Ein Obdachloser vor dem Eingang eines Ladens | Bildquelle: dpa

"Nacht der Solidarität" Freiwillige zählen Obdachlose in Berlin

Stand: 30.01.2020 13:21 Uhr

Wer braucht Hilfe und wie viele Obdachlose sind in der Stadt? Das sollte die Aktion "Nacht der Solidarität" in Berlin klären. Ehrenamtliche waren dafür unterwegs. Vorbild ist Paris.

Von Marcel Trocoli Castro und Laurence Thio, RBB

Jeden Morgen sieht Judith Wuchner Obdachlose auf dem Weg zur Arbeit und geht an ihnen vorbei. Doch das ändert sich in dieser Nacht: Sie wird Obdachlose zählen, ansprechen und befragen statt an ihnen vorbeizugehen. "Ich will irgendwie dazu beitragen, dass sich die Situation verbessert, und ich glaube, eine Zählung kann ein erster Schritt sein, um zu wissen, was brauchen wir in Berlin", sagt Wuchner.

Sie, ihr Ehemann und etwa 30 weitere Freiwillige werden gerade im Zählbüro am Bahnhof Zoo geschult, bevor sie aufbrechen.

Judith Wuchner und ihr Ehemann
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Schulung für die freiwilligen Zählerinnen und Zähler: Judith Wuchner und ihr Mann vor dem Aufbruch .

Erste Obdachlosenzählung in Deutschland

Die Wuchers sind zwei von etwa 2600 freiwilligen Helfern in Berlin, die bei der "Nacht der Solidarität" mitmachen. Als erste Stadt in Deutschland hat Berlin in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag eine Obdachlosenzählung durchgeführt.

Obdachlosenzählung in Berlin
Mittagsmagazin, 30.01.2020, Marcel Tricoli Castro, RBB

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Initiiert hat das die Berliner Sozialverwaltung. Damit will sie sich ein genaueres Bild machen, wie viele Menschen in Berlin auf der Straße leben. Bisher gibt es nur Schätzungen, die davon ausgehen, dass es zwischen 6000 bis 10.000 Menschen sind.

Deutschlandweit wird ihre Zahl auf 40.000 geschätzt, die der Wohnungslosen liegt bei etwa 680.000. Das geht aus einer Hochrechnung der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe hervor.

Wer schläft, wird nicht geweckt

Im Zählbüro wird den Freiwilligen ein Fragebogen und ein Faltblatt mit Verhaltensregeln präsentiert. Es erklärt, was sie bei der Zählung beachten müssen. Die Freiwilligen sollen, wenn möglich auch Alter, Geschlecht, Nationalität und den Zeitraum der Obdachlosigkeit abfragen. Davon erhofft sich Berlins Sozialverwaltung eine genauere Datenlage. "Wir brauchen einfach diese Zahlen und mehr Informationen über die Menschen, die in Berlin auf der Straße leben, damit wir unser Hilfesystem verändern können", sagt Sozialsenatorin Elke Breitenbach (Die Linke).

Es geht zum Beispiel um solche Daten: Wie viele Frauen sind obdachlos, wie alt sind die Menschen im Schnitt, die auf der Straße leben? Wer bei der Befragung nicht mitmachen will, muss nicht. Wer schläft, wird nicht geweckt.

Jetzt werden die Freiwilligen in Zählteams aufgeteilt. Judith Wuchner beugt sich gemeinsam mit ihrem Mann über eine Karte, sie werden mit weiteren Freiwilligen das Gebiet rund um den Zoologischen Garten und den Kurfürstendamm ablaufen. Sie haben bis ein Uhr Zeit. Bei der eigentlichen Zählung dürfen keine Journalisten und Kamerateams dabei sein, um die Obdachlosen nicht zu verschrecken und auch ihre Privatsphäre zu wahren.

