Symbolbild Straftat, Silhouette  Männerbeine, Schattenfigur  | Bildquelle: mauritius images

Nordrhein-Westfalen Kinder als Täter: Harte Strafen wirken

Stand: 09.07.2019 08:32 Uhr

Die mutmaßliche Vergewaltigung durch Kinder und Jugendliche in Mülheim/Ruhr schockiert. Wie kann so etwas passieren? Fragen an Christian Lüdke, Psychotherapeut aus Essen.

Nach der mutmaßlichen Vergewaltigung einer 18-jährigen Frau in Mülheim an der Ruhr ist am Montag (08.07.2019) ein 14-jähriger Tatverdächtiger verhaftet worden. Zwei Gleichaltrige und zwei Zwölfjährige sollen beteiligt gewesen sein - sie bleiben vorerst auf freiem Fuß. Kinder-Psychotherapeut Christian Lüdke aus Essen plädiert für ein entschiedenes Vorgehen auch bei sehr jungen Straftätern.

Psychotherapeut Dr. Christian Lüdke
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Christian Lüdke

WDR: Was führt dazu, dass eine Gruppe von Jugendlichen, zwei davon fast noch Kinder, eine solche Tat begeht?

Christian Lüdke: Die Hintergründe liegen oft schon in den Familien begründet. Oft haben solche Jugendliche keine starke emotionale Bindung erlebt. Viele handeln nach einem inneren Drehbuch: Wenn ich schon nicht geliebt werde, dann will ich wenigstens gehasst werden. Nach der Familie, wo sie keine Regeln kennengelernt haben, spielt dann die Gruppe der Gleichaltrigen eine ganz wichtige Rolle. Da reicht ein Einziger aus, der eine erhöhte kriminelle Energie hat, um alle anderen regelrecht zu infizieren.

WDR: Warum ziehen die anderen mit?

Lüdke: Sie werden zu Mitläufern. Aus Angst, dass sich die Gruppe möglicherweise gegen sie stellen könnte.

WDR: Aber Zwölfjährige und eine Vergewaltigung: Wie passt das zusammen?

Lüdke: Wir dürfen bei Zwölfjährigen nicht an das Bild denken, dass wir als Mütter und Familienväter vor Augen haben. Sie können auf einem Entwicklungsstand sein, der durchaus einem Älteren entspricht. Strafmündig sind sie trotzdem nicht.

WDR: Was macht man mit solchen Tätern?

Lüdke: Man sollte meiner Meinung nach auch bei Zwölfjährigen schon sehr harte Strafen anwenden, zum Beispiel einen "Warnschuss"-Arrest. Die Botschaft: Wenn Du das tust, bekommst Du diese Strafe. Und zwar sofort. Leider ist das bisher nicht vorgesehen.

WDR: Ist eine Resozialisierung möglich?

Lüdke: Man kann einen Menschen nur resozialisieren, wenn er überhaupt Sozialisationserfahrungen gemacht hat. Wenn man ihnen helfen will, dann müssen sie in familienähnliche Strukturen. Oder in Gruppen in Jugenddörfern, wo sie Vorbilder haben: Vaterfiguren und Mutterfiguren. Nur durch das Lernen von Regeln gelingt es, sie wieder auf einen geraden Weg zu bringen.

Das Radio-Interview wurde für die Online-Version sprachlich bearbeitet und gekürzt.

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