben. Fast schon vergessen ist die Quarantänezeit Ende März und Anfang April, in der die Kanzlerin noch nicht einmal die eigene Wohnung verließ und Deutschland aus dem Homeoffice regierte.

Was zumindest technisch nicht immer einfach war: "Eine Pandemie kennt keine Feiertage." Den Satz mit der Pandemie, die keinen Oster-Urlaub macht, konnte die Kanzlerin in dieser berühmt gewordenen Online-Pressekonferenz am 1. April gerade noch loswerden. Dann verabschiedete sich die Leitung in den Urlaub.

Merkel: "Ich muss leider noch mal losleiern."

Söder: "Ist schon okay."

Die Kanzlerin wusste da nicht, dass die Journalisten bereits wieder zuhörten - einem irgendwie schicksalsergeben gestimmten bayrischen Ministerpräsidenten Markus Söder. Auch wenn sich die bedauernswerte Telefonleitung kurz danach erholte - Merkel dürfte nicht unglücklich gewesen sein, als sie nur wenige Tage danach ins Kanzleramt zurückdurfte.

Und dann auch - ein paar Schritte weiter - in den Bundestag: "Jeder von uns kann berichten, was ihm oder ihr besonders fehlt", sagte Merkel im Parlament Ende April. Ob ihr Reisen nach Brüssel sonderlich gefehlt haben, sagte die Kanzlerin nicht dazu.

Merkels Aktionsradius wächst

Jedenfalls hat sich der Merkelsche Aktionsradius in den vergangenen Wochen langsam, aber sicher wieder ausgedehnt - und erstreckt sich nun auch wieder aufs Ausland.

Sozusagen als Einstimmung auf Europa und auf Begegnungen mit alten Bekannten bekam Merkel vergangene Woche Besuch von Frankreichs Staatspräsident Emmanuel Macron auf Schloss Meseberg. Alles mit gebührendem Abstand, aber zumindest was Merkel betraf, noch ohne Maske.

Warum sie denn öffentlich nie eine trage, fragte eine Journalistin: "Wenn ich die Abstandsregeln einhalte, brauche ich die Maske nicht aufzusetzen, und wenn ich sie nicht einhalte und ich zum Beispiel einkaufen gehe, dann treffen wir uns nicht, offensichtlich. Sonst hätten Sie mich auch schon mit Maske sehen können."

Merkel und die Maske

Ein paar Tage später dann stellte Merkel sicher, dass alle Welt sie mal mit Maske sehen konnte: Erstmals trat sie ganz bewusst vor Fotografen mit Mund-Nase-Bedeckung auf. Schwarz und schlicht, aber mit dem EU-2020-Logo drauf.

Es bedurfte der Corona-Krise, um Merkel in eine überzeugte Europäerin zu verwandeln, sagen Kritiker. Klar ist, dass die Kanzlerin eines Tages an dieser deutschen Ratspräsidentschaft gemessen wird. Hätte die erste Reise seit Langem sie nicht nach Brüssel geführt, wäre ihr das noch lange angekreidet worden. EU-Maske hin oder her.

Verfolgen Sie Merkels Rede im Europäischen Parlament ab 14.10 Uhr in einer Sondersendung im Ersten und im Livestream auf tagesschau.de.

Merkel wieder unterwegs - erste Reise seit Corona
Kai Küstner, ARD Berlin
08.07.2020 00:51 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 08. Juli 2020 um 05:53 Uhr.

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