Würzburg | Bildquelle: dpa

Studie "Teilhabe-Atlas" Grundversorgung statt gleichwertiger Verhältnisse?

Stand: 22.08.2019 17:11 Uhr

Deutschland ist nach einer neuen Studie weit von gleichwertigen Lebensverhältnissen in seinen unterschiedlichen Regionen entfernt. Der "Teilhabe-Atlas" empfiehlt daher, dieses Ziel aufzugeben.

Von Uli Hauck, ARD-Hauptstadtstudio

Für Experten ist die Erkenntnis nicht neu: Wo die Kommunen finanzielle Spielräume haben und auch die Menschen gut verdienen, ist auch flächendeckend Teilhabe am gesellschaftlichen Leben möglich. Besonders gut ist deshalb die Lage in Baden-Württemberg, in Teilen Bayerns und im südlichen Hessen. Bei den Großstädten stechen Stuttgart, Frankfurt, Wolfsburg und München hervor, sagt Rainer Klingholz vom Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung.

"Jeder, der in München lebt, weiß: Hier ist es nicht wie in Vorpommern oder in Sachsen-Anhalt. Und umgekehrt sehen die Menschen das auch und sie sehen das nicht unbedingt als Nachteil. Sondern sie sehen auch die Vorteile, die das Leben auf dem Land oder in der Stadt hat, die die anderen gar nicht haben wollen."

Ängste weit verbreitet

Ost-West, Nord-Süd, arm-reich - so einfach lässt sich aus Sicht der Bevölkerungsforscher die Stimmungslage in den einzelnen Regionen nicht analysieren. Denn selbst in einer wirtschaftlich starken Region wie Heilbronn haben die Menschen offenbar Ängste. Beispielsweise wenn es um die Zukunft der Autoindustrie geht. Das überraschte sogar Studienautor Klingholz:

"Dort gibt es sehr hohe Einkommen, dort gibt es keine Arbeitslosigkeit, dort gibt es praktisch keine Kriminalität. Aber über 16 Prozent wählen eine populistische Partei. Das heißt, es muss eine Unzufriedenheit geben. Wenn man mit den Menschen redet, hört man, dass eine Unsicherheit dabei ist."

Auf der anderen Seite gibt es Gegenden in denen Menschen die Lage positiver einschätzen, als sie tatsächlich ist. Das ist dann oft der Fall, wenn eine Aufbruchstimmung herrscht und die Menschen, die Möglichkeit haben ihre Situation zu verbessern, erklärt Manuel Slupina, MItautor der Studie: "Sie können dafür sorgen, dass bestimmte Versorgungslücken wieder geschlossen werden. Und wenn sie dann auch auf die richtige Unterstützung der Politik treffen, dann kann das zu einem optimistischen Bild führen."

Karte Regionen Deutschland
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19 Regionen sind laut einer Studie dreier Bundesministerien besonders gefährdet.

Zielvorgabe aufgeben?

Für die richtige Unterstützung der Politik wäre aus Sicht der Bevölkerungsforscher ein grundsätzlicher Richtungswechsel nötig. Das Ziel bundesweit gleichwertigen Lebensverhältnisse schaffen zu wollen, sollte aufgegeben werden, da letztlich sowieso niemand weiß, was das eigentlich heißt. Stattdessen sollte der Staat flächendeckend eine standardisierte Grundversorgung mit Wasser, Strom, Schulen und vor allem gutem Internetverbindungen bereitstellen. Und den Kommunen - ähnlich wie in Skandinavien - mehr finanzielle Eigenständigkeit geben:

"In Schweden ist es so, dass die kleinen Orte ein Budget bekommen und daraus müssen sie die Schulplanung, die Erziehungsplanung, die Planung für die Alten und für die Gesundheitssysteme, aus diesem Topf verwalten."

Nach Ansicht der Bevölkerungsforscher vom Berlin-Institut müsste diese Maßnahme nicht mehr kosten. Die Bundespolitik müsste aber wirklich akzeptieren, dass die Menschen vor Ort die Experten für ihre Region sind.

Teilhabeatlas Deutschland
Uli Hauck, ARD Berlin
23.08.2019 05:23 Uhr

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Über dieses Thema berichtete MDR aktuell am 22. August 2019 um 17:11 Uhr.

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