Einheiten der Polizei stehen in der Innenstadt von Stuttgart. | Bildquelle: dpa

Nach Randalen in Stuttgart Was von den Krawallen bleibt

Stand: 22.09.2020 17:32 Uhr

Plünderungen, Gewalt gegen Polizeikräfte - die nächtliche Randale in Stuttgart sorgte bundesweit für Schlagzeilen. Drei Monate später hat sich einiges verändert - doch Normalität ist nicht eingekehrt.

Von Julia Henninger, SWR

Musik ertönt aus den Boxen, Jugendliche sitzen in Gruppen rund um den Eckensee, trinken, feiern. Der See ist immer noch ein beliebter Partytreffpunkt in der Stuttgarter Innenstadt. Und auch sie sind da: Polizeikräfte.

Drei Monate nach den schweren Krawallen sind sie inzwischen deutlich präsenter. In Gruppenstärke laufen sie durch den Park. "Wir sind weiter mit einem verstärkten Kräfteaufgebot in den Wochenendnächten unterwegs", sagt Polizeisprecherin Monika Ackermann. An den Wochenenden stellen sie mobile Beleuchtungsmasten für mehr Sicherheit auf. "Gewaltexzesse hat es nicht mehr gegeben. Aber es kommt immer mal wieder zu Auseinandersetzungen zwischen Gruppen", sagt Ackermann

Baden-Württembergs Innenminister Thomas Strobl (CDU) versichert: "Wir haben die Lage im Griff." In Stuttgart habe sich die Krawallnacht nicht wiederholt.

Ermittlungen gehen weiter

Doch Normalität ist noch nicht eingekehrt. Am Eckensee ging in der Nacht zum 21. Juni alles los. Polizeikräfte kontrollierten eine verdächtige Person. Die Kontrolle eskalierte, Hunderte Jugendliche zogen randalierend und plündernd durch die Innenstadt.

32 Polizisten erlitten Verletzungen, Polizeiwagen wurden demoliert, ein Sanitätsfahrzeug mit Insassen mit Steinen beworfen.

Strobl verurteilte heute erneut die Gewalt. Und er verkündete die aktuellen Zahlen: Die Ermittlungsgruppe "Eckensee" habe 93 Tatverdächtige identifiziert.

"Wir haben mehrere Dutzend Haftbefehle in Vollzug gesetzt", so Strobl. "Die klare Botschaft ist: Wir kriegen euch!", so der baden-württembergische Innenminister. Die Ermittlungen würden weitergehen, immense Datenmengen würden ausgewertet.

Tatverdächtige sind jung, männlich, oft polizeibekannt

Eines haben die bisher ermittelten Tatverdächtige gemeinsam: Sie sind jung und überwiegend männlich. Ansonsten seien sie sehr heterogen. Da gebe es den 13-jährigen syrischen Flüchtling, aber auch den 29-jährigen Deutschen, der eine Ausbildung abgeschlossen hat, so Strobl.

Knapp 70 Prozent der Tatverdächtigen haben die deutsche Staatsbürgerschaft. Gut 70 Prozent der deutschen Tatverdächtigen haben einen Migrationshintergrund. "72 Prozent der ermittelten Tatverdächtigen sind bereits in der Vergangenheit durch die Begehung von Straftaten polizeilich in Erscheinung getreten", sagte Strobl.

Zu große Konzentration auf polizeiliche Ermittlungen?

Albert Scherr, Leiter des Instituts für Soziologie an der Pädagogischen Hochschule Freiburg gibt Fortbildungen für Streetworker auch in Stuttgart. Er kritisiert, dass es bei der Aufklärung bisher vor allem um die Täterermittlung gehe und die Tatnacht aus Sicht der Polizei aufgearbeitet werde. "Es wurde bisher nicht gründlich aufgeklärt, wie es zur Auseinandersetzung kam", so Scherr.

Es gebe eine Vielzahl von Faktoren, warum sich die Situation so hochgeschaukelt habe: Die Corona-Maßnahmen, die Bilder der Rassismus-Proteste in den USA, die Aversionen eines Teils der Jugendlichen gegen die Polizei. Warum gibt es diese? Und wie kann das künftig verbessert werden? Das alles müsse aufgearbeitet werden und dazu bräuchte es nicht nur die Polizei, sondern auch Sozialarbeiter und Soziologen.

Kooperation von Stadt und Land

Stadt und Land haben ein Konzept für mehr Sicherheit entwickelt. Auch darauf verwies Strobl heute. Es wurden zehn Maßnahmen vereinbart, unter anderem die Videoüberwachung. Auch wurden fünf Streetworker-Stellen geschaffen. "Im November sollen die neuen Streetworker mit ihrer Arbeit beginnen. Sie werden vernetzt arbeiten - die jungen Leute haben ja auch einen Wohnort, eine Schule. Die Streetworker sollen Kontakte herstellen zu den Jugendhäusern und Schulen am Wohnort", sagt Isabel Fezer, Bürgermeisterin für Jugend und Bildung.

Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) lobte heute erneut die Arbeit der Polizei und machte klar: "Der öffentliche Raum muss für alle zugänglich sein - jede und jeder muss sich dort sicher fühlen, überall und zu jeder Zeit. Daran werden wir unser Handeln ausrichten."

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 22. September 2020 um 17:00 Uhr.

Darstellung: