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Eine Kassiererin an der Kasse beim Netto Marken-Discount | Bildquelle: picture alliance/dpa

Arbeitsmarkt Warum steigen Mehrfachbeschäftigungen?

Stand: 21.01.2020 18:28 Uhr

Gerade Frauen, Teilzeitbeschäftigte und Menschen mittleren Alters brauchen immer häufiger zwei Jobs, um über die Runden zu kommen. Schuld sei auch die Politik, die dafür Anreize schaffe, sagen Arbeitsmarktexperten.

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Von Sandra Stalinski, tagesschau.de

Wie alarmierend ist der Anstieg der Mehrfachjobber?

Es ist immer noch eine Minderheit der Beschäftigten, die zwei oder mehr Jobs haben: Nämlich gut 3,5 Millionen im Vergleich zu gut 39 Millionen Erwerbstätigen in Deutschland (ohne Berücksichtung von Beamten und Selbstständigen).

"Dennoch ist der Anstieg insbesondere seit den Hartz-Reformen prägnant", sagt der Arbeitsmarktexperte Enzo Weber vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) im Gespräch mit tagesschau.de. "Es handelt sich zwar nicht um ein Mehrheitsphänomen, aber um eine ziemlich große Minderheit."

Seit 2003 hat sich die Zahl der Menschen, die neben einer sozialversicherungspflichtigen Tätigkeit mindestens einen weiteren Job haben, mehr als verdoppelt: Von 1.386.231 Mitte 2003 auf 3.537.686 Mitte 2019.

Mehrfachbeschäftigte in Deutschland
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Mehrfachbeschäftigte in Deutschland

Wen betrifft das vor allem?

Die weit überwiegende Mehrheit der Mehrfachbeschäftigten (knapp drei Millionen) hat neben einer sozialversicherungspflichtigen Tätigkeit noch einen sogenannten Minijob. Ein kleiner Teil übt zwei oder mehr sozialversicherungspflichtige Tätigkeiten aus (etwa 350.000), die dritthäufigste Variante ist die Kombination von zwei oder mehr sogenannten Minijobs (knapp 260.700).

Frauen sind mit knapp 57 Prozent häufiger unter den Mehrfachjobbern vertreten als Männer, Teilzeitbeschäftigte häufiger (knapp 64 Prozent) als Vollzeit Arbeitende, Arbeitnehmer zwischen 40 und 50 bilden die größte Gruppe, wie aus einem IAB-Bericht hervorgeht.

Ein klares Indiz für die Aufnahme eines Nebenjobs ist der Verdienst: Mehrfachjobber verdienen in ihrem Hauptjob im Schnitt etwa 500 Euro weniger im Monat als Einfachbeschäftigte, heißt es im IAB-Bericht. Das Hauptmotiv für mehrere Jobs dürfte also ein finanzielles sein. Sei es, weil ein Beschäftigter im Hauptjob nicht so viele Stunden arbeiten kann, wie gewollt oder wie nötig, sei es, weil das Gehalt zu gering ist.

Auch eine Studie des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts der Hans-Böckler-Stiftung bestätigt das Ergebnis: Darin nennen 53 Prozent der Befragten finanzielle Nöte als ausschlaggebenden Grund. Weitere wichtige Gründe für Nebentätigkeiten sind lukrative Einkommen, Verwirklichung einer Leidenschaft und die Zusammenarbeit mit anderen Menschen.

Laut IAB-Bericht ist auch soziale Absicherung ein wichtiges Motiv. Darüber hinaus: Spaß oder Prestige-Gewinn durch die Nebentätigkeit.

Was sind die Gründe für den Anstieg?

Es ist nicht überraschend, dass Mehrfachtätigkeiten, insbesondere durch Kombination mit Minijobs, zunehmen. Bei Minijobs sind Arbeitnehmer komplett von Steuern und Abgaben befreit - und zwar egal wieviel sie im Hauptjob verdienen. Eine solche Regelung ist im internationalen Vergleich einzigartig.

"Durch die starke Begünstigung von Minijobs hat man Anreize geschaffen, die diese Entwicklung provozierten", sagt Weber vom IAB. "Das hat man damals auch gewollt." Die Frage sei aber: Ist das heute noch zeitgemäß? Denn: Minijobs trügen in der Regel nichts zur sozialen Absicherung bei, sie führten in aller Regel nicht zu einer nachhaltigen beruflichen Entwicklung oder besserer Arbeitsmarktintegration. "In Zeiten des Fachkräftemangels sollte man die Begünstigung solcher Beschäftigungsverhältnisse nicht mehr subventionieren, sondern stattdessen in Klasse statt Masse investieren", sagt Weber.

Die Linkspartei sieht einen der Hauptgründe für den Anstieg im zu niedrigen Mindestlohn. "Für immer mehr Beschäftigte reicht das Einkommen aus einem Job nicht mehr aus", sagt die arbeitsmarktpolitische Sprecherin der Bundestagsfraktion Sabine Zimmermann und fordert eine Erhöhung des Mindestlohns in einem ersten Schritt auf 12 Euro die Stunde und die Abschaffung von systematischer Niedriglohnbeschäftigung in Form von Leiharbeit und von sachgrundlosen Befristungen. Minijobs sollten in sozialversicherungspflichtige existenzsichernde Beschäftigung überführt werden.

Was sagen die anderen Parteien?

Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD) mahnte, nicht jede Form von Nebenbeschäftigung zu skandalisieren. "Aber es gibt Bereiche, da muss uns das mit Sorge umtreiben", sagte Heil.

Eine Reihe Unionsabgeordneter im Bundestag veröffentlichte kürzlich ein Papier, in dem sie eine Anhebung der Verdienstobergrenze bei Minijobs fordern. Auch die FDP hatte sich dafür ausgesprochen. Ein genauer Betrag wird in dem Papier nicht genannt. Die CSU fordert eine Anhebung auf 600 Euro im Monat.

Die Grünen wollen für Minijobs eine Sozialversicherungspflicht einführen. Sie sehen im hierzulande relativ großen Niedriglohnsektor einen Grund für die in Deutschland tendenziell ansteigende Armutsquote.

Welche Alternativen gibt es?

Laut IAB-Forscher Weber wäre eine Anhebung des Mindestlohns ein wichtiger Schritt, vor allem um die Lohnungleichheit in Deutschland zu verringern. "Da das Auswirkungen auf den gesamten Arbeitsmarkt hat, sollte es aber behutsam, in kleinen Schritten und nicht sprunghaft passieren", so Weber. Jährlich oder alle zwei Jahre müsse analysiert werden, wie viel Steigerung möglich ist, ohne den Verlust von Arbeitsplätzen zu riskieren.

Er plädiert dafür, die Begünstigung von Minijobs abschzuschaffen und stattdessen in bessere Bedingungen und Arbeitsmarktintegration für die Hauptjobs zu investieren: wo möglich und gewollt beispielsweise durch Aufstockung von Arbeitsstunden und Weiterqualifizierung. Bei Menschen, die nicht in sozialversicherungspflichtige Tätigkeiten vermittelt werden könnten, müsse eine bessere individuelle Beratung und Unterstützung her.

Über dieses Thema berichtet das Nachtmagazin am 21. Januar 2020 um 00:45 Uhr.

Autorin

Sandra Stalinski  Logo tagesschau.de

Sandra Stalinski, tagesschau.de

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