Thomas Oppermann | Bildquelle: dpa

Zum Tod Oppermanns Ein Sozialdemokrat mit langem Atem

Stand: 26.10.2020 12:54 Uhr

Thomas Oppermann war ein Sozialdemokrat mit Durchhaltevermögen. Er hielt die oft zerstrittene SPD zusammen und wurde zu ihrem scharfzüngigen Erklärer. Nicht nur als Bundestagsvizepräsident bewies er Humor.

Von Georg Schwarte, ARD-Hauptstadtstudio

Thomas Oppermann hatte stets den etwas längeren Atem. Als Jurist, als Mensch und als Politiker. Er war ein Wanderer, der keinen Weg scheute. "Ich gehe furchtbar gern auf den Brocken. Da kann man den Kopf freikriegen und ordentlich durchatmen", sagte er. Auf dem Brocken war er oft unterwegs, seinem Hausberg gewissermaßen.

Im flachen Münsterland kam Oppermann 1954 als Sohn eines Molkereimeisters zur Welt. Er hatte drei Geschwister. Nur er machte Abitur. Jahre später stand er in seiner Alma Mater, der Georg-August-Universität zu Göttingen, wo er in nur acht Semestern zum Prädikatsjuristen reifte und sagte dort, worauf es in Zeiten wie diesen ankomme:

"In einer Zeit, wo wieder über das Recht des Stärkeren schwadroniert wird. Wo Emotionen über Fakten gestellt werden und nationalistisches Denken gepredigt wird. In einer solchen Zeit muss man sich auf die Werte der Aufklärung besinnen. Ich bin dankbar dafür, dass ich an dieser Universität so etwas gelernt habe: Toleranz und Offenheit."

Schröder holte ihn ins Landeskabinett

Thomas Ludwig Albert Oppermann war offen für so Manches. Er ging 1976 für die Aktion Sühnezeichen als Community Organizer in die USA. Barack Obama hatte einst den gleichen Job. Seine Faszination für die Vereinigten Staaten blieb ein Leben lang. Wie die manchmal mühselige Faszination für seine SPD:

"Die Eiche ist ein Holz, das langsam wächst. Aus diesem Holz ist auch die SPD geschnitzt. Dafür halten auch wir länger. Das ist ein Vorzug, den ich nicht missen möchte."

Er hielt seine Partei sehr lang zusammen. Immer da, wo er gerade war. 1980 Parteieintritt, 1986 zweites Prädikatsexamen, Richter, Rechtsdezernent, Landtag, Ministeramt, fünf Jahre Wissenschaftsminister in Niedersachsen. Gerhard Schröder, der spätere Kanzler, holte ihn damals ins Landeskabinett.

Scharfzüngiger Erklärer der SPD

Oppermann nannte sich stets einen von "Grund auf optimistischen Menschen". Seine Mutter habe ihm die große Lebensfreude mitgegeben, sagte er einst. Den langen Atem gab es natürlich von Willy Brandt:

"Wir können erst mal von ihm lernen, dass man auch in schwierigen Situationen stehen muss. Er hat dann auch in Zeiten Reformideen entwickelt, die überhaupt nicht populär waren. Er hat das durchgestanden und am Ende Recht bekommen. Von Willy Brandt können wir lernen: den langen Atem."

Vier Mal gewann Oppermann Göttingen direkt als Bundestagsabgeordneter. Er löste den jetzigen Vizekanzler Olaf Scholz als Parlamentarischen Geschäftsführer ab. Scharfzüngig wurde Oppermann zum Erklärer der SPD. Zum verbalen Feuerwehrmann in Krisenzeiten, zum Wahlkämpfer: "Die Große Koalition darf keine Dauereinrichtung werden. Ich will diese Große Koalition nicht fortsetzen."

Innenminister als Traumjob

Er wollte Innenminister werden. Der Vater vierer Kinder saß in den Schattenkabinetten von Frank-Walter Steinmeier und Peer Steinbrück. Aber musste oder durfte 2013 dann Herbert Wehners Spuren auf den Fraktionsvorsitz der SPD folgen. Kein einfacher Job. Diese SPD-Fraktion streitet gern und rang oft - auch mit ihm:

"Ich habe in der Fraktion leider keine Weisungsbefugnis an meine 192 Mitglieder."

Da war die Edathy-Affäre, da waren die turbulenten Jahre mit Sigmar Gabriel, Andrea Nahles und Martin Schulz. Oppermann, der Mann mit dem langen Atem aber behielt stets Nerven und den Überblick.

Er leitete das Plenum mit Ironie

2017 wurde er dann Bundestagsvizepräsident. Er war einer, der das Plenum mit Ironie leitete - wenn nötig Richtung AfD mit kalter Präzision: "Ich kann Ihnen nicht verbieten, während der Debatte Zeitung zu lesen. Aber wenn Sie die Zeitung so hochhalten, könnte der falsche Eindruck entstehen, es handele sich hier um ein Caféhaus. Es ist aber ein Arbeitsparlament."

"Du warst ein feiner Kerl", schrieb der CDU-Politiker Peter Altmaier und sagte, was in Niedersachsen das größte Lob ist: Ein feiner Kerl zu sein.

Vor kurzem erst hatte Oppermann angekündigt, nicht noch einmal für den Bundestag kandidieren zu wollen, sich künftig anderen, neuen Projekten zu widmen. Gestern Abend nun ist der Jurist, Wanderer, Mensch und feine Kerl Oppermann mit 66 Jahren in seiner Heimatstadt Göttingen überraschend gestorben.

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Thomas Oppermann - seine politische Karriere in Bildern

Thomas Oppermann

Der geborene Westfale Thomas Oppermann saß seit 1990 im niedersächsischen Landtag. Er war der SPD während seiner Jurastudiums 1980 beigetreten. | Bildquelle: picture-alliance / dpa

"Du warst ein feiner Kerl" - Ein Nachruf auf Thomas Oppermann
Georg Schwarte, ARD Berlin
26.10.2020 10:49 Uhr

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Über dieses Thema berichteten am 26. Oktober 2020 die tagesschau um 12:00 Uhr und B5 aktuell um 11:50 Uhr.

Korrespondent

Georg Schwarte | Bildquelle: Jens Jeske/www.jens-jeske.de Logo NDR

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