Markus Söder | Bildquelle: AFP

Markus Söder Der Machthungrige

Stand: 04.12.2017 09:51 Uhr

Fleißiger Lautsprecher, Vermarktungsprofi und Bayern-Liebhaber. Dem kommenden bayerischen Ministerpräsidenten Söder lassen sich viele Etiketten anheften. Klar ist, er strebt nach Macht und ähnelt damit dem jungen Seehofer. Doch Söders Vorbilder sind andere.

Von Sebastian Kraft, BR

Markus Söder gilt als das größte Talent, das die CSU hat. Zielstrebig, fleißig und als Finanzminister erfolgreich. Dennoch halten ihn nicht alle in der CSU für einen geeigneten Nachfolger von Horst Seehofer - nicht aus inhaltlichen Gründen, sondern persönlichen. Die schwierigste Aufgabe für Söder wird es nun sein, die gespaltene Partei zu einen oder zumindest dazu beizutragen.

Fleißig auf Achse

Wer Markus Söder live erleben will, hat in Bayern viele Gelegenheiten. 88.600 Kilometer legt er im Jahr zurück, rund 1000 Termine, davon 400 öffentlich. Rauf und runter im Freistaat, immer auf Achse, fast jede Ecke hat er schon bereist, Bierfässer angezapft, Reden gehalten, Selfies gemacht. Als Heimatminister hat er den nördlichsten Punkt Bayerns eingeweiht, den östlichsten vermessen lassen - den tiefsten allerdings nicht und der wird so schnell wohl auch nicht dazu kommen. Denn von Tiefpunkten will Söder nichts wissen, er befindet sich jetzt auf dem Höhepunkt seiner politischen Karriere und dicht vor seinem großen - manche sagen seinem einzigen - Ziel, bayerischer Ministerpräsident zu werden.

Doch wer Markus Söder auf einem dieser Termine erlebt, sollte sich nicht zu viel davon versprechen. Söder bleibt nie besonders lange. Ankunft, Applaus, Rede halten (mit der Auflage, dass seine Vor- und Nachredner sich bitte möglichst kurz zu fassen haben), ein paar Fotos, Smalltalk und weiter geht es. Wer es schafft, ihm die Hand zu schütteln und in ein Gespräch zu verwickeln, sollte sein wichtigstes Anliegen sofort ansprechen und bloß nicht um den heißen Brei herumreden. Denn Söder ist immer schnell bei der nächsten Hand.

Söder und die CSU - keine Liebesheirat

Scheinbar rastlos und ruhelos tourt Söder seit Jahren durch Bayern, eine Art Dauerwahlkampf, um einmal an der Spitze des Freistaats zu stehen. Söder weiß, wie die CSU tickt, und seine Partei weiß, was sie an ihm hat: klare Kante, knackige Statements, bundesweite Präsenz in Medien und Talkshows. Um sich in Deutschland Gehör zu verschaffen, weiß die regional auf Bayern begrenzte CSU, dass sie einen Lautsprecher braucht.

Was nicht bedeutet, dass die Partei Söder zu Füßen liegt. Sie versammelt sich nur hinter demjenigen, den sie für den stärksten hält: "Wir wissen nicht, ob wir mit Söder die Wahlen gewinnen", sagt ein langjähriges Mitglied der Landtagsfraktion in München, "aber wir wissen, dass wir sie mit Horst Seehofer verlieren." Die Entscheidung der CSU für Söder ist keine Liebesheirat - eher eine politische Notwendigkeit.

Markus Söder | Bildquelle: dpa
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Markus Söder macht 2015 in Coburg in der Mitte einer Sambagruppe ein Selfie.

Kein Mann für Graustufen

Denn viele kennen auch Söders große Schwäche: Er kennt oft nur schwarz oder weiß. Getreu dem Motto: Bist du für mich - oder gegen mich. Das sei schon zu JU-Zeiten so gewesen, erzählen Weggefährten. Da das Leben oft eher Graustufen aufweist, sorgt das schon mal für Probleme. Das größte hatte Söder über Jahre mit Seehofer. Der hat ihm eigentlich eine große Spielwiese geschenkt, die Söder politisch auch erfolgreich beackerte: Finanz- und Heimatministerium mit zweitem Dienstsitz in Söders Heimatstadt Nürnberg, zuständig für das Megathema Digitalisierung, ausgestattet mit üppigem Etat.

Gab es große Katastrophen wie die Flut 2013 in Bayern, vertraute Seehofer Söder die Verteilung der Hilfsgelder an - in dem Wissen, dass das dann reibungslos ohne großes Aufregen funktioniert. Söders Maschinenraum - sein Finanz- und Heimatministerium - ist bestens geölt, Probleme werden angepackt und gelöst. Wirbel oder Kritik gibt es selten. Wenn doch, dann hatte Söder meistens eine Antwort parat und alles "politisch abgeräumt".

Wie der junge Seehofer

Der Konflikt zwischen Söder und Seehofer hat die bayerische Landespolitik über Jahre überlagert und ist umso erstaunlicher, weil sich beide politisch nur in Nuancen unterscheiden und bei großen Themen wie den Asylfragen einen ähnlichen Kurs fahren. Woher kommt also das große Zerwürfnis zwischen Söder und Seehofer, das 2012 in einer denkwürdigen Münchner Weihnachtsfeier gipfelte, in der Seehofer Söder öffentlich "charakterliche Schwäche" und "Schmutzeleien" attestierte? Die Vorwürfe haben Söder hart getroffen und verfolgen ihn bis heute.

