Stuttgart: Passanten sitzen auf dem Schlossplatz mit Mund-Nasen-Bedeckung auf einer Bank. | Bildquelle: dpa

Corona-Pandemie Stuttgart bittet Bundeswehr um Hilfe

Stand: 11.10.2020 14:59 Uhr

Berlin, Frankfurt, Köln - nun Stuttgart. Die Landeshauptstadt hat ebenfalls den kritischen Corona-Warnwert überschritten. Die Behörden sehen sich bei der Kontaktnachverfolgung an ihren Grenzen, nun soll die Bundeswehr helfen.

Die Zahl an bundesweiten Corona-Neuinfektionen ist Mitte der Woche sprunghaft angestiegen - besonders die Großstädte bereiten dabei Sorgen. Nach Berlin und Frankfurt am Main musste am Samstagabend auch Stuttgart die Überschreitung des kritischen Wertes von 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner in sieben Tagen melden. Die baden-württembergische Hauptstadt will nun schnell gegensteuern.

"Die Zahlen steigen auf besorgniserregende Weise an, und zwar so stark, dass das Gesundheitsamt die für die Kontrolle der Pandemie so wichtige Kontaktpersonennachverfolgung nicht mehr gewährleisten kann", erklärte Stefan Ehehalt, Leiter des Stuttgarter Gesundheitsamts. Deswegen sollen für die Nachverfolgung nun die gesamte Stadtverwaltung mobilisiert und die Unterstützung der Bundeswehr angefordert werden. Stuttgarts Oberbürgermeister Fritz Kuhn sagte nach einer Telefonkonferenz zur Lagebesprechung, es müsse entschieden gehandelt werden, um die Zahlen wieder zu drücken. "Nur so können wir Schulen, Kitas, Wirtschaft und Handel offen halten. Nur so kann es gelingen, dass wieder alle Fälle durch das Gesundheitsamt nachvollzogen werden können."

Auch Essen reißt Warnwert

Bundesweit kratzen immer mehr Städte an der kritischen Zahl von 50 Neufällen pro 100.000 Einwohnern. Überschritten haben sie Berlin, Frankfurt am Main, Bremen und Köln. Heute teilte das Landeszentrum Gesundheit in Nordrhein-Westfalen mit, dass auch Essen mit einer Sieben-Tage-Inzidenz von 57,3 klar über dem Warnwert liegt.

Bundesweit stieg die Zahl der mit dem Coronavirus infizierten Menschen am Sonntag um 3483 an, wie das Robert-Koch-Institut mitteilte. Von Mittwoch auf Donnerstag war der Wert von 2828 auf 4058 erheblich gestiegen, von Donnerstag auf Freitag lag die Zahl bei 4516. Am Samstagmorgen waren es 4721 neue Fälle. An Sonntagen wie auch an Montagen sind die erfassten Fallzahlen erfahrungsgemäß meist niedriger, auch weil am Wochenende nicht alle Gesundheitsämter Daten an das RKI melden.

Die Reproduktionszahl, kurz R-Wert, lag nach RKI-Schätzungen vom Samstag bei 1,42 (Vortag: 1,34). Das bedeutet, dass ein Infizierter im Mittel rund 1,4 weitere Menschen ansteckt. Der R-Wert bildet jeweils das Infektionsgeschehen etwa eineinhalb Wochen zuvor ab.

Ministerpräsidenten warnen

Angesichts der deutlich steigenden Zahlen riefen mehrere Ministerpräsidenten die Bürger zu Disziplin auf. "Es wird langsam gefährlich", sagte Bayerns Regierungschef Markus Söder der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung". In der "Bild am Sonntag" plädierte er für ein bundesweit einheitliches Bußgeld von 250 Euro für Maskenverweigerer. Es sei Zeit für konsequentes Handeln, sagte Söder weiter. "Wenn wir zu lange zögern, besteht die Gefahr eines zweiten Lockdowns." Söder nannte Sperrstunden und das Verbot größerer Partys und Feiern für eine gewisse Zeit. 

Sein baden-württembergischer Kollege Winfried Kretschmann forderte die Menschen auf, nicht mehr alles zu machen, "was sie noch dürfen". Der Grünen-Politiker fügte hinzu: "Man muss gerade keine Party bei sich zu Hause oder in der Gaststätte feiern."

Sachsens Regierungschef Michael Kretschmer appellierte in der "Welt am Sonntag" ebenfalls an die junge Generation: "Jetzt sind nicht volle Partys gefragt, sondern Vorsichtsmaßnahmen - und Kontrolle." Der CDU-Politiker verteidigte schärfere Regeln. "Wir brauchen jetzt gewisse Instrumente, um der Lage Herr zu werden. Wir wollen unser gesellschaftliches und wirtschaftliches Leben weitgehend erhalten."

Merkel und Bürgermeister berieten über Ballungsräume

Am Freitag hatte Kanzlerin Angela Merkel mit den Oberbürgermeistern der elf größten deutschen Städte über die Lage beraten. An der Entwicklung in den Ballungsräumen zeige sich, "ob wir die Pandemie in Deutschland unter Kontrolle halten können oder ob uns die Kontrolle entgleitet", hatte Merkel betont. Der vereinbarte Maßnahmenkatalog sieht unter anderem die Entsendung von Experten des RKI und der Bundeswehr vor, wenn die Schwelle von 35 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner in sieben Tagen überschritten wird. Ab 50 Infektionen pro 100.000 Einwohner soll es neue Beschränkungen geben.

Über dieses Thema berichtete am 11. Oktober 2020 Deutschlandfunk um 14:00 Uhr in den Nachrichten und tagesschau24 um 16:00 Uhr.

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