Polizeiwagen bei der Suche nach einem Flüchtigen im Schwarzwald | Bildquelle: dpa

Polizei sucht 31-Jährigen Flüchtig im Schwarzwald - wer ist Yves R.?

Stand: 17.07.2020 17:56 Uhr

Er gilt als Sonderling, hat mehrere Vorstrafen und ein Faible für Waffen: Seit Tagen sucht die Polizei den flüchtigen Yves R. im Schwarzwald. In seiner Heimat war er schon öfters aufgefallen.

Von Holger Schmidt, ARD-Terrorismusexperte

Yves R. ist strafrechtlich alles andere als ein unbeschriebenes Blatt. Der bislang schwerste Vorfall in seinem Strafregister ist rund elf Jahre her. Im Streit mit einer Freundin - wohl nicht seine Partnerin - hatte er im September 2009 zu seiner Armbrust gegriffen, geschossen und die junge Frau schwer, wahrscheinlich lebensgefährlich verletzt. Er rief sofort den Rettungsdienst. Sie überlebte.

Weil er die Tat kurz vor seinem 21. Geburtstag verübte, war eine Jugendkammer des Landgerichts Pforzheim zuständig. Kaum zwei Monate nach der Tat hatte er Geburtstag. Wie erwachsen war er? War er als Erwachsener zu bestrafen oder nach Jugendrecht? Für das Gericht war es damals keine einfache Entscheidung. Ein Gutachter hielt Yves R. noch für einen Heranwachsenden, obwohl ein anderes Gericht ihn einige Monate zuvor schon als Erwachsenen verurteilt hatte.

Heimatort ist gespalten

Auch in seinem Heimatort Oppenau in der Ortenau sind die Bewohner unterschiedlicher Meinung. Einige halten ihn für gefährlich. Andere glauben, dass er nur auf der Flucht vor der Polizei ist, aber niemandem etwas tun würde. Einig sind sich aber alle, die ihn kennen: Er ist kein gewöhnlicher junger Mann. Das liegt etwa an der Ratte auf seiner Schulter, an die sich manche Oppenauer erinnern, und an dem seltsamen Äußeren, in dem er in den Tagen und Wochen vor der Tat im Ort gesehen wurde: Eine Mischung aus Bundeswehr-Tarnfleck-Bekleidung, einer Multifunktionsweste, Helm und Sturmhaube, Fernglas und Überlebensausrüstung.

Auch mit Waffen wird er immer wieder gesehen, mit Messer, Pfeil und Bogen. Waffen zu tragen wird ihm behördlich verboten, für einen Auftritt mit einem selbstgebauten Säbel auf einer Veranstaltung wird er bestraft. Viele seiner Vorstrafen sind im Ort bekannt. Die Sache mit der Armbrust, Autoaufbrüche, sein Faible für Waffen, aber auch eine Jugendstrafe wegen judenfeindlicher Parolen und Hakenkreuz-Schmierereien. Andererseits: Selbst die Polizei hat den Eindruck, dass er danach die Kurve kriegt, einen Schulabschluss und eine Ausbildung macht.

2019 untergetaucht

In den vergangenen Jahren muss er mehrfach im Ort umziehen. Er hat Mietschulden und kommt auch anderswo seinen Verpflichtungen nicht nach. Gläubiger suchen ihn und bekommen Ende 2019 die Auskunft, er sei "ofW" - ohne festen Wohnsitz.

Yves R. ist für die Behörden untergetaucht. Im Ort sieht man ihn noch bis Anfang Juli. Am zweiten Sonntag im Juli wird er nahe des Ortes in einer Gartenlaube in Hanglage gesehen. Zeugen rufen die Polizei, weil sie auch Waffen bei ihm sehen. Zwei Streifen fahren nach Oppenau - sonntags ist der kleine Polizeiposten im Ort nicht besetzt. Dazu, was dann passiert, gibt es bislang nur die Schilderung der Polizei.

Konflikt in der Hütte

Man habe R. kontrolliert und zunächst aufgefordert, Pfeil und Bogen abzugeben und die Hütte zu verlassen, wird später der Offenburger Polizeipräsident in einer Pressekonferenz sagen. R. sei zunächst kooperativ gewesen. Doch vor der Hütte habe er plötzlich eine Schusswaffe in der Hand gehabt, die die vier Polizisten vorher nicht bemerkt hätten. Daraufhin hätten sie vorsichtig, einer nach dem anderen, ihre eigenen Waffen niedergelegt und R. sei mit den Waffen verschwunden. Seitdem fehlt jede Spur von ihm - und den Waffen.

Auch darüber, ob er sie bei sich hat, kann die Polizei nur spekulieren. Vier Pistolen HK P2000 mit vollen Magazinen wiegen rund drei Kilo - viel auf einer Flucht. Aber er habe einen "hohen Freiheitsdrang", sagt die Polizei.

Angebliches Manifest ist keines

Aufgetaucht ist stattdessen ein Schriftstück, das R. schon vor einiger Zeit im Ort hinterlegt haben soll. Mit rotem Siegellack versehen, steht ein Text in einer kunstvollen, mystischen Schrift auf einem büttenartigen Papier. "Der Ruf der Wildnis" lautet die Überschrift. Boulevardmedien und Hobbypolizisten machen daraus ein Manifest und vergleichen R. mit dem "Una-Bomber", der von 1978 bis in die 1990er-Jahre Anschläge in den USA verübte und drei Menschen tötete.

Über diesen Vergleich kann der wahre Verfasser, ein Imker aus dem Niederrhein, nur den Kopf schütteln. Vor 15 Jahren schrieb er den Text. Er und zwei Freunde hatten damals eine Waldläufergruppe gegründet und zahlreiche Tricks und Kniffe zum Wandern und Leben in der Natur geteilt - und eben den Text "Der Ruf der Wildnis" verfasst, inspiriert vom Survival-Experten Rüdiger Nehberg.

Terrorgedanken enthält der Text nicht - und auch keine explizite Technikfeindlichkeit. Nur den Aufruf, mehr auf die Natur zu achten und mit ihr statt gegen sie zu leben. Der Autor des Textes tut das bei seiner Familie bis heute, unter anderem als Bienenzüchter. Die anderen beiden Waldläufer von damals wurden danach Lehrer und Kommunalbeamter, einer von Ihnen ist Ausbilder im Rettungsdienst.

Handy ausgeschaltet

Yves R. dürfte von all dem nichts wissen. Offenbar kennen die Ermittler eine Handynummer von ihm, doch das Gerät ist seit Tagen ausgeschaltet. Ist er noch in der Gegend, lebt er überhaupt noch? Fragen, über die auch die Polizei nur spekulieren kann. Inzwischen zweifelt auch sie daran, ob R. so gefährlich ist, wie man anfangs angenommen hat.

Die Polizei fordert ihn nun auf, sich zu stellen. Der Schwarzwald in Oppenau ist zwar nur wenige Kilometer von der Rheinebene entfernt, aber so wild und undurchdringlich wie kaum an einer anderen Stelle.

Wilhelm Hauff hat den wilden Schwarzwald in seinen Märchen beschrieben. Und seine Bewohner. In "Das kalte Herz" heißt es, man solle unbedingt den Schwarzwald besuchen. "Nicht der Bäume wegen, obgleich man nicht überall solch unermessliche Mengen herrlich aufgeschossener Tannen findet, sondern wegen der Leute, die sich von den anderen Menschen ringsum merkwürdig unterscheiden."

Über dieses Thema berichtete B5 aktuell am 17. Juli 2020 um 19:34 Uhr.

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