Projekte nach Zählung in Paris

Im Jahr 2018 hat es in Paris eine ähnliche Zählung gegeben. Sie ist das Vorbild für die "Nacht der Solidarität" in Berlin. Auch in anderen Großstädten wie Athen, Budapest, Brüssel und New York hat es in den vergangenen Jahren schon solche Aktionen gegeben. Die Pariser Sozialverwaltung hat damit gute Erfahrungen gemacht. Unter anderem wurden nach der ersten Zählung neue Plätze in Unterkünften für Wohnungslose geschaffen, die Hälfte davon für Frauen.

Wie genau nach der Zählung in Berlin verfahren wird, ob Hilfsmaßnahmen angepasst und regelmäßig Zählungen durchgeführt werden, all das ist noch offen.

Kritik: "Tiere werden gezählt - Menschen muss geholfen werden"

Während die Zählteams durch das gesamte Stadtgebiet streifen, wärmen sich einige Obdachlose in der Stadtmission am Bahnhof Zoo auf. Grinsi und Jenni essen gerade eine Suppe. Sie leben beide auf der Straße, wurden gerade von einem Team gezählt und finden die Aktion gut. "Ich finde es wichtig, auch wenn ich noch nicht ganz verstanden habe, wieso, weshalb, warum das gemacht wird", sagt Jenni, die vor zwei Jahren wohnungslos geworden ist. "Aber ich habe das Gefühl, dass es für gute Zwecke ist. Das dann vielleicht mehr Wohnungen für Berliner Obdachlose gefunden werden.“

Das Motto "Nacht der Solidarität" auf einer Weste | Bildquelle: rbb
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Am 7. Februar wird das Ergebnis der "Nacht der Solidarität" bekanntgegeben.

Nicht alle sehen das so positiv: Die Selbstvertretung wohnungsloser Menschen lehnt die Obdachlosenzählung ab. Sie halten vor dem Roten Rathaus in Berlin eine Mahnwache ab und haben sich um eine Feuertonne versammelt. Die Initiative hat ein Positionspapier veröffentlicht, in dem sie fordern: "Die Zählung hat eine Alibi-Funktion, Tiere werden gezählt - Menschen muss geholfen werden. Im Fall von wohnungslosen Menschen muss das eine Wohnung sein."

Sie weisen auch darauf hin, dass trotz der Zählung weiterhin eine hohe Dunkelziffer bestehen bleiben wird. Ein Grund dafür sei, dass die Zählteams nicht auf Privatgelände, in Abrisshäusern oder in Parkanlagen zählen dürfen.

"Vor zehn Jahren wäre so eine Aktion nicht denkbar gewesen"

Auch der Leiter der Stadtmission am Bahnhof Zoo, Wilhelm Nadolny, ist sich nicht sicher, inwieweit ihm eine konkrete Statistik am Ende in der täglichen Arbeit mit Obdachlosen helfen wird. Er sieht die Aktion eher als einen ersten Schritt zu mehr Bewusstsein in der Gesellschaft. "Das Wichtigste an der Nacht der Solidarität ist, dass sie die Obdachlosigkeit in den Fokus rückt", sagt Nadolny. "So werden Menschen, die sonst nicht sichtbar sind, plötzlich sichtbar. Vor zehn Jahren wäre es nicht denkbar gewesen, so eine Aktion zu machen. Damals war Obdachlosigkeit gesellschaftlich einfach kein Thema."

Kurz vor 24 Uhr kommen Judith Wuchner und ihr Mann von der Zählung zurück. Sie haben zwei Obdachlose angetroffen, einen konnten sie auch befragen. "Der war super nett, ein Deutscher, der seit über 15 Jahren auf der Straße lebt", sagt Judith Wuchner.

Ihren Mann hat das Gespräch betroffen gemacht: "Das so mitzukriegen, dass da jemand ohne Obdach über viele Jahre draußen lebt, das ist schon ein Hammer", ergänzt er. Die Zählung und die Fragebögen werden jetzt ausgewertet. Das Ergebnis wird am 7. Februar veröffentlicht.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 30. Januar 2020 um 12:00 Uhr.

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