Gespräch zwischen Arzt und Patient | Bildquelle: ARD-aktuell/Retzlaff

Gesundheitssystem Orientierung dank Patientenlotsen

Stand: 07.03.2019 18:11 Uhr

Sehr viele Menschen sind im Dickicht des deutschen Gesundheitswesens orientierungslos. Das sollen Patientenlotsen ändern. Doch bislang gibt es nur vereinzelte Modellprojekte.

Von Tamara Anthony, ARD-Hauptstadtstudio

Gertraud Kamski hat Besuch von einer Patientenlotsin. Die Leipzigerin ist 83 Jahre alt und wohnt allein. Gemeinsam gehen sie Kamskis Beschwerden durch, besprechen die Hürden des Alltags und die Stolperfallen in ihrer Wohnung.

Nach einem Sturz hatte ihr Hausarzt die Rentnerin auf das regionale Modellprojekt der Pflegelotsen aufmerksam gemacht. "Ich finde das gut, gerade für diejenigen, die dringend Hilfe benötigen und die niemanden von der Familie an ihrer Seite haben, die helfen könnten," sagt Kamski.

Mehr als die Hälfte der Deutschen finden sich Umfragen zufolge im Gesundheitssystem nicht gut zurecht. Patientenlotsen sollen dabei helfen, die medizinische Betreuung zu organisieren und einen Überblick über Versorgungsangebote und Sozialleistungen geben.

"Wenn der Arzt erkennt, dass der Patient nicht richtig an seiner Therapie mitwirken kann oder ein Rückfallrisiko besteht, dann kann er dem Patienten einen Patientenlotsen an die Seite stellen", erklärt Grit Braeseke vom Berliner IGES Institut. Im Auftrag der Patientenbeauftragten der Bundesregierung analysierte sie die nationalen und internationalen Erfahrungen mit Patientenlotsen. Letztlich würde die dem Patienten medizinisch helfen - und weil Gesundheitskosten so verhindert werden, rechne es sich für das System, meint sie.

Bis jetzt nur Modellprojekte

Bisher gibt es Patientenlotsen nur in Modellprojekten für sehr unterschiedliche Zielgruppen: Manche richten sich an psychisch Kranke, andere an Schlaganfallpatienten oder Pflegebedürftige beim Übergang vom Krankenhaus in die Betreuung zu Hause. Nur wenige davon werden bisher dauerhaft fortgeführt. Sie laufen meist kleinräumig regional.

Doch Braeseke fordert angesichts ihrer Studie, die Patientenlotsen zu institutionalisieren: Die gesetzlichen Kassen sollten sie zur Regelleistung machen für schwer, chronisch oder mehrfach erkrankte Menschen, die ihre Versorgung nicht selbst oder mit Hilfe ihres Umfeldes organisieren können. Ein Arzt solle den Bedarf im Einzelfall feststellen.

Die Forscherin rechnet mit einer Zielgruppe von rund 720.000 Patienten, von denen rund zwei Drittel das entsprechende Hilfsangebot nutzen würden. Die Kosten beziffert sie auf rund 600 Millionen Euro im Jahr. Demgegenüber stünden allerdings Einsparungen, weil etwa Rückfälle verhindert oder Krankenhausaufenthalte vermieden werden können.

Patientenbeauftragte Claudia Schmidtke im Bundestag | Bildquelle: dpa
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Die Patientenbeauftragte Claudia Schmidtke will die Einführung von Patientenlotsen.

Unterstützung auch von der Patientenbeauftragten

Die neu ins Amt berufene Patientenbeauftragte der Bundesregierung, die Lübecker Herzchirurgin Claudia Schmidtke, unterstützt die Einführung von Patientenlotsen, wie sie die Forscherin des IGES Instituts vorschlägt. Schmidtke will sich im Gesundheitsministerium, dem sie angegliedert ist, dafür einsetzen. Den Kreis der Zugangsberechtigten will die Patientenbeauftragte der Bundesregierung auf mehrfach, schwer und chronisch Kranke begrenzen.

Gertraud Kamski fiele nicht unter diese Definition. Bei ihrem Modellprojekt zählt das Alter, es richtet sich an alle geriatrischen Patienten. Die 83-Jährige ist froh, dass sie von dem Projekt der Patientenlotsen profitieren kann.

"Den Bedarf, die Patientenlotsen auszuweiten sehe ich durchaus", meint auch Patientenbeauftragte Schmidtke. Doch sie will zunächst weiter analysieren, ob sich Patientenlotsen bewähren. "Und letztlich müssen wir das Gesamtsystem im Blick haben und schauen, ob dafür dann Geld da ist."

Patientenlotsen: Patientenbeauftragte für flächendeckenden Einsatz
Claudia Plaß, ARD Berlin
07.03.2019 19:13 Uhr

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Über dieses Thema berichtete NDR Info am 07. März 2019 um 16:00 Uhr.

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