"Amazon"-Schriftzug am Gebäude der Amazon Logistik Winsen GmbH in Winsen an der Luhe. | Bildquelle: dpa

Coronafälle in Logistikzentren Angesteckt bei Amazon

Stand: 25.05.2020 20:07 Uhr

53 Fälle in Winsen, weitere sieben am Standort Pforzheim: Amazon steht in der Kritik, zu spät auf Corona-Infektionen in seinen Logistikzentren zu reagieren. Dabei profitiert der Konzern von der Krise wie kaum ein anderer.

Von Lena Klimpel, tagesschau.de

Im Internet bestellen statt einkaufen zu gehen - in der Corona-Krise erscheint das als die vernünftige Wahl. Wer das Haus möglichst wenig verlässt und soziale Kontakte meidet, schützt sich und andere. Mit der vermeintlich risikofreien Zustellung von allem, was in der Krise unentbehrlich ist, wirbt auch Amazon auf seiner Webseite: "Gerade jetzt ist es wichtig, die Menschen zu Hause mit den Dingen zu versorgen, die sie brauchen", heißt es in einem Werbevideo. Darin dankt der Konzern seinen "Heldinnen und Helden" in der Krise - den Beschäftigten in der Logistik.

Infektionsschutz zu Lasten der Beschäftigten?

Aber was tut Amazon, um nicht nur seine Kunden, sondern auch die eigenen "Helden" vor dem Coronavirus zu schützen? Die Dienstleistungsgewerkschaft ver.di wirft Amazon vor, das Unternehmen habe insbesondere in der ersten Phase der Pandemie zu lange gebraucht, um der Gefährdung der Beschäftigten zu begegnen und erst spät reagiert.

Infektionsschutzmaßnahmen seien zu Lasten der Beschäftigten durchgeführt worden, sagte eine ver.di-Sprecherin zu tagesschau.de. So habe Amazon etwa Spinde verlagert, so dass sich für die Beschäftigten die Wege verlängerten, was de facto eine Verkürzung ihrer Pausenzeiten bedeutete. Mehrfach seien Betriebsräte juristisch eingeschritten, um zu verhindern, dass Schutzmaßnahmen zur verschärften Kontrolle der Beschäftigten missbraucht werden - etwa durch Gesichtserkennung bei Kameras.

Zwar zahlt Amazon seinen Versandmitarbeitern bis Ende Mai einen Zuschlag von zwei Euro pro Stunde - aber nur, wenn sie regulär zur Arbeit kommen und sich nicht krank melden. Ver.di kritisiert das als "Anwesenheitsprämie", die auch erkrankte Personen dazu bewegen könnte, trotz Beschwerden zur Arbeit zu erscheinen, so die Gewerkschaft.

Logistikzentren als "Corona-"Hotspots"

Im niedersächsischen Winsen (Luhe) infizierten sich mindestens 53 der rund 1800 Mitarbeiter im dortigen Amazon-Logistikzentrum mit dem Coronavirus. Erst durch eine Antwort der niedersächsischen Landesregierung vom 15. Mai auf eine Kleine Anfrage der Grünen ist diese Zahl offiziell bekannt geworden. Die Angaben der Landesregierung beziehen sich auf den Zeitraum vom 16. März bis 29. April.

Bereits am 12. Mai hatte STRG-F - ein Reportageformat des ARD-ZDF-Onlineportals funk - die Zahl für eine Reportage über den Amazon-Standort in Winsen beim niedersächsischen Gesundheitsministerium in Erfahrung gebracht. Amazon hatte die 53 Fälle aber zunächst nicht bestätigen wollen.

Eine Amazon-Arbeiterin aus Winsen spricht im STRG-F-Interview zudem von insgesamt 68 Fällen, die in dem Logistikzentrum aber nur inoffiziell bekannt gewesen seien. Die dortigen Beschäftigten werfen Amazon deshalb vor, die Kommunikation des Unternehmens sei nicht transparent gewesen. Anfang April habe es einen letzten Aushang am Standort gegeben, wo von 33 Infizierten die Rede gewesen sei, danach: Schweigen. Die Beschäftigten sprechen gegenüber STRG-F davon, dass die Stimmung miserabel sei: "Jeder hat Angst vor jedem."

