Studenten bei einer Vorlesung im Hörsaal der Uni Ulm | Bildquelle: dpa

Qualifikation durch Berufspraxis Rekord bei Studenten ohne Abitur

Stand: 05.04.2018 08:43 Uhr

Studenten ohne Abitur sind an deutschen Hochschulen längst keine Exoten mehr: Die Zahl derjenigen, die sich über eine Berufsausbildung für ein Studium qualifizieren, erreichte 2016 ein Rekordhoch.

Studium ohne Abitur? Das ist in Deutschland möglich - und die Zahl junger Menschen, die diesen Weg wählen, ist so hoch wie nie. Seit 2010 hat sie sich verdoppelt, wie eine Erhebung des CHE Centrums für Hochschulentwicklung zeigt.

Nach der aktuellen Berechnung des CHE waren es 2016 fast 57.000 Personen. 55 Prozent der Studienanfänger ohne Abitur wählen demnach ein Fach aus den Rechts-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften. Jeder Fünfte studiert Ingenieurwissenschaften. Knapp zwei Drittel entscheiden sich dabei für ein Studium an einer Fachhochschule oder einer Hochschule für angewandte Wissenschaften.

Auszubildende lernen den Umgang mit einer Standbohrmaschine.
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Die Note der Meister- oder Fachwirtprüfung kann etwa die Abiturnote bei der Studienbewerbung ersetzen.

Auch Medizinstudium nicht ausgeschlossen

Fast jeder Zweite unter den Studienanfängern ohne allgemeine Hochschul- oder Fachhochschulreife ist älter als 30 Jahre. Das liegt wohl vor allem an den Zulassungsvoraussetzungen für ein Studium ohne Abitur: Unter den Möglichkeiten, sich über einen sogenannten Dritten Bildungsweg für ein Studium zu qualifizieren, gibt es seit fast zehn Jahren den Weg über die Berufspraxis. So kann etwa die Note der Meister- oder Fachwirtprüfung die Abiturnote bei der Bewerbung ersetzen. Auch Fächer mit beschränkter Zulassung wie Medizin und Pharmazie können Studienanfänger so belegen. 700 von 107.000 Medizinstudenten haben laut CHE kein Abitur.


Angebote zum lebenslangen Lernen werden angenommen

55 Prozent der Studenten ohne Abitur sind Männer. Auffallend ist aber, dass Frauen häufiger als Männer auch noch im fortgeschrittenen Alter über 40 der Sprung in die akademische Ausbildung wagen.

"Die Zahlen zeigen, dass Angebote zum lebenslangen Lernen im Hochschulbereich immer mehr Zuspruch finden. So war rund ein Drittel der Personen, die ohne vorherigen Erwerb einer allgemeinen Hochschulreife oder einer Fachhochschulreife im Jahr 2016 ein Studium erfolgreich abschließen konnten, älter als 40 Jahre", sagte Sigrun Nickel, Leiterin der Hochschulforschung beim CHE. "Von der mitgebrachten Berufs- und Lebenserfahrung können im Seminar-Alltag sowohl Kommilitoninnen und Kommilitonen, die direkt nach der Schule ins Studium gewechselt sind, als auch Lehrende profitieren", meint die Expertin.

"Keine Exoten mehr"

Insgesamt liegt der Anteil derjenigen ohne Abitur an allen Studienanfängern bei 2,6 Prozent. Die Daten des CHE zeigen auch, dass immer mehr Studenten ohne Abitur das Studium erfolgreich abschließen. 2016 erreichte die Zahl mit 7200 Absolventen ihren vorläufigen Höchstwert.

"Die Kombination von Berufs- und Hochschulbildung wird immer mehr zum Normalfall", sagte CHE-Geschäftsführer Frank Ziegele. "Gelernte Krankenpfleger oder Handwerksmeisterinnen sind heute keine Exoten mehr auf dem Campus, sondern gehören zur selbstverständlichen Vielfalt der Studierenden an deutschen Hochschulen."

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 05. April 2018 um 8:05 Uhr.

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