Tanzende Menschen | Bildquelle: picture alliance / dpa

Studien zur Corona-Verbreitung Die "Superspreader" sind entscheidend

Stand: 30.05.2020 12:28 Uhr

Bei der Verbreitung der Coronaviren richtete die Wissenschaft lange das Augenmerk auf die Infizierten. Doch neue Studien zeigen: Es sind vor allem die Ereignisse, die Masseninfektionen möglich machen.

Von Monika Kunze, WDR

Eine Après-Ski Bar in Ischgl, eine Chorprobe in Berlin, eine Karnevalsfeier in Gangelt: An diesen Orten steckten sich sehr viele Menschen mit dem Coronavirus an. Und in allen Fällen war vermutlich eine einzige Person der Ausgangspunkt. Es handelt sich um klassische "Superspreading Events". Frei übersetzt: um Superverteilungsereignisse.

Zu solche Ereignissen kommt es unter speziellen Bedingungen: Ein Infizierter, der unbemerkt hoch ansteckend ist, trifft auf eine Menschenansammlung und macht Dinge, bei denen viele Tröpfchen oder virenbeladene Aerosole entstehen. Das kann lautes Sprechen auf einer Party oder auch Singen in einem Probenraum sein. Es kommt also auf vieles an, nicht nur auf die hochinfektiöse Person. Theoretisch kann jeder zum "Superspreader" werden, wenn die Umstände ungünstig sind.

Viele Infektionen durch wenige Infizierte

Bei "Superspreading Events" steckt ein Infizierter gleich Dutzende an. In vielen anderen Fällen aber passiert auch nichts oder nur wenig. Vielleicht wird der Partner krank - und das war es dann auch schon. Es scheint geradezu typisch für Covid-19 zu sein, dass Neuinfektionen unterschiedlich verteilt auftreten. Fachleute sprechen in diesem Zusammenhang von Streuung und bemessen sie mit dem Dispersionsfaktor k. Für Covid-19 ist dieser Faktor noch nicht abschließend bestimmt. Aber verschiedene Schätzungen sprechen für eine große bis mittelgroße Streuung. Eine Studie aus Hongkong lässt vermuten, dass 20 Prozent der Infizierten ungefähr 80 Prozent der Infektionen anstoßen könnten.

Man muss nicht alles gleichermaßen im Auge behalten

Solche Effekte haben Forscher schon bei SARS beobachtet. Dass sie auch bei Covid-19 auftreten könnten, wurde nicht unbedingt erwartet, weil die beiden Krankheiten sich deutlich unterscheiden. SARS startete in der Lunge und machte sofort schwer krank. Nur wenig Patienten kamen auf die Idee, das Bett zu verlassen, und verursachten dann punktuelle Infektionscluster. Bei Covid-19 dagegen fängt alles im Rachen an. Infizierte sind schon ansteckend, bevor sie das erste Kratzen im Hals bemerken. Alle würden herumlaufen und die Krankheit gleichmäßig verteilen, dachte man deshalb. Aber es scheint doch anders zu sein.  

Für die Seuchenbekämpfung ist das eine gute Nachricht. Es bedeutet nämlich: Man muss nicht alles gleichermaßen im Auge behalten, sondern vor allem die von wenigen ausgelösten, aber hochbrisanten Masseninfektionen. Beim Infizierten anzufangen, ist dabei nicht wirklich praktikabel. Ihm ist nicht anzusehen, dass er gerade sehr ansteckend ist. Aber die Ereignisse, bei denen er seine Erreger verteilen könnte, lassen sich kontrollieren. Besonders unübersichtliche Großveranstaltungen wird man vielleicht noch für längere Zeit absagen müssen. In Kitas, Schulen, Pflegeheimen oder Schlachthöfen helfen Masken und Aufmerksamkeit.

Nicht auf Testergebnisse der Kontaktpersonen warten

Der Virologe Christian Drosten empfiehlt in diesem Zusammenhang, an der einen oder anderen Stelle über einen Strategiewechsel nachzudenken. "Wenn wir einen Fall entdeckt haben, müssen wir verstärkt schauen, hatte der in der letzten Zeit eine Sozialsituation, die verdächtig ist im Hinblick auf ein 'Superspreading Event'", so der Berliner Virologe. "Wenn der Infizierte in so einer Verdachtssituation war, muss man alle Personen, die ebenfalls in dieser Verdachtssituation gewesen sind, als infiziert betrachten und sofort isolieren." Auf Testergebnisse der Kontaktpersonen zu warten, hieße wertvolle Zeit zu verlieren.

In Japan zeigte sich bereits, dass so eine Strategie funktionieren kann. Auf sehr harte Lockdown-Maßnahmen hat man dort verzichtet, aber auf "Superspreading Events" geachtet, neue Cluster schnell ausgemacht und alle Kontaktpersonen sofort isoliert. Die Infektionszahlen sinken seitdem langsam, aber beständig. Drosten stimmt das optimistisch. "Ich glaube so langsam, dass wir sogar eine Chance hätten, mit dieser generellen Steuerung von Maßnahmen sogar ohne Impfung glimpflich in den Herbst und in den Winter zu kommen. Ohne eine tödliche neue zweite Welle", sagt er im NDR-Podcast "Coronavirus-Update".

Über dieses Thema berichtete WDR Fernsehen am 29. Mai 2020 um 18:45 Uhr in der Sendung "Aktuelle Stunde".

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