Polizeibeamte untersuchen den Tatort in Berlin-Moabit. | Bildquelle: REUTERS

Georgier in Berlin erschossen War es ein Auftragsmord?

Stand: 26.08.2019 03:20 Uhr

Mitten in Berlin ist am Freitag ein Mann erschossen worden. Die Behörden schließen einen Auftragsmord nicht aus. Der Tote ist Georgier, sein Hintergrund gibt Aufschluss über mögliche Motive.

Von Silvia Stöber, tagesschau.de

Gegen 12 Uhr mittags war es am Freitag, als im Kleinen Tiergarten in Berlin-Moabit ein Mann erschossen wurde. Die Schüsse seien aus kurzer Distanz erfolgt, schilderte eine Zeugin der "Berliner Morgenpost" zufolge.

Wegen Mordes aus Heimtücke sitzt ein russischer Staatsbürger in Untersuchungshaft. Der 48-Jährige war kurz nach der Tat festgenommen und die Tatwaffe sichergestellt worden.

Der 40-jährige Ermordete Zelimkhan K. war georgischer Staatsbürger. Nach Informationen des WDR hatte ihn der Berliner Staatsschutz anfangs als islamistischen "Gefährder" eingeschätzt, dieser Status habe jedoch schon im vergangenen Jahr nicht mehr gegolten.

Kämpfer im Tschetschenien-Krieg

In seiner Heimatregion, dem Pankisi-Tal im Norden Georgiens, verbreitete sich die Todesnachricht schnell. Dort lebt die muslimische Minderheit der Kisten. Sie sind mit den Tschetschenen auf der russischen Seite des Kaukasus verwandt. Während der beiden Tschetschenien-Kriege spielte das Pankisi-Tal eine wichtige Rolle als Zufluchtsort für Zivilisten und auch für Kämpfer. Einige Kisten wiederum kämpften an der Seite der Tschetschenen gegen die russischen Streitkräfte - so auch Zelimkhan K. Das berichtete die Anwältin Tamta Mikeladze vom Menschenrechtszentrum EMC in Georgien.

Demnach kämpfte Zelimkhan K. als Feldkommandant in den Einheiten Aslan Maschadows. Der ehemalige Oberst der Sowjetarmee und Präsident Tschetscheniens galt als vergleichsweise moderat und verhandlungsbereit. Die russische Führung warf Maschadow jedoch die "Organisation von Terrorakten" vor.

Auch ein Angriff auf die Teilrepublik Inguschetien im Juni 2004 wird Maschadow zugeschrieben - und ebenfalls Zelimkhan K., der deswegen einem georgischen Medienbericht zufolge auf einer Fahndungsliste der russischen Regierung stand. Maschadow wurde 2005 von russischen Sicherheitskräften getötet.

Ein Polizeiwagen steht hinter einer Absperrung in Berlin-Moabit. | Bildquelle: CLEMENS BILAN/EPA-EFE/REX
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Tatort Kleiner Tiergarten in Berlin - ein Polizeiwagen steht hinter einer Absperrung.

Kontakt zu einem Terroristen

Der Name Zelimkhan K. tauchte wieder auf in Zusammenhang mit einem bis heute nicht aufgeklärten und umstrittenen Zwischenfall in Georgien im August 2012. Nach Darstellung der damaligen Regierung in Tiflis nahm eine Gruppe islamistischer Kämpfer auf georgischem Territorium Geiseln. Nach gescheiterten Verhandlungen seien bei einem Schusswechsel elf Extremisten und drei georgische Sicherheitskräfte getötet worden.

Zelimkhan K. soll damals mit dem georgischen Innenministerium kooperiert und dabei geholfen haben, den tschetschenischen Kämpfer Achmed Tschatajew als Verhandler hinzuzuziehen. Das zumindest behauptete Tschatajew, der bei der Operation verhaftet, unter der Nachfolgerregierung aber freigelassen wurde und in Österreich Asylstatus hatte.

Als im Juli 2016 ein Anschlag auf den Flughafen Istanbul verübt wurde, bezeichneten ein US-Senator und türkische Medien Tschatajew als Organisator des Terroraktes. 2017 wurde Tschatajew bei einer Anti-Terroroperation in Tiflis getötet.

In Tiflis niedergeschossen

Auch Zelimkhan K. lebte nicht sicher in Tiflis. Am 28. Mai 2015 erlitt er im Zentrum der georgischen Hauptstadt Schussverletzungen. Die Ermittlungen seien ergebnislos verlaufen und Zelimkhan K. sei Personenschutz vom georgischen Innenministerium verwehrt worden, kritisierte die Menschenrechtsorganisation EMC, die Zelimkhan K. während dieser Zeit unterstützte.

Nach Angaben von Anwältin Mikeladze wurde ihm und seiner Familie aufgrund der Gefahr die Übersiedlung in ein anderes Land gewährt. Nach Informationen des WDR war er in Deutschland Asylbewerber, sollte jedoch abgeschoben werden. Am Freitag dann wurde er in Berlin erschossen. Mikeladze äußerte die Hoffnung, dass die deutschen Behörden sowohl den Täter als auch die Hintermänner überführen.

Ein Islamist?

Hinweise auf die russische Staatsbürgerschaft des verhafteten Verdächtigen geben in Georgien Anlass zu der Vermutung, dass es sich um einen Mord im Auftrag des tschetschenischen Präsidenten Ramsan Kadyrow gehandelt haben könnte. Bereits nach den Schussverletzungen 2015 hatte die Familie von Zelimkhan K. russische Geheimdienste als mögliche Täter genannt, während sich das georgische Innenministerium nicht festlegen wollte und von laufenden Ermittlungen sprach. Anwältin Mikeladze verweist darauf, dass andere Kämpfer aus dem Tschetschenien-Krieg ebenfalls hinterrücks getötet worden seien.

In russischen Medien wurde Zelimkhan K. wiederholt als Statthalter des tschetschenischen islamistischen Kämpfers Doku Umarow in Georgien bezeichnet, der 2013 getötet wurde.

Dass Zelimkhan K. ein Islamist gewesen sein könnte, wird in Georgien mit dem Hinweis zurückgewiesen, er habe sich im Pankisi-Tal dagegen engagiert, dass der "Islamische Staat" junge Männer für den Kampf in Syrien rekrutiert. Im Pankisi-Tal gilt der Familienname K. als angesehen und einflussreich.

Über dieses Thema berichtete RBB24 am 25. August 2019 um 12:00 Uhr in der Sendung Radioeins.

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