DDR-Alltag | Bildquelle: https://www.open-memory-box.de/

Filmarchiv über Leben in der DDR DDR-Alltag auf acht Millimetern

Stand: 11.10.2019 09:04 Uhr

FKK, Stasi und Mauer? Die DDR war mehr als das, sagen die Initiatoren der "Open Memory Box". Auf ihrer Webseite zeigen sie teils berührende, teils banale Schmalfilme aus vier Jahrzehnten DDR.

Von Sandra Stalinski, tagesschau.de

Ein sonniger Tag im Mai 2012. Der Filmproduzent Alberto Herskovits und der Politikwissenschaftler Laurence McFalls sitzen mit ihren Familien im Berliner Volkspark Friedrichshain beim Picknick. "Wie das wohl genau hier vor 30 Jahren ausgesehen hat? Was haben die Leute damals gemacht?", fragen sie sich. Damals, als dieser Ort noch DDR war?

In diesem Moment entsteht die Idee für ihr Projekt "Open Memory Box". Es muss unzählige private Filmaufnahmen aus dem DDR-Alltag geben, vermuten die beiden. Die wollen sie sammeln und öffentlich zugänglich machen.

Open Memory Box: Frauen
18.09.2019

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415 Stunden Schmalfilm

Es folgt die Suche nach Sponsoren und ein deutschlandweiter Aufruf, Filmaufnahmen jeglicher Art aus der Zeit zwischen 1947 und 1990 aus der DDR einzusenden. Dass am Ende 415 Stunden privater Filmsequenzen auf Schmalfilmrollen von fast 150 Familien zusammenkommen, hat selbst die kühnsten Hoffnungen der Initiatoren übertroffen. Sechs Jahre hat es gedauert, das Material zu digitalisieren und zu verschlagworten. Jetzt sind all diese Filmaufnahmen im Netz zu sehen.

Es sind teils berührende, teils intime, oft banale Amateuraufnahmen: Strandszenen, Arbeitswelt, Familienfeiern, Kundgebungen. Spektakuläre Sequenzen, wie die zufällige Aufnahme einer versuchten Republikflucht, gibt es zwar auch, sie sind aber die absolute Ausnahme: Gefilmt wurde ein Mann, der in Kleidung aufs offene Meer hinausschwamm - vermutlich, um zu einer Fähre zu gelangen - und der von einem Boot der DDR-Küstenwache abgefangen wird.

"Aus festgefahrenen Debatten herauskommen"

Die Initiatoren erhoffen sich, durch ihr Projekt die Debatte über die DDR um einen anderen Blickwinkel zu bereichern. "Wir haben 30 Jahre nach der Wiedervereinigung teilweise stärkere Stereotype über Ost und West als in den 1990ern", sagt der Politikwissenschaftler McFalls im Gespräch mit tagesschau.de. "Unsere große Hoffnung ist, aus diesen festgefahrenen Debatten herauszukommen. Wenn jeder sehen kann, die Menschen im Osten hatten genauso ein reiches, wertvolles Leben wie im Westen, gelingt das vielleicht."

Nach dem Zufallsprinzip Archiv durchstöbern

Auf der Webseite www.open-memory-box.de kann man die Filmsequenzen nach Schlagworten durchsuchen, oder einfach nach dem Zufallsprinzip stöbern: Denn Archive seien normalerweise für Leute gemacht, die genau wissen, was sie suchen, sagen die Initiatoren des Projekts. Dadurch werde der Blick von vornherein gelenkt.

Unter der Rubrik "Anti-Archiv" auf der Webseite wollen sie das durchbrechen. Durch völlig zufällige, immer wieder neu zusammengewürfelte Bildsequenzen, die dem Nutzer bei jedem Besuch der Seite angeboten werden. Auch der darunterliegende Ton und die Musik werden beim Ansehen zufällig eingespielt.

Open Memory Box: Zufall
18.09.2019

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Sehr persönliche Einblicke in Familiengeschichten

Besonders sehenswert sind auch die von Herskovits und McFalls produzierten "Geschichten". Der schwedisch-argentinische Filmemacher und der kanadische Politikwissenschaftler haben einige der Menschen besucht, die ihnen ihre Filmaufnahmen geschickt hatten. Während sie gemeinsam die Aufnahmen ansahen, erzählten die Protagonisten, was zu sehen war und liefern so teils sehr persönliche Einblicke in ihre Familiengeschichten. Drei dieser "kommentierten Filme" sind bereits auf der Webseite, es sollen aber noch viele weitere dazukommen.

Open Memory Box: Wir wurden belogen
18.09.2019

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Leben jenseits der Politik

Politik kommt natürlich auch vor in den Filmsequenzen. Bei den Kundgebungen zum 1. Mai, bei Aufnahmen von der Grenze oder der FDJ. "Die Filme zeigen aber vor allem, dass es ein Leben in dieser Diktatur gab, das nicht vordergründig von der Politik geprägt war", sagt Ulrich Mählert von der Bundesstiftung Aufarbeitung der SED-Diktatur, die das Projekt zusammen mit zahlreichen anderen Geldgebern unterstützt. Für ihn ist das Faszinierende an den Aufnahmen, dass auf den ersten Blick oft nicht erkennbar ist, ob es sich um ostdeutsche oder westdeutsche Szenen handelt. Und: "Weil es einen so unverfälschten Blick auf das Leben in der DDR wirft, wie man das sonst kaum irgendwo sehen kann."

Open Memory Box: FKK
18.09.2019

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Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 23. September 2019 um 12:00 Uhr.

Autorin

Sandra Stalinski  Logo tagesschau.de

Sandra Stalinski, tagesschau.de

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