Martin Schulz und Andrea Nahles lächeln in die Kamera | Bildquelle: AFP

Putschgerüchte bei der SPD Die Rückkehr der Gestern-Männer?

Stand: 24.05.2019 16:50 Uhr

Die SPD kämpft gegen den Absturz - und Andrea Nahles um ihre Macht. Putschgerüchte eines Ehemaligen sorgen zusätzlich für Unruhe. Aber was ist dran?

Von Wenke Börnsen, tagesschau.de

In der SPD rumort es, nicht erst seit gestern. Nervöse Unruhe ist bei den Genossen schon fast chronisch. Keiner weiß, was geschieht, wenn am Sonntag mit Bremen die letzte Bastion verloren geht und bei der Europawahl zweistellige Verluste zu verdauen sind. In dieser Atmosphäre fallen Putschgerüchte auf fruchtbaren Boden, zumal die SPD eine ihr eigene Routine darin hat, das Führungspersonal zum Sündenbock zu machen und vom Hof zu jagen.

Schulz lotet seine Chancen aus

Martin Schulz kennt das. Daher entbehrt es nicht einer gewissen Ironie, wenn es stimmen sollte, dass nun gerade der ehemalige Vorsitzende an einem Aufstand in der Fraktion gegen Nahles arbeitet und Fraktionschef werden will. Genau das wird ihm zusammen mit Fraktionsvize Achim Post aber nachgesagt, wie die "Welt" jüngst berichtete und der "Spiegel" heute nachlegte - zwei Tage vor der Europa- und Bremenwahl.

SPD-Politiker Martin Schulz | Bildquelle: dpa
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Pläne in eigener Sache? Martin Schulz.

Nach tagesschau.de-Informationen lotet Schulz seit Monaten seine Chancen aus, spricht mit Abgeordneten, macht Wahlkampf in eigener Sache - und natürlich auch für Europa. Dass seine SPD kurz vor der Europawahl irgendwo bei 17 Prozent in den Umfragen herumdümpelt, muss ihn besonders schmerzen. Schließlich war er es, der vor fünf Jahren - damals war er EU-Parlamentspräsident und noch kein gescheiterter Kanzlerkandidat - aus heutiger Sicht sagenhafte 27 Prozent für die SPD holte.

Nach der Wahl könnte Schulz zum Schlag ausholen, erwartete man denn auch in der Parteiführung, wo man sein ehrgeiziges Werben um den Fraktionsvorsitz mit einer Mischung aus Befremden und Empörung registrieren dürfte.

Nahles steht unter Druck. Aber Schulz als Alternative?

Die angeblichen Putschpläne gegen Partei- und Fraktionschefin Andrea Nahles kommen für die SPD zur Unzeit und sind nur mit bloßer Verzweiflung einiger Genossen kaum zu begründen. Dass Nahles parteiintern unter Druck steht, dass die Zahl ihrer Zweifler wächst - das ist ein offenes Geheimnis. Aber Schulz als Alternative? Kommt jetzt "Die Rückkehr der Männer von gestern"? Schließlich wird auch Ex-Parteichef und Ex-Außenminister Sigmar Gabriel nicht müde, vom Spielfeldrand aus kluge Ratschläge zu geben.

Dabei geben nicht wenige in der SPD, Schulz und Gabriel eine Mitschuld für die heutige Misere der Partei. Das Glaubwürdigkeitsproblem der SPD zum Beispiel ist ihrer Meinung nach auch eine Folge von Schulz' Schlingerkurs bei der Frage nach Regierungsbeteiligung oder dem Gang ins Merkel-Kabinett.

Martin Schulz und Sigmar Gabriel im Bundestag | Bildquelle: dpa
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Die Rückkehr der Ehemaligen? Schulz und Gabriel im Gespräch (Archivfoto)

In der SPD beeilte man sich, die neuesten Putschgerüchte gegen Nahles umgehend wieder einzufangen. Nahles sei Fraktionsvorsitzende, und das bleibe sie auch, sagte der Sprecher des Seeheimer Kreises, Johannes Kahrs, dem "Handelsblatt". Und Parteivize Ralf Stegner sagte dem SWR: "Ich glaube all den Dingen, die da berichtet werden, kein Stück." Er mahnte zur Disziplin. Wenn die Menschen den Eindruck hätten, "die SPD kämpft untereinander, dann wählen die uns bestimmt nicht".

Wie realistisch sind Schulz' Chancen?

Ob Schulz wirklich realistische Chancen auf den Fraktionsvorsitz hat, ist unklar. Zwar dürfte die Unzufriedenheit in der Fraktion groß und die Nervosität hoch sein. Aber die Führungsfrage stellen, wo doch das Abschneiden der SPD bei den Wahlen nicht in erster Linie eine Angelegenheit der Fraktion ist?

Kurzfristig, so die Einschätzung in Parteikreisen, dürfte Schulz nicht genug Truppen für einen Aufstand zusammenbekommen, denn auch wenn er dem mächtigen NRW-Landesverband angehört, so hat er nach tagesschau.de-Informationen längst nicht den ganzen Verband hinter sich. Regulär muss sich Nahles im September in der Fraktion zur Wiederwahl stellen.

Ob die SPD am Montag nach den Wahlen mit neuen inhaltlichen Aufschlägen versucht, den Negativtrend zu brechen oder ob es auch personelle Wechsel in der Führungsriege gibt, hängt ganz erheblich davon ab, ob es ein blaues Auge gibt oder gleich zwei. Chaostage will die Parteispitze aber unter allen Umständen vermeiden. Und mit Männern von gestern einen Neuanfang zu versuchen, auch.

Über dieses Thema berichtete MDR aktuell am 24. Mai 2019 um 12:09 Uhr.

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