Seine Leute können sich diesen Hass von Seehofer nicht erklären. Seehofers Leute haben dagegen immer sofort eine Erklärung parat: Söders Charakter. Was auch immer stimmen mag, oft wird erzählt: Seehofer sieht in Söder den jungen Seehofer. Beide sind sich zu ähnlich, beide sollen innerparteilich ähnlich brachial durchregieren, wenn es drauf ankommt.

Mitglieder der Jungen Union Bayern stehen neben Markus Söder mit Schildern mit der Aufschrift ''MP Söder!'' | Bildquelle: dpa
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Die Junge Union sprach sich Anfang November bereits klar für Söder aus.

Vermarktungsprofi mit großem Ego

Einen entscheidenden Unterschied gibt es zwischen Seehofer und Söder allerdings: Während Seehofer oft als Einzelgänger agierte und nur wenigen Parteifreunden vertraute, ist Söder ein begnadeter Netzwerker. Der gebürtige Nürnberger ist mit 16 Jahren in die CSU eingetreten und verstand es sich mit Fleiß und Akribie, eine immer größer werdende Gefolgschaft aufzubauen. Mit 27 Jahren zog der Mittelfranke in den Landtag ein, mit 36 machte ihn Edmund Stoiber zum CSU-Generalsekretär, mit 40 wurde er Minister. Erst im Europaressort, später Umwelt und Lebensmittelsicherheit und schließlich das mächtige Finanz- und Heimatministerium.

Der gelernte Jurist und Fernsehredakteur denkt vor allem in Bildern. Die sind dann meistens auf ihn zugeschnitten: Söder streichelt Welpen, Söder füttert Robben, Söder in einer venezianischen Gondel in einem Münchner Schlosspark. Als Vorsitzender der Jungen Union ließ er T-Shirts mit seinem Konterfei drucken. Alles ist auf ihn zugeschnitten. Während andere Minister bei Pressekonferenzen auch mal fachkundige Mitarbeiter Auskunft geben lassen, kann es bei einer Pressekonferenz von Söder schon mal passieren, dass sein neben ihm sitzender Staatssekretär kein Wort sagt.

Die bisherigen Ministerpräsidenten Bayerns

1945: Fritz Schäffer
1945-1946: Wilhelm Hoegner
1946-1954: Hans Ehard
1954-1957: Wilhelm Hoegner
1957-1960: Hanns Seidel
1960-1962: Hans Ehard
1962-1978: Alfons Goppel
1978-1988: Franz Josef Strauß
1988-1993: Max Streibl
1993-2007: Edmund Stoiber
2007-2008: Günther Beckstein
seit 2008: Horst Seehofer

Loyalität ist Grundbedingung im "Team Söder"

Wer zum engeren "Team Söder" gehört, muss hundertprozentige Loyalität aufweisen und damit leben, dass Söder alle Lorbeeren abräumt, die in noch so entfernten Winkeln zu finden sind. Doch Söder belohnt auch: Er lässt bei seinen engeren Mitarbeitern viel Nähe zu, hört sie an, nimmt Ratschläge entgegen und setzt sie nicht selten auch um.

Harte Schale, weicher Kern? Man muss es aushalten, pausenlos SMS zu bekommen, kann es aber auch als Chance sehen, etwas gemeinsam im Team zu gestalten. Läuft ein Tag gut, geht Söder mit seinen Leuten zum Abschluss auch mal spontan in eine Kneipe. Auch wenn es in Konflikten mal laut wird, als nachtragend gilt Söder nicht. So einige haben es mit ihm nicht mehr ausgehalten - doch er hilft, wo er kann bei der Vermittlung neuer Jobs.

Markus Söder | Bildquelle: Facebook-Seite Markus Söder
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Söder mit seinem Vorbild Strauß. Das Bild postete er auf seinem Facebook-Profil.

Strauß-Poster über dem Bett

Für Berlin hat sich Söder nie groß interessiert, hat sich sogar der Aufforderung von Seehofer widersetzt, im Dienste der Partei bei den Bundestagswahlen 2017 anzutreten. Doch für Bayern, das bescheinigen ihm selbst seine politischen Gegner, brennt er, verteilt mit der Gießkanne Fördergelder, denkt auch an die hintersten Winkel des Freistaats. Dabei hat er das Wohl der Bürgerinnen und Bürger genauso im Blick wie sein eigenes. Hier kopiert er das Erfolgsmodell seiner Vorbilder Franz Josef Strauß (sein Poster hängte sich der Jugendliche Söder übers Bett) und Edmund Stoiber. In deren Tradition sieht sich Söder gerne. Jetzt muss er allerdings den Beweis antreten, dass er das Zeug dazu hat, bayerische Geschichte mitzuschreiben.

Über dieses Thema berichtete am 04. Dezember 2017 B5 aktuell um 09:08 Uhr und die tagesschau um 12:00 Uhr.

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