RKI-Chef Wieler "Wir müssen jetzt handeln"

Stand: 15.04.2021 11:12 Uhr

Bundesgesundheitsminister Spahn und RKI-Chef Wieler haben eindringlich zur Eindämmung der Corona-Pandemie aufgerufen. Dazu seien auch weitere Einschränkungen nötig. Sonst drohe eine Überlastung der Kliniken.

Die aktuelle Infektionsdynamik bereitet dem Präsidenten des Robert Koch-Instituts, Lothar Wieler, große Sorgen. "Wir müssen jetzt handeln und damit Menschenleben retten", sagte er in der Bundespressekonferenz in Berlin. Die Zahl der neuen Fälle sei zu hoch, weshalb eine Überlastung des Gesundheitssystems drohe: "Die Lage in den Krankenhäusern spitzt sich teilweise dramatisch zu."

Brisante Lage auf Intensivstationen

Er wies vor allem auf die Situation auf den Intensivstationen hin. Dort steige die Zahl der Patienten kontinuierlich an. In einigen Städten seien jetzt schon kaum noch freie Intensivbetten. Gleichzeitig müssten viele Stationen ihren Betrieb wegen Personalmangel einschränken. Er betonte, dass auch immer mehr Jüngere in Kliniken behandelt werden müssten, denn die meisten Neuerkrankungen seien mittlerweile bei den 15- bis 49-Jährigen zu verzeichnen. Das liege auch an der besonders ansteckenden Virusvariante B.1.1.7, die einen Anteil von 90 Prozent erreicht habe.

Es müsse deshalb dringend gegengesteuert werden, etwa durch Kontaktreduktion und andere bekannte Strategien. Weitere Öffnungsschritte seien deshalb nicht möglich: "Wir müssen zuerst die dritte Welle brechen." Es sei zwar positiv, dass mittlerweile 17 Prozent der Bundesbürger mindestens einmal geimpft seien. "Der Großteil der Bevölkerung ist eben nicht geimpft." Und sehr viele Menschen müssten noch monatelang auf ihre Impfung warten. Und auch Tests seien kein Allheilmittel: "Wir müssen die Zahlen runterbringen. Es ist naiv zu glauben, das Virus wegtesten zu können. Das funktioniert nicht."

"Jeder Tag zählt"

Gesundheitsminister Jens Spahn zeigte sich tief besorgt. "Die Lage ist ernst und jeder Tag zählt", so der CDU-Politiker. "Was wir jetzt versäumen, rächt sich in zwei bis drei Wochen. Genauso wie sich jetzt rächt, was vor zwei, drei Wochen nicht entschieden wurde." Er appellierte deshalb an die Bundesländer, umgehend weitere Einschränkungen zu verfügen und nicht bis Mitte nächster Woche zu warten, bis der Bundestag das neue Infektionsschutzgesetz mit der bundesweiten Notbremse beschlossen habe.

Es brauche entschiedenes Handeln und weitere Einschränkungen, denn "impfen und testen allein reichen nicht, um die dritte Welle zu brechen". Zwar würden derzeit täglich etwa eine halbe Million Menschen geimpft, doch diese Effekte kämen wegen des exponentiellen Wachstums noch nicht zum Tragen. Das zeigten auch Beispiele aus anderen Ländern, die schon deutlich mehr Menschen geimpft hätten, wie die USA, Großbritannien oder Chile. "Wir müssen erst die Zahlen in den Griff kriegen."

"Wir haben fünf nach zwölf"

Zuvor hatten Intensivmediziner die Politik aufgerufen, schnell strengere Corona-Maßnahmen zu beschließen. "Wir können es uns nicht leisten, noch wochenlang zu diskutieren", sagte der medizinisch-wissenschaftliche Leiter des DIVI-Intensivregisters Christian Karagiannidis dem "Tagesspiegel". So eine Situation habe er in 20 Jahren als Arzt noch nicht erlebt: "Wir sind den Tod gewohnt, aber so etwas hat es noch nicht gegeben."

Der frühere Präsident der Vereinigung, Uwe Janssens, sagte im Fernsehsender Phoenix: "Wir haben fünf nach zwölf, ihr müsst jetzt handeln, es muss jetzt eine Strategie verfolgt werden, die bundesweit einheitlich gilt." Wären die vor Wochen beschlossenen Maßnahmen flächendeckend umgesetzt worden, hätte man die aktuelle Entwicklung mit einem starken Anstieg der Infektionszahlen noch abschwächen können.

Keine Reserven mehr

Der Intensivmediziner Steffen Weber-Carstens von der Berliner Charité betonte die brisante Lage, die auch zu Lasten von Patienten mit anderen Krankheiten gehe. In einigen Regionen gebe es nur noch zehn Prozent freie Kapazitäten. "Was bedeuten zehn Prozent? Die durchschnittliche Größe der Intensivstationen ist zehn bis zwölf Betten. Das bedeutet: pro Intensivstation genau ein Bett." Dies werde auch vorgehalten für Patienten zum Beispiel mit Schlaganfall oder schweren Unfällen.

Patienten würden von stark belasteten Regionen bereits in andere Regionen umverteilt, Thüringen etwa habe strategische Patientenverlegungen angefragt. Auch verschieben viele Kliniken bereits wieder planbare Eingriffe - was auch für Nicht-Covid-19-Patienten eine erhebliche Einschränkung der Versorgung bedeute.

Spahn warnt vor Überlastung

Das Intensiv-Register verzeichnet täglich die Zahl der verfügbaren Intensivbetten in deutschen Krankenhäusern. Seit Mitte März macht sich das verstärkte Infektionsgeschehen auch auf den Intensivstationen bemerkbar. Die Vereinigung erwartet, dass der bisherige Höchststand von etwa 6000 Covid-19-Intensivpatienten noch im April wieder erreicht wird. 

Auch nach Auffassung des Bundesgesundheitsministers sei die klinische Situation nicht fehlzuinterpretieren. "Schon jetzt können wir absehen, dass ohne einen Stopp dieser Entwicklung unser Gesundheitssystem an den Rand seiner Kapazität gelangen wird", so Spahn heute in Berlin.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 15. April 2021 um 09:00 Uhr.

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