Coronavirus Modellprojekten droht der Lockdown

Stand: 16.04.2021 12:21 Uhr

Die Hoffnungen waren groß: Tübingen und das Saarland wollten als Modellregionen zeigen, wie kontrollierte Öffnungen möglich sind. Nun stehen die Projekte vor dem Lockdown. Wie konnte das passieren?

Von Emil Mura, SR, und Stefan Meier, SWR

Das Modell Saarland

Als vor etwa eineinhalb Wochen im Saarland die Corona-Beschränkungen gelockert wurden, war bereits absehbar, dass die Öffnungen jederzeit zurückgenommen werden können. Seit dem 6. April gilt im kleinsten Flächenbundesland das sogenannte Ampel-Modell. Liegt die Sieben-Tage-Inzidenz stabil unter 100 dürfen Fitnessstudios, Kinos und Außengastronomie öffnen, sofern Kunden einen negativen Coronatest vorlegen. Liegt die Inzidenz drei Tage in Folge über 100, gilt die Testpflicht auch im Einzelhandel und in Friseursalons. Erst wenn das Gesundheitssystem an seine Grenzen kommt, greift die Stufe rot und alle Lockerungen werden zurückgenommen.

Beim Start der Öffnungen am Dienstag nach Ostern lag die durchschnittliche Sieben-Tage-Inzidenz im Saarland bei 77,8 - Tendenz steigend. Einer der Gründe, warum sich manche gar nicht erst auf die Öffnungen einließen.

Einzelne Fitnessstudios machten erst einmal wie bisher mit Betrieb auf Rezept weiter, weil sie damit rechneten, dass die Lockerungen bald zurückgenommen werden. Kinos blieben geschlossen, weil sie keine neuen Filme haben. Und die Gastronomie ist vom Wetter abhängig, was dazu führte, dass die wenigsten Restaurants und Kneipen tatsächlich öffneten. Nach Angaben des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes Saarland sieht die Mehrheit der Mitglieder das Modell trotzdem positiv. Anders als bisherige Regelungen biete es eine Öffnungsperspektive, die nicht allein an eine Inzidenz gekoppelt sei.

Corona-Ampel auf dunkel-gelb

Inzwischen liegt die Sieben-Tage-Inzidenz im Saarland stabil über 100, am Donnerstag bei 129. Dabei ist allerdings nicht klar, ob die steigenden Infektionszahlen auf die Lockerungen zurückzuführen sind oder ob sie ohnehin gestiegen wären. Trotzdem haben die wissenschaftlichen Berater der Landesregierung am Donnerstag empfohlen, die Ampel auf Rot zu schalten. Das Gesundheitsministerium will dagegen noch an Stufe gelb festhalten. Heute will der Ministerrat darüber entscheiden.

 

Das Modell Tübingen

Tübingen ist am 16. März mit seinem Modellprojekt "Öffnen mit Sicherheit" gestartet. Der Gedanke: Die Bevölkerung soll sich flächendeckend und regelmäßig testen lassen und dafür mit einer Wiederbelebung des öffentlichen Lebens belohnt werden, also der Öffnung von Einzelhandelsgeschäften, Kultureinrichtungen und der Außengastronomie.

Es ist ein sehr erfolgreiches Projekt, fast zu erfolgreich. Besucher reisten Hunderte von Kilometern an, um auf der Terrasse eines Restaurants mal wieder einen Kaffee zu trinken. Die Stadt musste den Zustrom von auswärts stoppen, das Angebot gilt seit Ende März nur noch für Einheimische.

Ermutigende Ergebnisse

Genehmigt und unterstützt wird das Projekt vom Land Baden-Württemberg, wissenschaftlich begleitet von der Universität Tübingen. Die ersten Ergebnisse sind ermutigend: Die Inzidenzwerte sind niedrig geblieben, durch das viele Testen könnte die Infektion sogar eingedämmt werden, meinen die Wissenschaftler. Denn positiv Getestete können isoliert werden, bevor sie andere anstecken.

Die Inzidenz-Zahlen in der Stadt liegen seit Testbeginn konstant unter 100, mit Ausnahme von zwei Tagen am Osterwochenende. Sie schwanken seit drei Wochen zwischen 62 und 93 Fällen und lagen zuletzt am 14. April bei 88.

Hoffen auf eine Ausnahmegelung

Im Landkreis Tübingen liegen sie allerdings über 100, und die Zahlen im Landkreis sind ausschlaggebend. Sollten sie weiter über 100 liegen, wenn das neue Infektionsschutzgesetz in Kraft tritt, würde das Sozialministerium das Projekt abbrechen. Das "wäre wirklich für alle, die sich hier engagiert haben, frustrierend und traurig, wenn wir aufhören müssten, obwohl unsere Zahlen gut sind", reagierte Oberbürgermeister Boris Palmer auf die Ankündigung. In Tübingen hofft man jetzt auf eine Ausnahmeregelung durch den Bund, damit der erfolgreiche Versuch weiterlaufen kann.  

Über dieses Thema berichtete S3 Saarlandwelle am 23. März 2021 um 16:04 Uhr in der Sendung "Region am Nachmittag".

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