Nach Attacke in Volkmarsen Eine Amokfahrt und viele offene Fragen

Stand: 24.02.2021 12:37 Uhr

Vor einem Jahr raste ein junger Mann mit seinem Auto in den Rosenmontagsumzug im hessischen Volkmarsen. Der mutmaßliche Amokfahrer schweigt bislang, es könnte ein Mammutprozess werden. 

Von Florian Flade, WDR

Warum raste er mit Vollgas in eine Menschenmenge, darunter viele Kinder? Das wollten die Ermittler von Maurice P. wissen. Doch bis heute schweigt der Beschuldigte. Vor einem Jahr, am 24. Februar 2020, soll er ungebremst, mit 50 bis 60 km/h mit seinem Auto in den Rosenmontagsumzug der hessischen Kleinstadt Volkmarsen gerast sein. Die Ermittler sind überzeugt: mit voller Absicht.

Ein ehemaliger Polizist hat die Tat zufällig gefilmt. In dem Video ist zu sehen, wie der silberfarbene Mercedes in die Feiernden rast, wie Körper durch die Luft fliegen und überrollt werden. Es ist wohl bloßes Glück, dass es keine Toten gab. Doch viele Menschen wurden teils schwer verletzt und lagen lange im Krankenhaus. Ob sie je wieder vollständig gesund werden, ist ungewiss.

Ermittler und Überlebende stehen vor Rätsel

Anfang Mai, so sieht es die bisheriger Planung vor, soll der Prozess gegen Maurice P. vor dem Landgericht Kassel beginnen. Noch ist die Anklage allerdings nicht zugelassen. Die Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt am Main wirft P. versuchten Mord in 91 Fällen, schwere Körperverletzung in 90 Fällen und gefährlichen Eingriff in den Straßenverkehr vor. Ein Motiv konnten die Ermittler trotz monatelanger Suche nicht ausmachen - auch, weil Maurice P. bislang keine Erklärung abgegeben hat. Und so stehen die Überlebenden, Ermittler, Ankläger, und auch sein Verteidiger noch immer vor einem Rätsel.

"Bislang hat mein Mandat keine Angaben zu den Vorwürfen gemacht", sagt der Kasseler Strafverteidiger Bernd Pfläging. "Vielleicht wird die Frage nach dem 'Warum?' auch nicht im Prozess geklärt werden können."

Nötigung, Hausfriedensbruchs und Verkehrsdelikte

Maurice P. ist 30 Jahre alt, er stammt aus Gaggenau in Baden-Württemberg. Vor mehr als zehn Jahren zog die Familie nach Volkmarsen in Nordhessen. Dort begann er eine Ausbildung in einem Elektro-, Sanitär- und Heizungsbetrieb, soll aber nach nur sechs Monaten den Betrieb wieder verlassen haben. Auch in der Berufsschule soll es Ärger gegeben haben. 

Zuletzt war er als Hilfsarbeiter tätig, und soll auch der Polizei schon aufgefallen sein: wegen Nötigung, Hausfriedensbruchs und Verkehrsdelikten. Oft soll er stundenlang in Volkmarsen durch die Straßen gelaufen sein, hatten Anwohner den Ermittlern berichtet, meist mit Kopfhörern in den Ohren, rauchend und Alkohol trinkend. Der Junge sei ein Sonderling gewesen, jemand der offensichtlich kaum Freunde gehabt habe.

Rettungskräfte in Volksmarsen am Rande eines Umzugs | Bildquelle: Hessischer Rundfunk
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Es grenzt an ein Wunder, dass niemand getötet wurde - der mutmaßliche Täter war vor einem Jahr in den Rosenmontagsumzug gerast.

Bei der Amokfahrt nüchtern

In seiner Wohnung fanden die Ermittler keinerlei Hinweise auf eine politisch Ideologie oder religiösen Extremismus. Auch soll es keine Indizien dafür geben, dass Maurice P. irgendeiner Subkultur angehörte, gefunden wurden auch keine Gewaltvideos, kein Bekennerschreiben oder ähnliches. Dafür soll die Polizei auf zahlreiche Kassenbons gestoßen sein, die Maurice P. augenscheinlich gesammelt hatte. Sie belegen, dass er nahezu täglich Alkohol kaufte, oft ein bis zwei Flaschen Wodka, Mischgetränke und Zigaretten.

Die Kassierer in einem Supermarkt von Volkmarsen sollen den Ermittlern bestätigt haben: Maurice P. sei nahezu jeden Tag vorbeigekommen, habe selten gegrüßt und meist harten Alkohol gekauft. Irgendwann aber sei Schluss gewesen. Schon Wochen vor seiner Tat soll Maurice P. aufgehört haben zu trinken, wie Laboruntersuchungen ergaben. Auch bei der Fahrt soll er nüchtern gewesen sein: Es konnte kein Alkohol, keine Drogen und keine Medikamente in seinem Blut nachgewiesen werden.

Tat offenbar bewusst geplant

Ob ein plötzliche Alkoholentzug, der auch Psychosen auslösen kann, eine Erklärung für die Amokfahrt sein könnte, ist unklar. Eine Psychologin hat Maurice P. begutachtet, allerdings auf Grundlage der Akten. Sie kommt zum Ergebnis, dass er wohl voll schuldfähig sei. Vieles, so sagen auch Ermittler, spreche dafür, dass er seine Tat bewusst geplant habe. 

So soll Maurice P. seinen Wagen schon tags zuvor an einer Stelle geparkt haben, von der aus er problemlos in den Rosenmontagsumzug rasen konnte. Außerdem soll er sich eine sogenannte Dashcam gekauft und direkt hinter der Windschutzscheibe angebracht haben. Die Tat zeichnete die Kamera jedoch nicht auf, sie startete erst nachdem der Wagen bereits zum Stehen gekommen war.

Wut und Frustration als Auslöser?

Warum Maurice P. die Kamera mutmaßlich im Auto platzierte, bleibt genauso rätselhaft, wie die Tat an sich. Die Ermittler halten viele Motive für denkbar: Vielleicht sei Maurice P. von banalen Gedanken getrieben gewesen: Wut und Frustration über sein Leben, Hass auf die Freude der feiernden Menschen. Er wäre nicht der erste mutmaßliche Amokfahrer, dessen Beweggründe nicht abschließend geklärt sind.

Im April 2018 steuerte der 48-jährige Jens R. seinen Kleinbus in Passanten vor einem Café in Münster und erschoss sich danach selbst. Er soll an psychischen Problemen gelitten haben, die Polizei bewertet den Fall als erweiterten Suizid. Im vergangenen Dezember dann raste ein Mann in Zickzacklinien durch die Fußgängerzone von Trier, tötete fünf Menschen, darunter ein Baby. Der Beschuldigte soll 1,12 Promille Blutalkohol gehabt haben, ein genaues Motiv ist bis heute unklar.

Mammutprozess erwartet

Das Verfahren gegen den mutmaßlichen Amokfahrer von Volkmarsen könnte zu einem Mammutprozess werden. Das Gericht geht davon aus, dass für eine möglichst gründliche Beweisaufnahme bis zu 450 Zeugen und Sachverständige gehört werden müssen. Anfang 2022 dann soll das Urteil gesprochen werden, so die bisherige Planung. Um solch ein Verfahren in Pandemie-Zeiten durchführen zu können, braucht es viel Platz.

Es werden zahlreiche Opfervertretende und viele Journalistinnen und Journalisten erwartet. Die hessische Justizverwaltung hat bereits einen Saal im Kasseler Kulturbahnhof angemietet.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk Kultur am 22. Februar 2021 um 10:36 Uhr.

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