Versandbetrieb ging weiter

Auf Anfrage von tagesschau.de versichert Amazon: "Nichts ist uns wichtiger als die Gesundheit und das Wohlergehen der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter." In Winsen habe es im Mai keinen weiteren Ansteckungsfall gegeben. Man habe dort mehr als 150 Prozesse in der Logistik angepasst und alle Maßnahmen umgesetzt, was das zuständige Gesundheitsamt bei einem unangekündigten Besuch am 7. Mai bestätigt habe. Ver.di hätte sich eine schnellere Reaktion der Behörden gewünscht: Es sei "schwer nachzuvollziehen", warum der Betrieb in "Corona-Hotspots" wie Winsen ungehindert habe fortgesetzt werden können.

Und nicht nur in Winsen gibt es Corona-Fälle unter Amazon-Beschäftigten. Ein Sprecher der Stadt Pforzheim, wo Amazon ebenfalls ein Logistikzentrum unterhält, sagte tagesschau.de, am dortigen Standort habe es insgesamt sieben Infektionsfälle gegeben, in einem Zeitraum zwischen 31. März und 16. April. Eine Überprüfung des Logistikzentrums durch das Gesundheitsamt habe nicht stattgefunden.

Vor Bekanntwerden der Fälle in Pforzheim wollte Amazon nicht dazu Stellung nehmen, ob es an weiteren Standorten in Deutschland ebenfalls Corona-Infektionen gegeben hatte.

Streiks in mehreren Ländern

Diese Strategie der minimalen Kommunikation verfolgt das Unternehmen nicht nur in Deutschland. In den USA versucht die Organisation "United for Respect" Zahlen mithilfe einer interaktive Karte zu erfassen, auf der Amazon-Beschäftigte die Fälle an ihren Arbeitsstandorten selbst eintragen können.

Bereits im März gab es an einigen US-Standorten Arbeitsniederlegungen wegen fehlenden Infektionsschutzes. Amazon kündigte den Streikführern. Aus Protest gegen die Entlassungen kündigte Anfang Mai der Vize-Chef von Amazons Cloud-Sparte Amazon Web Services, Tim Bray. Er wirft Amazon vor, unter den Beschäftigten ein "Klima der Angst" zu schaffen. Laut Medienberichten sind in den USA bis Anfang Mai mindestens vier Amazon-Beschäftigte an Corona gestorben.

Bezos der reichste Mensch der Welt

Auch in Italien wurde gestreikt, damit Amazon die staatlichen Regelungen zur Einführung von Schutzmaßnahmen am Arbeitsplatz umsetzt. In Frankreich klagte eine Gewerkschaft gegen Amazon, nachdem sich mindestens zwölf Beschäftigte mit dem Coronavirus infiziert hatten. Sechs Logistikzentren mussten daraufhin für mehrere Wochen schließen, das Unternehmen hätte sonst Millionenstrafen riskiert. Erst seit Mitte Mai darf dort wieder gearbeitet werden - nachdem Amazon sich verpflichtet hatte, die Infektionsschutzmaßnahmen zu verbessern.

Für Amazons Geschäft bedeutet Corona jedenfalls nicht Krise: Der Aktienkurs legte in den vergangenen drei Monaten um 30 Prozent zu. Mit einem Privatvermögen von 143 Milliarden Dollar ist Amazon-Chef Jeff Bezos der reichste Mensch der Welt. Allein seit Beginn des Jahres wuchs sein Vermögen laut Bloomberg Billionaires Index noch einmal um 29 Milliarden Dollar.

Über dieses Thema berichtete NDR 1 Niedersachsen am 20. Mai 2020 um 16:45 Uhr.

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