Interview

ARD-Meteorologe Wagner "Schon ein beachtlicher Wintersturm"

Stand: 08.02.2021 11:46 Uhr

Solch ein extremes Wetter wie dieser Tage hat Deutschland nach Einschätzung des ARD-Meteorologen Andreas Wagner zuletzt 2012 erlebt. Ursache für die Kältewelle sei eine seltene Kombination von Hoch- und Tiefdruckgebiet.

tagesschau.de: Deutschland redet über das Extremwetter. Wie ungewöhnlich ist das Wetter derzeit?

Andreas Wagner: Eine ähnliche Wetterlage wie wir sie derzeit erleben, haben wir erst im Jahr 2012 gehabt, mit ähnlich tiefen Temperaturen und viel Neuschnee. Sie kann, und das muss man immer wieder erklären, auch trotz des Klimawandels durchaus immer mal wieder vorkommen. Arktische Kaltluftausbrüche treten quasi in jedem Winter irgendwo auf der Erde auf. Davon bekommen wir dann meistens nichts mit. In diesem Jahr liegen Hoch- und Tiefdruckgebiete genau richtig, damit sich diese Kältewelle hat einstellen können. Wenn dann mal Schnee liegt - und ist die Kaltluft da -, dann sind bei solchen Wetterlagen auch sehr strenge Fröste bis nahe minus 20 Grad ganz typisch.

Wie entsteht eigentlich so eine Wetterlage?

Wagner: Von Grönland hat sich das Kältehoch "Gisela" über Skandinavien weiter bis zu den baltischen Staaten ausgedehnt. Gleichzeitig haben wir es mit einer ganzen Kette von Tiefdruckgebieten zu tun, die sich vom Atlantischen Ozean her ins Mittelmeergebiet verlagern. So konnte uns Schneetief "Tristan" den Schneesturm in weiten Landesteilen bescheren. Da sich die Anordnung der Druckgebilde über Europa vorerst kaum ändert, bleibt Deutschland in der sehr kalten Ostströmung. Den Höhepunkt, was den Schnee angeht, haben wir dann heute. Derzeit schneit es ja noch in weiten Teilen der Mitte und nach Osten hin, aber das wird sich dann heute Nacht rasch beruhigen. Auch der Ost- beziehungsweise Nordostwind lässt langsam etwas nach, stürmisch ist es aber noch an der Nordsee, wo es am Sonntag ja sogar orkanartige Böen gab.

alt Andreas Wagner

Zur Person

Andreas Wagner ist Meteorologe im ARD-Wetterkompetenzzentrum in Frankfurt am Main.

tagesschau.de: Wie schlimm war es denn am Wochenende tatsächlich gekommen?

Wagner: Nun, für deutsche Verhältnisse war das schon ein beachtlicher Wintersturm mit all seinen Auswirkungen, wie wir sie kennen. Probleme auf Straße, Schiene und in der Luft. Teilweise wurde ja der Busbetrieb und Zugverkehr eingestellt, Hunderte Verbindungen fielen aus, diverse Autobahnabschnitte mussten wegen Vereisung und Schneeverwehungen gesperrt werden, Straßen waren wegen Eisregen und umgestürzter Bäume blockiert. In einigen Landkreisen fällt die Schule aus wegen des Wintereinbruchs.

In Teilen von Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen bis hinüber nach Sachsen fielen 20 bis 40 Zentimeter Schnee, und aktuell kommen ja auch noch einige Zentimeter hinzu. In Kombination mit dem Wind kam es zu Schneeverwehungen und auch durch diese zu Behinderungen oder Straßensperrungen.

Ich denke das ist schon markant. Wer Verhältnisse wie beim Jahrhundert-Schneesturm 1978/79 erwartet hatte, der ist der Boulevardpresse mal wieder auf den Leim gegangen. Möglicherweise ist aber auch nicht allzuviel passiert, weil die Menschen rechtzeitig durch die Unwetterwarnungen des Deutschen Wetterdienstes gewarnt wurden. Und auch in all den Wettersendungen, die wir im ARD-Wetterkompetenzzentrum hier in Frankfurt produziert haben, wurde schon ab Mitte vergangener Woche auf diesen Wintereinbruch hingewiesen. Naja, und dann war ja auch Wochenende, als uns Schneetief "Tristan" beehrte, da ist ja ohnehin weniger los und Berufsverkehr findet dann ja kaum statt.

tagesschau.de: Was erwarten Sie für die kommenden Tage?

Wagner: Gefährlich bleibt die Lage in den kommenden 72 Stunden im Bereich der Nord- und Ostseeküste. Hier stellt sich der sogenannte Lake-Effekt ein. Dieser entsteht, wenn sehr kalte Luft über relativ warmes Meereswasser streicht. Dabei kann die Luft viel Feuchtigkeit aufsaugen, durch die Temperaturgegensätze bilden sich dann Schauerwolken, die dann starke Schnee- und Graupelschauer bringen können. Diese Schauer sind meist linienhaft in der Nordostströmung angeordnet und können strichweise heftige Schneefälle und Schneeverwehungen bringen.

Es würde mich daher nicht wundern, wenn es auch noch zu massiven Behinderungen an den Küsten und in Schleswig-Holstein durch den Lake-Effekt kommen würde. Markant ist übrigens auch der Windchill. Das ist die gefühlte Temperatur auf der blanken Haut. Diese liegt im größten Teil Deutschlands bei minus 12 bis minus 18 Grad, auf den Bergen auch bei minus 20 bis minus 30 Grad! Es kann dann durchaus zu Erfrierungen oder Unterkühlungen kommen bei solchen Temperaturen.

Bis auf weiteres hält Kältehoch "Gisela" die Zügel in der Hand. So haben wir es in der ganzen Woche in weiten Landesteilen mit arktischen Verhältnissen zu tun. Nachts gibt es verbreitet strengen Frost, gebietsweise sogar sehr strengen Frost zwischen minus 15 und minus 20 Grad. Dort, wo der Himmel aufklart und Schnee liegt, sind dann auch in einigen Mittelgebirgstälern unter minus 20 Grad drin, aber das eben nur ganz eng begrenzt.

Passanten im Schnee in Osnabrück | Bildquelle: dpa
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Auch in den kommenden Tagen hat der Winter Deutschland fest im Griff.

Tagsüber kommen die Temperaturen meistens nicht über null Grad hinaus und es bleibt trotz zeitweiligen Sonnenscheins beim Dauerfrost. Ich möchte an dieser Stelle aber auch einen dringenden Apell loswerden: Gewässer sollten vorerst noch nicht betreten werden. Es besteht Lebensgefahr, weil die Eisdecke meist nicht dick genug ist. Vor allem zugefrorene Kanäle und Hafenbecken sollte man nicht betreten. In jedem kalten Winter gibt es leider auch Unfälle oder gar Todesopfer, weil Menschen, allen voran Kinder und Jugendliche, die Gefahr unterschätzen.

Aber die Kälte hat auch gute Auswirkungen: Die Hochwasserlage wird sich bis zum kommenden Wochenende rasch entspannen, denn durch den Frost wird mehr Wasser gebunden, was ansonsten in die Flüsse abfließen könnte.

Die Fragen stellte per E-Mail Dominik Lauck, tagesschau.de

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 08. Februar 2021 um 10:45 Uhr.

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