Prozess Stephan B. | Bildquelle: Jens Schlueter/POOL/EPA-EFE/Shut

Mutmaßlicher Attentäter von Halle Wollte "nichts mehr für diese Gesellschaft tun"

Stand: 21.07.2020 15:12 Uhr

Der rechtsterroristische Anschlag auf die Synagoge in Halle erschütterte vor rund neun Monaten Menschen weltweit. Nun ist der Prozess gestartet - gleich zu Beginn wollte der Angeklagte Stephan B. aussagen.

Mit gut zweistündiger Verspätung hat der Prozess um den antisemitischen Terroranschlag von Halle in Magdeburg begonnen. Die Verzögerung kam aufgrund des großen internationalen Medieninteresses sowie der strengen Sicherheitskontrollen zustande.

Zunächst wurde die Anklageschrift verlesen. Dem 28-jährigen Stephan B. werden Mord in zwei Fällen und versuchter Mord in neun Fällen vorgeworfen. Ihm droht bei einer Verurteilung eine lebenslange Freiheitsstrafe. Zudem kommt eine anschließende Sicherungsverwahrung in Betracht. Zu Beginn kündigte der Angeklagte an, eine Aussage machen zu wollen.

"Die Tat hat keinen Bezug zu meiner Familie"

Zum Auftakt im Prozess ging es dem Gericht vor allem um persönliche Angaben des Tätverdächtigen, die er allerdings nur widerwillig machte. "Die Tat hat keinen Bezug zu meiner Familie", sagte Stephan B. Auf Nachfragen der Vorsitzenden Richterin sagte er, seine Eltern hätten sich getrennt, als er 14 oder 15 Jahre alt gewesen sei. Das Verhältnis zu beiden Eltern und Schwestern sei gut. Seine Lieblingsfach in der Schule sei Biologie gewesen, Englisch seine Schwäche. Gute Freunde habe er nicht gehabt, er sei auch in keinem Verein gewesen. Er habe vor allem Interesse am Internet gehabt, weil man sich dort frei unterhalten könne.

Nach dem Abitur habe er einen verkürzten Wehrdienst absolviert, sei sechs Monate Panzergrenadier in Niedersachsen gewesen. Er habe den Wehrdienst "anstrengend und doof" gefunden, es sei "keine richtige Armee" gewesen. Zum Studium sei er nach Magdeburg gegangen. Er habe es wegen einer Krankheit abgebrochen, habe danach keine Pläne mehr für die Zukunft gehabt und in den Tag hineingelebt. "Nach 2015 hab ich entschieden, nichts mehr für diese Gesellschaft zu tun", sagte der 28-Jährige. Da sich der Angeklagte auch rassistisch äußerte, rügte ihn die Vorsitzende Richterin bei der Wortwahl und drohte ihm mit dem Ausschluss vom Verfahren.

Mordanschlag auf Juden in Synagoge geplant

Stephan B. sitzt auf der Anklagebank, weil er beschuldigt wird, am 9. Oktober 2019 in Halle eine 40 Jahre alte Passantin und in einem Döner-Imbiss einen 20 Jahre alten Mann erschossen zu haben. Er muss sich auch dafür verantworten, seine Tat gefilmt und per Livestream im Internet übertragen zu haben.

Aus einer antisemitischen, rassistischen und fremdenfeindlichen Motivation heraus soll er den Mordanschlag auf Juden in der Synagoge in Halle geplant haben. Er versuchte dabei mit Sprengsätzen und Schusswaffen in die abgeschlossene Synagoge zu gelangen, in der sich zum höchsten jüdischen Feiertag Jom Kippur 52 Gläubige aufhielten. Er scheiterte aber an der Tür.

Prozessbeginn in Magdeburg gegen mutmaßlichen Attentäter von Halle
tagesschau 16:00 Uhr, 21.07.2020, Steffen Lipsch, MDR

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Zentralrat der Juden fordert volle Härte des Gesetzes

Zum Prozessauftakt rief der Zentralrat der Juden dazu auf, beim Urteil die volle Härte des Gesetzes anzuwenden. Zudem müssten die Hintergründe der Tat lückenlos aufgearbeitet und der Frage nachgegangen werden, ob der Attentäter Unterstützer hatte und in rechte Netzwerke eingebunden war, erklärte Zentralratspräsident Josef Schuster in Berlin.

Aus Platzgründen Verhandlungen in Magdeburg

Stephan B. sitzt seit dem Tag des Anschlags in Untersuchungshaft. Zuständig für den Prozess ist das Oberlandesgericht Naumburg. Aus Platzgründen wird allerdings in den Räumlichkeiten des Magdeburger Landgerichts verhandelt - in Sachsen-Anhalts größtem Gerichtssaal, der ehemaligen Bibliothek des Landgerichts. Der Saal umfasst mehr als 300 Quadratmeter. Platz, der zwingend notwendig ist. Allein die Zahl der Nebenkläger ist enorm. Rund 40 sind zum Verfahren zugelassen.

Richterin leitete "König von Deutschland"-Prozess

Den Prozess leitet Ursula Mertens. Seit 2019 ist sie Vorsitzende Richterin am Oberlandesgericht Naumburg. Für Mertens ist es die erste Gerichtsverhandlung in dieser Größenordnung. Allerdings kann sie auf viel Erfahrung mit Prozessen von hohem öffentlichen Interesse zurückgreifen. Seit mehr als 20 Jahren verhandelt sie Strafprozesse - während ihrer Zeit als Richterin am Landgericht Halle unter anderem den Prozess um Peter Fitzek, besser bekannt als selbst ernannter "König von Deutschland".

Die Verteidigung des Angeklagten hat der Rechtsanwalt Hans-Dieter Weber aus Karlsruhe inne. Er ist dem Angeklagten als Pflichtverteidiger zugewiesen worden. Mit Interviews und sonstigen Statements hielt sich Weber bisher stark zurück. Kurz nach dem Attentat bestätigte er jedoch dem SWR das Geständnis seines Mandanten. Er erklärte außerdem, dass dieser Kräfte am Werk sehe, die im Verborgenen wirkten und auf die Politik einwirken könnten.

Für Sachsen-Anhalt ist es ein Prozess, wie ihn das Bundesland noch nicht erlebt hat. Auch die politische Dimension ist groß. Es geht um die Frage, wie sich der Angeklagte unbemerkt von den Behörden radikalisieren und mehrere Waffen sowie Sprengsätze selber bauen konnte.

Mit Informationen von Kalina Bunk, MDR

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 21. Juli 2020 um 11:00 Uhr.

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